Countersignalling

Signalling bedeutet, dass bei zwei Qualitätstypen der bessere ein Signal sendet, um sich von dem schlechteren nach außen erkennbar zu differenzieren (was auch bei mehr als zwei Qualitätstypen und gegebenenfalls mit abgestuften Signalen funktioniert). Das Signal ist mit Kosten verbunden, welche für den besseren Typ niedriger sind. Das wurde zuerst von Michael Spence beschrieben in „Job Market Signaling“, wofür er später den Nobelpreis erhielt. Dadurch lässt sich z. B. das Streben nach höheren Bildungsabschlüssen erklären, selbst wenn das dafür nötige Studium wenig zur späteren Produktivität beitragen sollte. Als Signal zeigen die Abschlüsse beispielsweise ohnehin vorhandene höhere Intelligenz an. Mit viel Aufwand könnten auch weniger intelligente Menschen solche Abschlüsse erhalten, was sich für sie aber gerade wegen dieses höheren Aufwandes nicht lohnen würde. Das ist heute ökonomisches Standardwissen, welches sich auch in vielen anderen Kontexten einsetzen lässt.

Weniger bekannt ist eine interessante Weiterentwicklung der Theorie, nämlich die Idee vom Countersignalling, die Nick Feltovich, Richmond Harbaugh und Ted To in „Too cool for school? Signalling and countersignalling“ entwickelten. Nehmen wir an, dass es drei Qualitätstypen gibt (z. B. hinsichtlich Intelligenz). Dann wird sich der mittlere Typ vom unteren Typ mittels Signal differenzieren wollen. Nach der Standardtheorie würde der obere Typ sich mit einem noch stärkeren Signal vom mittleren abzuheben versuchen. Tatsächlich kann seine Form der Differenzierung jedoch darin bestehen, dass er auf das Signal verzichtet, welches der mittlere Typ benutzt, um sich selbst vom unteren abzuheben. Das setzt allerdings voraus, dass aus einem anderen Grund ohnehin klar ist, dass der obere Typ nicht der untere ist. Auch dafür gibt es zahlreiche Anwendungsbeispiele. Bei noch mehr Qualitätstypen kann es sogar dialektisch zu mehreren Wechseln von Signalling und Countersignalling kommen. Außerdem hängt es vom Empfänger der Signale ab, ob er diese oder auch deren Fehlen richtig zu deuten weiß. Jemand Kluges erkennt eher ein Genie, wo andere nur einen Idioten sehen.

3 Gedanken zu „Countersignalling

  1. Countersignalling ist heute ein Begriff, der stark von der Alt-Right geprägt wurde und von dieser in Trumps Wahlkampf in das politische (Kampf)Vokabular eingeführt wurde. Der Ausdruck wurde populär in den großen Memewars von 2015-2016, als die Neue Linke in den sozialen Medien ihre erste mediale Niederlage seit 1968 erfuhr.

    Wie oben beschrieben, geht es bei dem Begriff um soziale Distinktionsgewinne, typischerweise mittels verbaler Akte und in erster Linie innerhalb der eigenen Gruppe. Die sogenannte Willkommenskultur kann man zum Beispiel als einen moralischen Überbietungswettbewerb des Signalisierens und Gegensignalisierens analysieren:

    Gutmensch: Wir müssen die syrischen Flüchtlinge aufnehmen, aber es sollte doch Regeln für die Aufnahme geben.

    Bessermensch: No border! Kein Mensch ist illegal! Grenzen sind Rassismus.

    In der Alt-Right ist durch den linken Dauergebrauch Countersignalling wie Virtue signalling überhaupt verpönt. Es gilt als eine billige Weise, wie man sich sozial über Mitglieder der peer group erhebt, ohne den erhobenen moralischen Anspruch aber selbst einlösen zu müssen.

  2. Die Theorie vom Signalling soll das Modell von der Theorie des perfekten Marktes ergänzen, indem es nicht von einer Parität ausgeht und sich mit dem Wissen und (Fehl-)Verhalten der Marktteilnehmer beschäftigt und Lösungsmodelle bez. der Kategorisierung und Maßstabsbildung bez. der Gegenleistung anbietet, u.a. indem es Methoden zur Berücksichtigung der cost of signalling anbietet.

    Wenn Parteibücher, Mogeleien und Käufe zu hochwertigen Studienabschlüssen führen, dann greifen die angebotenen Methoden nicht. Ebenso gibt es Wettbewerbsverzerrungen durch sog. Lobbyismus / Korruption, wenn der Staat die cost of signalling ( z.B. durch sog. Bankenrettung, unterlassene Rechtsverfolgung gegenüber gewerbsmäßigen Betrügern ) übernimmt oder zu Lasten der anderen Marktteilnehmer überlässt.

    Zugleich kann die Betrachtungsweise zu starr sein. Zahlreiche New Media Gründer und Wegbereiter der digitalen Gesellschaftsordnung wären durch jedes Bewerberverfahren durchgefallen, einfach weil diese Personen gar nicht ausreichend normierte Wege beschreiten. Ihre Persönlichkeitsstruktur ist nicht normgerecht.

    Umgekehrt kann ein sehr normgerechtes und angepasstes Verhalten zu Überbewertungen führen, weil lediglich Spezialwissen und -fähigkeiten angeeignet worden sind. Wenn taktische oder strategische Maßnahmen in der Ausbildung angewandt worden sind, könnte manch eine Erwartungshaltung eines Arbeitgebers sogar unerfüllt bleiben.

    Die Frage ist auch, ob Signalling letztlich – gerade auch hier in Deutschland – fehlerhaftes Marktverhalten nicht intensiviert und perpetuiert. Die übertriebene und in Deutschland gängige Fokussierung auf Zertifikate und Garantien von Arbeitgeberseite führt(e) dazu, dass eben auch Arbeitnehmer mit gleicher Sichtweise in Unternehmen Einzug halten (hielten). Es entstehen auch zweifelhafte Gruppendynamiken.

    Mangelnde Risikobereitschaft deutscher Unternehmen, die lieber Patente verkauften oder auslaufen ließen als Marktchancen zu nutzen, inzwischen sogar wichtige Weiterentwicklungen ( auch wieder gruppendynamisch ) unterlassen, subventionierten in der Vergangenheit mittelbar reichlich Arbeitsplätze in Fernost ( CD, MP3, EDV, Transrapid, pp. ) und stellen derzeit die Zukunftsfähigkeit ganzer Branchen in Frage ( Automobilindustrie / Brennwerttechnologien ).

    Umgekehrt wurde gerade in der Finanzbranche ein übermäßiges Vertrauen in Zertifikate investiert und Zockern, bzw. einer einschlägigen Gruppendynamik Tür und Tor geöffnet.

    Gerade wenn man auch Dynamik und Innovationsfähigkeit sicher stellen will, wird man Risikokapital investieren müssen und dabei auf Zertifikate und Garantien teilweise verzichten, also den Aspekt der cost of signalling hinten anstellen müssen.

    Countersignalling flexibilisiert die Sichtweise von Signalling und untermauert, dass Signalling wichtige Instrumente mitbringt, aber zu starr sein kann.

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