Ausgerechnet Schulz will Flüchtlinge zu Wahlkampfthema machen

Der SPD-Kanzlerkandidat scheint völlig verzweifelt zu sein, weshalb er eine Kamikaze-Aktion versucht: „Martin Schulz warnt vor neuer Flüchtlingskrise“. Die Warnung ist inhaltlich mehr als berechtigt, doch er und die SPD können damit in keiner Weise punkten, weil sie nicht nur jede Fehlentscheidung von Frau Merkel mitgetragen haben, sondern diese teilweise noch übertrumpfen wollten. Dementsprechend hat er auch jetzt keine sinnvollen Lösungsvorschläge anzubieten, sondern meint:

Gegen Geld von der EU-Kommission sollen andere EU-Länder Italien Flüchtlinge abnehmen. Deutschland nimmt Schulz da allerdings aus: „Jetzt sind die anderen EU-Mitgliedsstaaten dran.“

So kann man keine Flüchtlingskrise lösen, sondern nur die Spaltung Europas weiter vorantreiben.

Der SPD-Chef fordert zudem eine europäische Afrika-Strategie: „Mehr Fairness im Handel, mehr und effizientere Entwicklungshilfe, ein Stopp der Waffenverkäufe in Krisenregionen. Ohne eine wirtschaftliche Perspektive für Afrika wird es kein Ende des Flüchtlingsdramas geben.“

Das können für sich genommen sinnvolle Maßnahmen sein, wobei es sehr auf die konkrete Ausgestaltung ankommt. Aber dadurch gibt es auf absehbare Zeit nicht weniger, sondern noch mehr Flüchtlinge einschließlich Wirtschaftsflüchtlingen. Denn wer absolut arm oder sogar dem Hungertod nahe ist, kann es sich gar nicht leisten, bis nach Europa zu fliehen. Weniger Armut führt dementsprechend erst einmal zu mehr Migration, wie auch die Migration sich selbst verstärkt und jeder hier Aufgenommene nicht nur direkt Familienangehörige nachziehen will, sondern durch seinen Erfolg auch viele weitere dazu animiert, sich auf die lange und oftmals gefährliche Reise zu machen. Deshalb wäre es richtig, den Menschen in Afrika zu helfen, aber nicht unkontrolliert Millionen nach Europa bzw. Deutschland zu lassen, wie es CDU und SPD praktiziert haben und weiterhin praktizieren wollen (siehe z. B. ‚Merkel gegen Volksentscheide und andere CSU-Forderungen‘).

52 Gedanken zu „Ausgerechnet Schulz will Flüchtlinge zu Wahlkampfthema machen

  1. Was meinen Sie denn mit „Weniger Armut führt dementsprechend erstmal zu mehr Migration“ ? Das klingt ja so, als ob irgendwelche europäischen Maßnahmen in Afrika zu weniger Armut führen würden. Und dann gleich in solchen Größenordnungen, daß sogar alle Schritte zwischen „dem Hungertod nahe“ und „sich eine Reise nach Europa leisten“ überwunden werden würden.

    Man hört das oft, sowohl von der AfD als auch von der Linken und den anderen linken Parteien: „Fluchtursachen bekämpfen“. Das ist natürlich Utopie. Wir können nicht die Armut in Afrika beseitigen, denn das gelingt uns ja auch in Europa nicht. Es gelingt uns auch in Europa nicht, Korruption und Ausbeutung zu bekämpfen. Geschweige denn in fremden, souveränen Staaten. Und ganz sicher werden wir auch die Bürgerkriege nicht beenden, sei es in Mali, Nigeria oder Syrien.

    Aber selbst bei maximalen Erfolgen, selbst wenn uns – in einem Gedanken-Experiment – das Unmögliche gelingen würde, die Sahara zu einem fruchtbaren Land, und französische Kolonien wie Tschad oder Niger zu ernsthaften Wirtschaftsstandorten zu entwickeln – wäre damit der Unterschied zw. Afrika und Europa auszugleichen?

    Und solange man in anderen Ländern vermeintlich besser leben kann, werden dann nicht weiterhin Millionen Afrikaner auch ihre dann entwickelte Heimat verlassen, weil in Europa, namentlich in Deutschland, alles soviel besser ist?

    Die einzige Lösung ist aus meiner Sicht eine Abschreckungspolitik. Gegen die Gerüchte, die die Schlepper unter ihrer Kundschaft verbreiten, daß man in Deutschland alles geschenkt bekommt, muß als Gegengerücht in Afrika verbreitet werden, daß man in Europa zunächst zwei Jahre zusammen mit seinen eigenen Todfeinden in einer Art Gefangenenlanger oder bestenfalls in Turnhallen untergebracht wird, zwar Essen und Trinken bekommt, aber kein Geld, das man Angehörigen schicken könnte und im dritten Jahr mit leeren Händen wieder nach Hause geschickt wird. Und wenn man so selbstverständliche Dinge tut wie die eigene Frau zu schlagen oder umzubringen oder fremde Frauen zu vergewaltigen, in’s Gefängnis wandert oder gleich in die Heimat abgeschoben wird. Das weder das eine noch das andere passiert und daß auch die Gefängnisse im Vergleich zu Afrika Luxusunterkünfte sind, muß man nicht direkt dazu sagen, sonst ist selbst das schon ein weiterer Anreiz …

    Es gibt Probleme, die können wir nicht lösen. Und das sind die meisten!

