Verschlechterten Ackerbau und Viehzucht das Leben?

Günther Konorza wirft in einem Kommentar die Frage auf, warum die „Neolithische Revolution“ (die vermutlich öfter unabhängig voneinander erfolgte und jeweils viele Generationen dauerte) stattfand, obwohl zumindest anfangs das Leben durch Ackerbau und Viehzucht härter und kürzer wurde: „Warum in aller Welt wurden die Jäger und Sammler mit zwei Stunden täglicher Arbeitszeit sesshaft, um 14 Stunden täglich Ackerbau zu treiben un[d] 10 Jahre kürzer zu leben?“ Der Schritt vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern und Viehzüchter war für die weitere Entwicklung der Menschheit wesentlich, doch am Anfang scheinen die Nachteile die Vorteile überwogen zu haben.

Aus meiner Sicht gibt es drei mögliche Erklärungen, die natürlich alle spekulativ sind, aber das Rätsel lösen würde. Erstens kann die reine Not(wendigkeit) die Menschen dazu gezwungen haben, ihre Lebensweise umzustellen. Wenn es nicht mehr genug zu jagen (und fischen) gibt, dann muss man auf andere Formen der Ernährung zurückgreifen, um nicht zu verhungern. Ein plötzliches Ausbleiben von Beutetieren würde eine solche Umstellung auf einen deutlich längeren Zyklus der Nahrungsproduktion nicht erlauben, ein langfristiger Rückgang etwa durch Klimawandel hingegen schon. Für diesen Ansatz spricht, dass es Beispiele dafür gibt, dass Menschen zum Jagen zurückkehrten und den Ackerbau aufgaben, wenn es wieder genug zum Jagen gab.

Die zweiten Erklärung finde ich am plausibelsten: Ackerbau und Viehzucht erlaubten von Anfang an, mehr Menschen sicherer zu ernähren. Es gibt enge Grenzen, wie viele Menschen als Jäger und Sammler leben können. Ackerbau und Viehzucht haben von Anfang an diese Grenzen weit nach außen verschoben. Aber wie passt das zu den Skelettfunden, wonach die ersten Bauern wohl deutlich schlechter ernährt waren und früher starben als ihre jagenden Mitmenschen und Vorfahren? Zugleich ist zu vermuten, dass sie viel mehr arbeiten mussten für ihr karges und kurzes Leben. Die Erklärung dürfte darin liegen, dass mehr Menschen überlebten. Erwachsene Jäger lebten zwar länger, aber die Kindersterblichkeit war höher. Durch das stark schwankende Nahrungsangebot starben die meisten Kinder weg, während Erwachsene auch bei ausbleibendem Jagdglück länger von ihrer Substanz leben konnten. Die Bauern zogen hingegen mehr Kinder groß, wodurch alle im Schnitt weniger zu essen hatten, aber genug zum Überleben.

Eine dritte Möglichkeit ist noch, dass die Ausdifferenzierung und Hierarchisierung der menschlichen Gesellschaft nicht nur eine Folge, sondern auch die Ursache der Sesshaftigkeit war. Vielleicht wurden von Anfang an Menschen gezwungen, Ackerbau zu betreiben, und zwar nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere, die davon als Herren besser lebten, während die Sklaven schlechter lebten als die Jäger, die wegen des Herumziehens und Umgangs mit Waffen schlechter zu zwingen waren. Schließlich könnte diese Ausdifferenzierung auch friedlicher erfolgt sein. Der Ackerbau ermöglichte eine neue Nische zum Überleben, die von einzelnen Menschen genutzt wurde, die sonst nicht überlebt hätten. Die anderen blieben Jäger, bis erst deutlich später die Vorteile des Ackerbaus für alle überwogen, so dass auch die verbliebenen Jäger entweder freiwillig zu Bauern und Viehzüchtern oder von diesen verdrängt wurden.

19 Gedanken zu „Verschlechterten Ackerbau und Viehzucht das Leben?

  1. Ja, Klimawandel gab es damals schon, ohne Autos, Flugzeuge und Industrie!
    Es ist ja technisch auch gar nicht möglich, dass der Mensch das Klima beeinflusst.
    Frau Merkel als Physikerin sollte das eigentlich wissen….!!!

    • Natürlich können die Menschen das Klima beeinflussen. Vielleicht haben sie es schon damals getan, wenn auch noch nicht global. Die Frage ist, was daraus folgt. Die deutsche Energiewende ist auf jeden Fall ein billionenteurer Irrweg, der weder den Menschen noch der Umwelt nutzt.

      • Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass nur der Mensch das Klima beeinflusst. Mutter Natur kann dies ebenfalls. Der Ausbruch eines Supervulkans ist wahrscheinlicher als bislang gedacht, haben Forscher herausgefunden. Ich glaube, auf ein solches Ereignis sind wir schlecht vorbereitet. Es wäre vorteilhafter, wenn wir unsere landwirtschaftlichen Flächen zur Erzeugung eines ausreichenden Vorrats an Lebensmittelkonserven nutzen anstatt zur Herstellung von Biogas.

      • Es bezweifelt doch niemand, dass es natürlichen Klimawandel und Naturkatastrophen gibt. Francomacorisano hat jedoch behauptet, dass der Mensch das Klima überhaupt nicht beeinflussen könne, was faktisch nicht wahr ist. Diskutierenswert ist es hingegen, wie stark der menschliche Einfluss ist, ob eine gewisse Erderwärmung nicht sogar vorteilhaft ist oder wie sonst damit umgegangen werden sollte. Absurd ist jedenfalls die deutsche Politik, Billionen für angeblichen Klimaschutz auszugeben, aber effektiv überhaupt nichts zu bewirken.

      • Herr Dilger schreibt: „Natürlich können die Menschen das Klima beeinflussen.“

        Ja die Menschen beeinflußen das regionale Klima durch Urbanisierung. Im innerstädtischen Bereich ist es im Jahresdurchschnitt um 3°C wärmer als im Umland. Selbst in Dörfern merkt man den Unterschied noch mit bis zu 1°C Differenz. Der Grund ist Bodenversiegelung und Behinderung des Luftaustausches. Im Gegenzug stellt man eine Abkühlung um etwa 1°C fest, wenn z.B. große Flächen für den Reisanbau bewässert werden (Verdunstungskälte).
        Das alles ist der Wissenschaft schon lange bekannt, und hat mit irgendwelchen zusätzlichen Spurengasen nur sehr wenig zu tun. Der größte Energiespeicher in der Atmosphäre ist Wasserdampf. Beweis: Der tropische Gürtel. Dort wo die Sonneneinstrahlung am stärksten wirken sollte, steigt die Temperatur tagsüber kaum über 30°C und erreicht nur nach dem Abregnen kurzfristig mal die 20°-Marke.
        Klimaschutz? Welches langjährige Wettergeschehen (Klima) soll denn geschützt werden?

      • Vor der Industrialisierung erfolgten die größten (regionalen) Klimaveränderungen durch Menschen wohl mittels Rodung großer Waldflächen, was heute übrigens auch noch geschieht. Aber gerade weil die Physik angesprochen wurde, sollte man die Bedeutung von Treibhausgasen nicht abtun. Kein ernsthafter Wissenschaftler bestreitet, dass es den Treibhauseffekt gibt und die Menschen dazu beitragen. Natürlich nicht Sie oder ich allein, auch die Emissionen der ganzen Menschheit in einem Jahr sind zu vernachlässigen, nicht aber über Jahrzehnte und Jahrhunderte. Der kumulierte Effekte ist relevant und kann sogar ziemlich genau berechnet werden. Wer das bestreitet, outet sich als bestenfalls wissenschaftlich uninformiert und schlimmstenfalls wissenschaftsfeindlich. Was wissenschaftlich hingegen ernsthaft diskutiert wird, sind mögliche gegenläufige oder auch verstärkende Effekte, z. B. durch veränderte Wolkenbildung.

        Das Klimaschutzziel, die mittlere globale Temperatur um nicht mehr als zwei Grad relativ zu vor der Industrialisierung ansteigen zu lassen, mutet recht willkürlich an, zumal natürliche Prozesse zum Temperaturanstieg beitragen könnten (oder umgekehrt gerade eine Verschärfung der Eiszeit abgewehrt wird, vor der man sich noch in den 1980er Jahren fürchtete). Die größte Angst ist wohl, dass es irgendwann kein Halten mehr geben könnte und die Temperatur viel stärker ansteigt, was ich allerdings für extrem unwahrscheinlich halte. Der Anstieg des Meeresspiegels führt durch veränderte Küstenlinien zu Anpassungsproblemen. Dafür wird anderswo mehr Land nutzbar und begünstigt Kohlendioxid das Pflanzenwachstum.