    • Ich stimme Ihnen zu, genau das ist auch meine Sicht. Das Problem kann nur gelöst werden, wenn wir uns mal anschauen, wie es die Australier machen: Abschreckung. Die ungezügelte Bevölkerungsexplosion des afrikanischen Kontinents (warum spricht darüber niemand? Wie haben das die Chinesen weiland gemacht?) wird ansonsten auch die europäischen Staaten (noch mehr) ins Elend und zum Zusammenbruch führen. Zwangsweise.

      Und was Schulz angeht: Diese unglaubliche Fehlbesetzung will natürlich wenigstens noch ein klein wenig Aufmerksamkeit erringen. Ihm geht es aber nicht darum, die Zahl zu begrenzen (-> Abschreckung), sondern die Kommenden besser zu verteilen. Daher die Aufregung: Es wird von den Staatsmedien als störend wahrgenommen, daß er damit die CDU ausmanövriert hat – aber das dürfte nur ein temporäres Kräuseln der Aufmerksamkeitsoberfläche verursachen. In Kürze wird all das vergessen sein, und die Deutschen werden von ihren „Eliten“ wieder in Schlaf gewiegt worden sein und dabei das Nachtlied „Alles ist gut“ vorgesummt bekommen. Zahltag ist nach der Wahl. Zahltag? Ach was, Zahlorgie!

      • Die Chinesen haben das nicht gut gemacht mit zwangsweisen Abtreibungen etc. Durch den steigenden Wohlstand ist das Bevölkerungswachstum in (fast) allen asiatischen Ländern zurückgegangen. Damit ist auch in Afrika zu rechnen, allerdings mit einer deutlichen zeitlichen Verzögerung.

    • Da geht jetzt einiges durcheinander. Es ist doch nicht meine These, sondern die von Herrn Schulz, Europa könne die Zuwanderung dadurch stoppen, dass mit etwas Entwicklungshilfe der Wohlstand in Afrika explodiert. Dagegen ist bekannt, dass etwas weniger Armut erst einmal zu mehr Emigration führt. Auch in Afrika steigt der Wohlstand ganz unabhängig von oder vielleicht sogar trotz westlicher Entwicklungshilfe und dort gibt es immer mehr Menschen, die sich eine Reise nach Europa zuerst vorstellen und dann leisten können. Es werden nie alle Afrikaner nach Europa kommen, doch wenn Herr Schulz ein paar Millionen mehr dazu ertüchtigt, hat er sein erklärtes Ziel konterkariert.

      In Europa ist es hingegen tatsächlich gelungen, absolute Armut zu beseitigen. Hier muss niemand mehr hungern oder gar verhungern. Relative Armut ist ein ganz anderes Problem, welches auch bei steigendem Wohlstand nicht verschwindet, insbesondere wenn man das Kriterium hochsetzt (von 50 Prozent auf 60 Prozent des Medianeinkommens) und immer mehr Menschen ohne geeignete Qualifikationen ins Land lässt.

      Was Sie schließlich als Abschreckung vorschlagen, wäre tatsächlich ein großes Anlockprogramm. Wie Sie selbst bemerken, lebt es sich hier selbst im Gefängnis deutlich besser, als es den meisten Afrikaner in Freiheit geht. Die meisten Migranten nehmen Sozialleistungen mit, was aber nicht der Hauptantrieb für ihr Kommen ist, da es sich hier auch ohne einen Cent vom Staat viel besser leben lässt als zu Hause. Abschreckend wirkt es nur, wenn es (fast) keiner mehr nach Europa schaffen würde. Wer dreimal in seine Heimat oder nach Libyen zurückgebracht wurde, wird es sich dreimal überlegen, ob er noch ein viertes Mal eine Schlepperbande bezahlt. Wenn hingegen Hilfsorganisationen oder sogar staatliche Rettungsschiffe die Menschen schon direkt vor der libyschen Küsten einsammeln und nach Italien bringen, darf man sich nicht wundern, wenn immer mehr Menschen mit seeuntüchtigen Schiffen aufbrechen. Was human scheint, ist tatsächlich besonders grausam und dumm.

      • Das ist die einzig wirksame Lösung. Gestern ist wieder ein Boot mit 600 Flüchtlingen angekommen. Nehmen wir an, man hätte die heute wieder zurückgeschickt, mit Flieger oder einem Schiff. Bedenken sie, diese 600 Flüchtlinge, die ja ihr Leben riskieren statt es behalten zu wollen, haben ein Vermögen bezahlt, um nach Europa zu kommen. Jetzt waren sie einen Tag in Europa und alles Vermögen ist weg. Ich wette, kaum einer würde die Flucht nochmal antreten, Nachahmer würde es keine mehr geben.
        Kommen wir mal zu den Flüchtlingen, die wirklich flüchten müssen, weil ihr Leben in große Gefahr ist. Haben diese Wohlstandserwartenden auf den jetzigen Flüchtlingsbooten ihnen nicht ihre Chancen schon genommen?
        Kommen wir zu Martin, der aus dem Dilemma nur politisches Kapital schlagen möchte. Dieser Martin … lassen wir es, mir wird einfach schlecht.

  2. Afrikas Bevoelkerung explodiert gerade von 1 Milliarde auf 4 Milliarden Menschen. Hier ist mehr intellektuelle Ehrlichkeit notwendig, dass das Problem Afrikas hausgemacht ist und kein Mass an Fair Trade oder Entwicklungshilfe die selbstgemachten Probleme des Kontinents auch nur im Entferntesten loesen koennte. Selbst wenn wir uns aufgeben wuerden und 1 Milliarde Afrikaner in Europa Lebensraum anbieten wuerden, wuerde das die Probleme Afrikas nicht annaehernd beheben.

    • Wenn sofort eine Milliarde Afrikaner nach Europa kämen, wären die Bevölkerungsprobleme dort gelöst, weil fast niemand mehr dort wäre. Allerdings hätten wir dann hier absolute Armut und Bürgerkrieg, so dass viele auswandern würden, z. B. nach Afrika oder Kanada. In 100 Jahren sieht das tatsächlich anders aus, da dann mit vier Milliarden Afrikanern gerechnet wird, womit allerdings auch dort das zu erwartende Maximum erreicht wird, während die Weltbevölkerung sich dann stabilisiert oder sogar leicht schrumpft (wenn keine Katastrophe passiert).

  3. Schulz hat einen kleinen Moment Aufmerksamkeit bekommen. Der langfristige Abwärtstrend der SPD wird anhalten. Ich denke, sie wird nach der Wahl nicht mehr als Koalitionspartner benötigt – und sich trotzdem nicht mehr in der Opposition regenerieren.

    • Die SPD wirkt tatsächlich personell und thematisch ausgelaugt. Trotzdem würde ich sie noch nicht komplett abschreiben. Wir wissen insbesondere nicht, was mit der CDU nach Frau Merkel passiert. In gewisser Weise ist Sozialdemokratie in Deutschland nicht unattraktiv, sondern zu attraktiv, so dass sich alle Parteien darum bemühen.

  4. Ich würde Schulz zwar zutrauen, dass er tatsächlich so wahnhaft ist und daran glaubt, dass er mit diesem Thema punkten könne. Ich habe aber auch eine zweite Idee: Er will das Thema zum Wahlkampfthema machen, um die CDU zu schwächen. Das Thema hilft vor allem der AfD. Die zur AfD abgewanderten Wähler sind nicht zur SPD zurückgekommen, wie die Umfragen zeigen. Sie sind entweder immer noch dort oder sind zur CDU weitergezogen. Ein starkes AfD-Ergebnis schwächt vom jetzigen Ausgangsniveau die CDU mehr als die SPD, was die SPD zumindest relativ stärkt.

    • So denken wohl Politiker und ihre Berater. Trotzdem ist es riskant und recht kurzfristig gedacht. Zumindest in letzter Zeit dürfte die AfD die SPD mehr Stimmen gekostet haben als die Union. Wenn es gelänge, die AfD unter fünf Prozent zu drücken, dürfte davon auch und gerade die SPD profitieren, die sonst noch eine Partei mehr nach Grünen und Linken zu ihrem eigenen Nachteil etabliert hätte. Außerdem goutieren die Wähler einen völlig unklaren Kurs höchstens bei Frau Merkel. Die verbliebenen SPD-Wähler regen sich wohl eher über einen restriktiveren als noch lockereren Flüchtlingskurs auf. Das alles ist Herrn Schulz aber vielleicht egal, weil er nur jetzt Kanzlerkandidat und danach vermutlich ganz abgemeldet ist.

      • Martin Schulz kämpft alleine für sich und seine Karriere. RRG ist Vergangenheit. Wenn er eine politische Zukunft haben möchte, ist vor allem das relative Ergebnis zur Union relevant. Werden beide gedemütigt, wird man den Misserfolg ihm weniger ankreiden, als wenn die Union ebenfalls sehr schwach abschneidet. So kann er sich möglicherweise sogar in einen Ministerposten retten (Jamaika hatte in der Vergangenheit nicht immer eine komfortable Mehrheit, was bei einst 16% für die AfD auch nicht verwundert).

        Außerdem scheint Martin Schulz auch bereits ziemlich verbittert und neidisch auf Merkel zu sein. Wenn er schon untergeht, dann soll Merkel ihm bitte auch folgen. Die SPD hat ungefähr 20 Prozent treue Wähler, tiefer kann er nicht fallen und dort ist er schon fast angekommen. Aber bei der CDU ist deutlich Spielraum nach unten. Da lohnt sich Ein negative campaigning, das zwar beide Seiten schädigt, die andere aber noch mehr. Im Grundlagenstudium würde man das „böswillige Präferenzen“ nennen. Profitieren dürften alle anderen Parteien (vor allem AfD, aber abgeschwächt auch FDP, Grüne und Linke), da je nach Sichtweise die Kritiker in diesem Kleinkrieg sich eine neue Heimat suchen.

  5. Merkels Flüchtlings-Politik schadet eindeutig deutschen Interessen. ABER wenn Schulz Kanzler wäre, würde er noch mehr Unterschichten aus rückständigen Staaten bei uns hereinlassen. Auch bei der Errichtung einer Schulden-Union (Euro-Bonds) und anderen Themen, wäre er noch verhängnisvoller für Deutschland.

    Schulz = Merkel²

      • Ich habe nicht gesagt, dass Merkel harmloser ist als Schulz. Wahrscheinlich ist sie sogar gefährlicher weil trickreicher. Wählbar sind beide für mich nicht!

      • Ich hätte sogar Herrn Schulz gewählt, um Frau Merkel loszuwerden. Da das nicht möglich ist, werde ich ihn bzw. die SPD allerdings auch nicht wählen.