      • Kein logisch denkender Mensch würde den Treibhauseffekt bestreiten. Wobei diese Bezeichnung an sich schon irreführend ist, weil die Erdatmosphäre kein geschlossenes System ist. Korrekt wäre Atmosphäreneffekt. Die Strahlungsleistung ergibt sich aus der Schwingungsfrequenz der angeregten Moleküle.
        Jetzt stellt sich die Frage weshalb gerade CO2 zum Bösewicht erklärt wurde. Dessen Strahlungsleistung ergibt grad mal einen Wert von 220-230 Kelvin (ca. minus 50°C). Deshalb kann man es auch erst in etwa 11km Höhe messen.
        Vielmehr müßten feste Schmutzpartikel, die bekanntlich über den ganzen Spektralbereich strahlen, verteufelt werden. Nur — Staub- und Partikelfilter haben wir schon an allerlei erdenklichen Stellen installiert. Was soll man da der „reichen westlichen“ Zivilisation noch aufdiktieren?
        Nebenbei: Warmzeiten = Klimaoptima, Kaltzeiten = Klimapesima
        Und der Beginn der Industrialisierung war am Ende der „kleinen Eiszeit“. Sollen wir dahin zurück?

      • Ohne Atmosphäre wäre die Erde im Schnitt viel kälter mit stärkeren Temperaturschwankungen. Es geht um den zusätzlichen menschengemachten Effekt. Dass dieser nicht nur bei der Temperatur, sondern auch in der Bewertung positiv sein könnte, sehe ich wie Sie. Auf jeden Fall führt die teure deutsche Politik zu keiner realen Veränderung. Sie ist ineffektiv und ineffizient und taugt höchstens als schlechtes Beispiel.

      • “ Die größte Angst ist wohl, dass es irgendwann kein Halten mehr geben könnte und die Temperatur viel stärker ansteigt, was ich allerdings für extrem unwahrscheinlich halte“

        Warum halten Sie das für extrem unwahrscheinlich?

      • Die Angst ist rein abstrakt. Für einen gewissen Temperaturanstieg durch Treibhausgase gibt es klare naturwissenschaftliche Grundlagen, für einen dramatischen Anstieg nicht. Insbesondere wenn das durch Menschen freigesetzte Kohlendioxid ursprünglich aus der Atmosphäre stammt, wissen wir, dass die Erde damit lebensfreundlich bleibt, vermutlich sogar stärker als heute.

    • M.W. hängen viele tipping points die so diskutiert werden gar nicht unmittelbar mit einem weiteren Ansteigen der Emissionen zusammen (wie z.B. beim Schmelzen der Permafrostböden) sondern verstärken den Erwärmungseffekt über andere Mechanismen (z.B. dunklere Ozeane durch das Abschmelzen großer Eisflächen)

      • Die Politik stellt aber fast allein auf Kohlendioxidemissionen ab. Außerdem waren erdgeschichtlich gesehen die Pole meistens eisfrei, ohne dass es zu einer Katastrophe gekommen wäre. Wir leben immer noch in einer Eiszeit, wenn auch in einer relativen Wärmephase darin.

  2. Göbekli Tepe ist unsere einzige Brücke. Es wurde um 9600 vor Chr. erbaut. Dieses Steinbauwerk enthält ca. 200 je 20 t schwere t-förmige steinerne Kreuze und ringförmige Steinmauern von 1m Dicke, wo sicher Hunderte Menschen jahrzehntelang gebaut haben. Es diente sicherlich nicht Wohnzwecken. Nach Erkenntnissen der Wissenschaftler Schmitt und Abt handelt es sich um eine Tempelanlage, erbaut Jahrtausende bevor die Jäger und Sammler sesshaft wurden. Die Tempelanlage muss wohl von einer sesshaften Priesterschaft betreut worden sein. Für die Ernährung der Arbeiterschaft war zumindest eine primitive Landwirtschaft notwendig.
    Daher ginge die Sesshaftwerdeung primär von spirituellen und nicht wirtschaftlichen Bedürfnissen aus; die Sesshaftuigkeit war demnach Folge der Einrichtung und Pflege spiritueller Stätten. (Theodor Abt)

    • Es muss doch zuerst die wirtschaftliche Grundlage bzw. den Ackerbau geben, um dann große Tempelanlagen bauen zu können. Religion kann natürlich ein Mittel sein, um die Arbeiter bei Laune zu halten. Vielleicht war sie aber auch eher ein Antrieb für die Herrschenden, deren Untertanen nicht gefragt wurden. Jagende Gruppe waren jedoch zu klein, mobil und homogen, um eine solche Hierarchie auszubilden.

  3. Pingback: Langfristiges Wachstum und Geburtenrate | Alexander Dilger

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