    • Ich bleibe dabei, wie schon früher gepostet:
      Solange Bundesliga, DSDS und Dschungelcamp im TV flimmern und Aldi & Co. Fertiggerichte und Dosenbier billig verkaufen, wird sich in Deutschland gar nichts ändern. Den meisten im Rotwein-Gürtel geht es (noch) sehr gut. Im alten Rom nannte man das „Brot und Spiele„.
      Das herrliche Leben von glücklichen Sklaven…..

  6. Schulz macht die AfD stark. Leider ist der politische Algorithmus in Deutschland derzeit so, dass die Wahl praktisch jeder Partei im Ergebnis auf Merkel als neue Regierungschefin hinausläuft. Das dürfte eine geringe Wahlbeteiligung und ein großes Protestwählerpotential zur Folge haben. Die AfD wir damit auf jeden Fall zweistellig in den Bundestag einziehen.

    • Ich würde dagegen wetten, dass die AfD ein zweistelliges Ergebnis (in Prozent der gültigen Stimmen) einfährt. Dafür ist sie personell und inhaltlich zu schlecht aufgestellt. Vor allem fehlt die echte Änderungsperspektive, so dass sie nur reine Proteststimmen erhält. Gerade bürgerliche Wähler wollen lieber Einfluss nehmen. Frau Merkel ist zwar gesetzt, aber es ist noch offen, mit wem sie koaliert.

      • Hört sich an, als wäre schwarz/gelb für Sie das „kleinere Übel“. So hatte ich 2009 auch gedacht. Leider hatte ich mich mächtig geirrt! Westerwelle wollte unbedingt Außenminister werden (oder bleiben), wie seine Mentoren Genscher und Kinkel. Daher konnte Merkel mit ihm machen, was sie wollte…..!

      • Frau Merkel wird auch mit Herrn Lindner machen können, was sie will. Trotzdem ist eine schwarz-gelbe Koalition besser als die Alternativen, nämlich entweder Jamaika oder die Fortsetzung der Großen Koalition.

      • Nun, das ist natürlich subjektives Empfinden, was der bürgerliche Wähler denn so wollen würde. „Protestwähler“ nehmen durch ihren Protest den Einfluss, den man von einer Oppositionspartei erwarten kann. Die Erfindung des „Protestwählers“ ist ein geschickter semantischer Schachzug der Etablierten, um die Opposition zu diskreditieren. Ihrer Auffassung entgegen gesetzt glaube ich, dass gerade bürgerliche Wähler keine Ampel wünschen und auch meistenteils die FDP nicht in der Regierung sehen möchten.

      • Es gibt verschiedene Arten von Opposition. Opposition kann ein realistisches Angebot zur Ablösung der bestehenden Regierung sein. Diese Art von Opposition, die eigentlich am wichtigsten für eine funktionierende Demokratie ist, gibt es leider momentan gar nicht in Deutschland. Opposition können weiterhin Parteien im Wartestand sein, die gerne an der bestehenden Regierungen beteiligt werden möchten und dafür zu mehr oder weniger großen Zugeständnisse bereit sind. Das trifft im Moment auf Grüne, FDP und auch den Petry-Pretzell-Flügel der AfD zu. In gewisser Weise gilt das auch für die SPD, nur dass sie überhaupt nicht in der Opposition ist, sondern bereits Teil der Regierung. Schließlich kann Opposition bedeuten, dass Parteien grundsätzlich gegen die Regierung sind, ohne selbst regieren zu wollen oder zu können. Dabei handelt es sich dann um Fundamentalopposition bzw. Protestparteien. Dazu zählen Die Linke und der größere Teil der AfD sowie die meisten chancenlosen Kleinstparteien.

        Bürgerliche Wähler sind vereinfacht ausgedrückt gemäßigte Wähler, die nicht links sind. Die meisten davon wählen immer noch die Union, wünschen sich aber lieber eine schwarz-gelbe Koalition als Jamaika oder die Fortsetzung der Großen Koalition. Eine Ampel lehnen sie natürlich ab, obwohl sie diese immer noch gegenüber Rot-Rot-Grün präferieren würden, wobei beides jetzt nicht realistisch ist.

      • Was ist ein bürgerlicher Wähler und was ist ein Protestwähler? Was macht einen „bürgerlich“? Wenn per Definition eine Person des Bürgertums FDP oder CDU wählt, dann kann per se kein bürgerlicher Wähler AfD wählen…

        Es ist doch mittlerweile bekannt, dass nicht nur der Pöbel der AfD zuneigt, sondern es auch einen nicht zu vernachlässigenden Anteil an Bildungbürger gibt, der sich unter anderem auch in diesem Blog äußert. Nur ist in dieser Gruppe die Bereitschaft zur AfD zu stehen oder gar aktiv mitzumachen geringer als in der Arbeiterschaft, weil der soziale Druck ein ganz anderer ist.

        Ich möchte mit meiner Stimme das Bestmögliche für Deutschland erreichen und unter dieser Prämisse vergebe ich sie. Da mag Protest dabei sein. Aber primär gebe ich sie der AfD, weil eine Stimme für die AfD die Politik in jene Richtung verschiebt, die ich mir wünsche. Die AfD steht meinem Weltbild schlicht am nächsten. Ich habe kein links-grünes Gutmenschenweltbild und hier ist die AfD schlichtweg die einzige relevante Partei, die dieses ebenfalls ablehnt.

        Mich können Möchtegernpolitologen beschreiben, wie sie wollen. Ich handele zu 100 Prozent rational und bin dabei weder Rassist noch Unmensch. Dabei fühle ich mich auch nicht alleine. Ich bin mir sicher, dass es unzähligen Wählern der AfD ähnlich geht. Es könnten noch viel mehr sein, wenn es weder diesen sozialen Druck gäbe noch diese mediale Hetze. Man muss realistisch bleiben. Aber 10 Prozent können es definitiv werden, da ist der Zug noch lange nicht abgefahren. Können, nicht müssen.

      • Parteipolitik ist komplizierter, insbesondere in Deutschland. Wenn Sie eine bestimmte Partei wählen, z. B. die AfD, muss das die Politik insgesamt nicht unbedingt in deren Richtung bewegen, sondern es könnte stärkere Gegenkräfte mobilisieren. Hinzu kommt, dass die Richtung stimmt (nach rechts, weil selbst die CDU inzwischen links der Mitte steht), aber zumindest nach meinen Überzeugungen nicht das Ziel (rechts statt in der Mitte). Schließlich ist innerhalb der AfD zu differenzieren. Die Pretzell-Truppe, die die Liste in NRW dominiert, ist gar nicht rechts oder überhaupt politisch in einem inhaltlichen Sinne, sondern würde natürlich Frau Merkel ebenso wie Herrn Laschet unterstützen.

      • Eine Ampel wird von fast keinem Wähler gewünscht. Primär werden das die Sozialpädagogen der SPD sein, aber schon der linke Flügel macht das nicht mehr mit. Die Fundis bei den Grünen wollen auch lieber RRG und die „Realos“ lieber mit Merkel.

        Die FDP selbst nimmt vielleicht alles, aber im Zweifel doch eher Merkel.

        Jeder Wähler muss wissen, dass die Chance für Schwarz-Gelb ziemlich gering ist. Und selbst bei einer Realisierung müsste jedem klar sein, dass sich die AfD gegründet hat, WEIL Schwarz-Gelb versagte, nicht Rot-Grün. Man darf hier kein kurzes Gedächtnis haben. Wer also Einfluss nehmen möchte, der nimmt ihn nicht, wenn er genau diese Leute jetzt wieder mit Regierungsverantwortung belohnt. Er übt ihn aus, indem er eindeutig NEIN sagt.

        Man sollte vor allem die FDP auch nicht überschätzen. Das ist größtenteils immer noch eine absolute Klientelpartei, die als von der CDU blutsaugender Parasit ein paar enttäuschte Leihstimmen bekommt. Lindner hat allenfalls ein paar jugendliche Yuppie-Stimmen (oder von solchen, die es gerne wären) hinzugewonnen, die aber den Gaul nicht fett machen. Die mögen medial stark vertreten sein, aber auf die gesamte Bevölkerung berechnet eher wenig ausmachen. Das Stammklientel der FDP ist dagegen weiterhin mickrig. Mickriger als jenes der Linken, jenes der Grünen und auch jetzt der AfD. Grüne und AfD sind bei ihrem Stammklientel angekommen, da geht es nur noch schwer bergab. Die FDP muss hingegen auf Fehler von Merkel hoffen, um überhaupt den jetzigen Stand zu halten. Mehr als 8 Prozent sind jedenfalls ohne kräftige Unterstützung von Merkel verdammt schwierig.

      • Eine Ampel hat dieses Jahr im Bund keine Chance, Rot-Rot-Grün auch nicht mehr. Es gibt eigentlich „nur“ drei realistische Optionen: Schwarz-Gelb, Jamaika oder Große Koalition jeweils mit Frau Merkel als Kanzlerin. Schwarz-Gelb wird diesmal nicht besser sein als 2009-2013, trotzdem erscheint es mir als das kleinste Übel: Die FDP macht zwar jeden Mist von Frau Merkel mit, fordert aber nicht von sich aus noch Schlimmeres so wie Grüne und SPD. Weiterhin ist die Regierungsmehrheit dann kleiner, was den Einfluss der CSU und von Hinterbänklern etwas erhöht. Außerdem gibt es dann eher wieder eine echte Opposition, wenn auch von links, und sind die Fehlentscheidungen noch erkennbarer direkt Frau Merkel zuzurechnen. Schließlich steigen die Chancen ihrer Abwahl 2021, wenn auch nur geringfügig.

      • Es gibt im Übrigen auch noch den ehrlichen Wähler, der aus politischer Überzeugung heraus und prinzipiell nicht taktisch wählt. Diese Sorte sollte man auch nicht unterschätzen.

      • Die SPD könnte höchstens neue Wählerschichten erreichen, wenn sie auf Sarrazin hören würde. Aber links wurde sie bereits von Merkel überholt….

      • Die SPD müsste tatsächlich mit der CDU die Seiten tauschen, sich also rechts von ihr aufstellen, was inzwischen sogar links der Mitte ginge und durch Anknüpfen an gute sozialdemokratische Traditionen. Ihrem jetzigen Spitzenpersonal traue ich das jedoch nicht zu. Die Mitglieder und Wähler der SPD sind auch nicht so folgsam wie die der CDU.

      • Ich denke auch, dass es viele ehrliche Wähler gibt. Ich bin ja auch so einer.

        Warum wähle ich AfD? Weil die Art und Weise zu denken, die Art und Weise wie ich lebe und meine Persönlichkeit und Ideale im Allgemeinen von jenen Gruppen, die medial die Macht besitzen, abgelehnt, ja sogar angegriffen wird. Die grün-linke Gutmenschengesinnung richtet sich in ihrer Gänze gegen alles, was mich als Menschen auszeichnet und womit ich mich identifiziere. Natürlich wehre ich mich da.

        Ich lasse mich nicht als moralisch verkommener Unmensch abstempeln und ich lasse mir auch meinen gesunden Menschenverstand, der auf Rationalität beruht, nicht abtrainieren. Ich bin ich und ich möchte ich bleiben. Leider habe ich nicht die Macht, die Gesellschaft in der Gänze zu verändern. Aber im Kleinen kann ich auf Widerstand schalten und zumindest im persönlichen Umfeld damit Erfolge erzielen. Die Menschen sind zum Glück noch längst nicht so indoktriniert wie es die moralisch-mediale Klasse gerne hätte.

        Die AfD ist die einzige Partei, die deutschlandweit Widerstand gegen diese moralisierende Gesellschaft, in dem jegliches Thema mit religiösem Eifer behandelt wird, leistet. Sie könnte das zwar geschickter und erfolgreicher tun. Sie ist noch nicht das Ideal. Sie vereint auch verschiedene Parteien in einer, wobei mir nicht jede Partei gleich nahe steht. Aber sie ist für mich die einzige Möglichkeit, mich nicht selbst verleugnen zu müssen.

  7. „Wenn Sie eine bestimmte Partei wählen, z. B. die AfD, muss das die Politik insgesamt nicht unbedingt in deren Richtung bewegen, sondern es könnte stärkere Gegenkräfte mobilisieren.“

    Das stimmt. Allerdings sind im Falle der AfD diese Kraefte schon vollkommen mobilisiert worden, konnten die Partei nicht aus dem Feld schlagen und nutzen sich jetzt an der von ihnen geschaffenen und zu verantwortenden Realitaet ab. Die AfD muss einfach weiter Kurs halten und Stueck fuer Stueck den gesellschaftlichen Boden besetzen, den die Altkraefte raeumen muessen.

    • Welchen Kurs fährt denn die AfD? In NRW stimmt sie nicht gegen Herrn Laschet, woanders würde sie wohl am liebsten gleich die ganze Republik umstürzen. Richtig ist, dass sie den insbesondere von CDU und FDP geräumten politischen Raum besetzen sollte, wozu sie allerdings viel seriöser auftreten bzw. sein müsste.

  8. Die AfD ist doch zu Ihrer Zeit unter Lucke ‚viel serioeser‘ aufgetreten.

    Ergebnis: Sie wurde trotzdem von Altparteien und -medien braun angestrichen und Lucke selbst wurde als christlicher Quasi-Fundamentalist verschrien.

    Und jetzt, wo Lucke keine politische Gefahr mehr darstellt und sogar als Kronzeuge gegen seine alte Partei verwertet werden kann, ist er wieder zum „Wertkonservativen“ geworden.

    Das zeigt doch, wie Feindmarkierungen funktionieren. Einfach aushalten und weitermachen, ist die richtige Antwort. Die Professoren konnten das aber damals nicht mehr und deswegen haben sie sich selbst aus dem Spiel genommen und von der Macht abgemeldet. Ihre Chance ist vertan und jetzt sind eben Leute am Ruder, die vielleicht nicht dieselbe intellektuelle Klasse besitzen, aber in jedem Fall politisch wesentlich resistenter sind.

    • Herr Lucke ist doch sehr konservativ, auch wenn das jetzt in der AfD gerne verdrängt wird, und er hat grundsätzlich eine offene Flanke nach Rechtsaußen, wie die Entwicklung von LKR zeigt. Abgesehen davon muss ein Vorwurf nicht immer falsch sein, nur weil er oft missbraucht wird. Schließlich sind verfassungsfeindliche Vorstellungen nur ein Problem der AfD. Der unseriöse Opportunismus von den vielen Pleitiers ist ein anderes, vermutlich sogar deutlich größeres Problem.

      • Politisch sind die Pleitiers aber gar nicht opportunistisch. Pretzell faehrt doch eine gute Kante gegen die Altparteien („Merkels Tote“). Ich kann da anders als bei Lucke noch kein Anbiedern an die CDU erkennen.

      • Sie haben immer noch nicht erklärt, warum die AfD NRW nicht gegen Herrn Laschet gestimmt hat. Wenn das kein Anbiedern an die CDU ist, was dann?

      • Bernd Lucke ist konservativ, aber ein Trottel und Honk (wie es zu meiner Jugendzeit noch hieß). Er hatte keinerlei Fähigkeiten einem Shitstorm standzuhalten.

        Was die AfD braucht, ist eine charismatische Führungsperson, die über Witz, Gelassenheit, Aussehen, Rhetorik, Angriffslust und Rückgrat verfügt. Eine Person wie Jörg Haider und die AfD stünde ganz anders da.

        Bernd Lucke ist zwar sehr intelligent, aber charakterlich völlig ungeeignet. Weder ist er dazu geeignet eine Partei zu führen, noch hat er das Charisma eine Bewegung medial anzuführen.

        Die AfD braucht eine an sich „unverdächtige“ Person, die über Chuzpe und Intelligenz verfügt. Die man zwar versuchen kann, in eine Ecke zu drängen, die sich aber aufgrund ihrer Fähigkeiten dort nicht einigeln lässt. Eine Person, die zwecks ihrer Ausstrahlung Sachen sagen kann, die sich andere nicht erlauben dürften. Eine Person, der man abnimmt, dass sie einen guten Kern hat, aber sich der Wahrheit verpflichtet sieht und keinen Illusionen. Nur eine solche Person wird das Wählerpotenzial in einen Bereich bringen, den es braucht, um das Land in die richtige Richtung zu verändern.

      • In der AfD hat wohl am ehesten Leif-Erik Holm das Potential dazu. Er müsste aber auch wollen, was vor allem eine Auseinandersetzung mit den Pleitiers erfordern würde. Mal sehen, was nach der Wahl passiert, bei der Mecklenburg-Vorpommern das relativ beste Wahlergebnis einfahren dürfte.

      • Holm erfüllt viele Attribute, aber letztendlich ist er zu brav. Für die AfD wäre er wohl der Beste, aber gerade aufgrund seiner sympathischen Erscheinung könnte er etwas frecher auftreten. Er muss nicht so aufpassen wie von Storch oder Petry, die als Menschenfresser (S) und Beißzange (P) erst die Herzen der Menschen gewinnen müssen.

      • Ist es schlimm, zu brav, sympathisch und anständig zu sein? Wenn tatsächlich nur eine Person allein die ganze Partei repräsentieren müsste, sollte er vielleicht auch gegenläufige Eigenschaften entwickeln. Doch gerade die AfD hat viele Köpfe, die dementsprechend ihre jeweiligen Stärken stärken sollten.

      • @ Alexander Dilger

        Fragen Sie mich nicht. Ich verstehe ja auch nicht, warum Sie fuer Laschet gestimmt haben. Vielleicht sind Pretzell und Sie sich ja doch aehnlicher, als Sie glauben. 😉

        Aber man muss zwischen taktischen und strategischen Dingen unterscheiden. Strategisch ist die AfD die einzige echte Oppositionskraft zum Altparteienallerlei, auch in NRW. Solange das so ist, kann ich ueber taktische Schnitzer hinwegsehen, denn es geht doch um das grosse Ganze,

      • Herrn Pretzell und mich verbindet nichts (mehr). Auf den wesentlichen Unterschied zwischen einer öffentlichen Wahl, bei der es um die Abwahl der rot-grünen Regierung mit einem unsäglichen Innenminister ging, und der nachfolgenden Wahl im Parlament, als diese Abwahl schon längst gelungen war und es um die Bestätigung eines Merkel-Intimus ging, habe ich schon mehrfach hingewiesen. Hinzu kommt, dass ich inzwischen ein einfacher und parteiloser Wähler bin, während Herr Pretzell Landes- und Fraktionschef der Ihrer Meinung nach einzig wahren Oppositionspartei ist, die sich aber gar nicht so verhalten hat. Das liegt daran, dass er nur taktische Spielchen kennt und über keine politische Strategie verfügt. Er kennt nämlich nur das persönliche Ziel der Bereicherung, was er jedoch mittels AfD bislang ganz gut hinbekommen hat.

      • Schlimm ist es nicht. Aber Macht und Stärke wirkt anziehend. Merkel vereint zwar keines meiner beschriebenen Attribute, aber die Medien haben haben das Bild von ihr als „Mutter der Nation“ erschaffen, das ebenfalls unheimlich kraftvoll und vertrauenserweckend ist. Das bekam sie allerdings erst während ihrer Kanzlerschaft. Ihre erste Wahl war ja auch noch nicht so überzeugend, da hat ihr Schröder noch ganz schön was vorgemacht. Die AfD ist jetzt allerdings in der Rolle des Herausforderers und da ist lieb, anständig und nett alleine zu wenig. Da muss man schon auch beweisen, dass man auch zu Angriffen in der Lage ist.

        Wobei die AfD momentan natürlich erst einmal mit grundsätzlichen Imageproblemen zu kämpfen hat, wo der Typ Holm auf jeden Fall goldrichtig wäre.

  9. @ Peter Burger

    Also ich habe Lucke schon als einen Politiker in Erinnerung, der mehr Gegenwind aushalten konnte als die allermeisten Berufspolitiker der Altparteien. Er hat sich viel anhoeren muessen. Charisma hatte er vielleicht keines im eigentlichen Sinne, aber das sehe ich ehrlich gesagt auch bei keinem anderen deutschen Politiker. Immerhin galt er als das Gesicht der Eurokritik, was ihn eine zeitlang fuer die AfD unschaetzbar machte.

    Beim Thema Einwanderung, Integration und Deutschfeindlichkeit hat er allerdings irgendwann dem ausserparteilichen Druck nachgegeben, nachdem Henkel zuerst die Nerven verloren hatte. Ich mache ihm aber keinen Vorwurf daraus. Es ist einfach so, dass bei diesem Thema nur die staerksten Charaktere die trommelfeuerartigen Anfeindungen aushalten koennen. Bei jeder Trendwende nutzen sich im Feuer der Medien mehrere Politikergenerationen ab, bevor es dann schliesslich einer gelingt, das Ruder zu wenden. Das ist das Wesen von ‚Revolutionen‘.

    • Lucke konnte den Gegenwind aushalten. Aber er hat ungeschickt reagiert. Er war immer sofort im Rechtfertigungsmodus und hat dabei in Schuljungenmanier gegrinst. Wie man mit ihm 2003 nach der verlorenen Bundestagswahl umging – unwürdig. Wie man ihn danach Frau Vogelhaarmöchtegernbundespräsidentin Schwan zur Nazi-Inquisition freigab – ein ekelhaftes und abscheuliches Schauspiel. Das hat ihm Sympathiepunkte bzw. Mitleidspunkte gebracht. Aber er war nicht in der Lage „Stärke“ oder anders ausgedrückt „Männlichkeit“ zu demonstrieren. Auch wenn das zugegebenermaßen auch verdammt schwierig ist. Er war halt der nette Nerd von nebenan, den man über den Schulhof schubste, der aber trotzdem bei seinem langweiligen Hobby blieb. Damit war er selbstverständlich auch hilfreich für die AfD. Aber spätestens mit der Flüchtlingsfrage wäre er dann überfordert gewesen, denn da war der Wind nochmal deutlich schärfer.

      Wer sehen will, wie man eine öffentliche Inquisition überstehen kann und sogar noch selbst auftrumpfen kann, der schaut sich das folgende Videos an. Der Zusammenhang ist zwar ein völlig anderer, aber Michael Johnson hat es hier geschafft, das Publikum für sich und gegen den Inquisitor Kerner aufzubringen. Einen größeren Sieg kann man kaum erreichen.

      Bei Henkel weiß ich nicht, warum er plötzlich so ausgerastet ist. Das müssen auch persönliche Dinge gewesen sein, auch sein Umgang mit Adam. Er hat den Islam schon kritisiert, als es die AfD noch nicht mal gab. Auch hat er einst Sarrazin in Schutz genommen, wo das sonst noch keiner tat. Videos findet man zahlreich auf YouTube. Sein Rückgrat war es also nicht. Er ist auch ein großer Verlust gewesen, weil er eben nicht nerdig-verschroben wirkte, sondern als ein Mann von Welt, dessen Wort Gewicht hat.

      • Herr Lucke wurde 2013 in der AfD wie ein Superstar verehrt. Er füllte Hallen und ganz viele waren ehrlich begeistert. Das zeigt mir, dass es weniger um die Person geht als um das Publikum, welches etwas in eine Person projiziert. Spätestens 2015 war es dann damit vorbei. Der Umschwung erinnert an die Bibel, wo die Menschen erst Palmwedel winken und fünf Tage später „Kreuzigt ihn!“ rufen.

        Herr Henkel und die AfD fanden nie so eng zusammen. Hätte Herr Lucke ihn bereits vor der Bundestagswahl 2013 in die AfD gelassen, hätte das vielleicht für den Einzug in den Bundestag gereicht und die Geschichte (sowohl der AfD als auch der Republik) wäre ganz anders verlaufen. Der Aufstieg von Herrn Pretzell begann doch eigentlich damit, dass er Anfang 2014 gegen Herrn Henkel hetzte. Seine Gegenkandidatur blieb zwar erfolglos, erlaubte ihm jedoch die Kungelei, um über Platz 7 ins Europaparlament und darüber in die Sprecherposition in NRW zu rutschen. Dann machte er sich an Frau Petry heran und beide stürzten Herrn Lucke, um jetzt angeblich einen bürgerlichen Kurs zu vertreten.

      • Ich war 2013 im Bundestagswahlkampf bei einem Vortrag von Lucke. Der Saal war so voll, dass die Plätze nicht mehr ausreichten. Ja, Bernd Lucke wurde popstarähnlich verehrt, auch von mir. Vor diesem Publikum konnte er auch glänzen. Aber für die große Bühne bei den ihm feindlichen Medien war er der falsche Typ. Auch sein Versuch den Populist zu mimen, war wenig glaubhaft. Er konnte das nicht authentisch vertreten. Der Vortrag ist mir noch in toller Erinnerung. Allein die Erinnerung und die Bezugnehmung auf die 1848er-Revolution, die auch in der Örtlichkeit ihren Ursprung nahm, versprühte Gänsehautstimmung. Es war eine richtige Aufbruchstimmung und Hoffnung zu verspüren. Davon ist heute leider wenig übrig. Mit ihrem Vergleich eines Missionars und der Projektion des Publikums liegen sie vermutlich auch richtig.

      • Mir ist aufgefallen, dass Herr Lucke vor großem Publikum besser sprechen kann als in kleiner Runde. Bei den meisten Menschen ist es umgekehrt. Vielleicht liegt es auch daran, dass er sich auf seine Reden gut vorbereitet hat, was im direkten Gespräch weniger gut geht und zu seinem Beharren aufs Ausredenlassen führt, statt sich schlagfertig auf eine Diskussion einzulassen. Richtig ist, dass die Stimmung heute eine ganz andere, viel schlechtere ist.

      • Bernd Lucke ist Professor und ist es damit gewohnt vor 500 Studenten die Vorlesung Makroökonomie (oder war es Mikro?) zu halten. Nach jahrelanger Erfahrung sollte er das auch können. Da sollten ihn große Menschenmengen auch nichts ausmachen und da kann er so ausführlich die Themen besprechen, wie es ihm gefällt. Das ist vielleicht auch das Problem. Als Professor und Lehrstuhlinhaber ist man „gottgleich“. Man bestimmt selbst und kann autoritär herrschen. Ein Zwiegespräch im Kleinen gibt es selten und wenn doch, dann ist man stets in der höheren Position. Zwar mag es Konferenzen ohne diese Rangunterschiede geben, aber auch die beziehen sich auf rein sachliche Themen. Den schlagfertigen Diskurs lernt man vermutlich am besten beim ausgiebigen Mittagessen in der Mensa oder beim abendlichen Bier in der Kneipe. Beide Situation hat der einsam gläubige und abstinente Bernd Lucke wohl eher weniger häufig genossen.

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