Ohne Wiedervereinigung wäre die DDR (auch) gescheitert

The Economist hatte kürzlich einige interessante kontrafaktische Szenarien, darunter „What if Germany had not reunified? A German question“. Die deutsche Wiedervereinigung war keineswegs unvermeidlich. Anfangs waren von den Alliierten nur die USA dafür. Die Sowjetunion wollte anfangs die Neutralität Deutschlands zur Voraussetzung machen. Frankreich machte tatsächlich die Einführung des Euro zur Bedingung, womit es sich selbst jedoch noch viel mehr als Deutschland geschadet hat.

Eine selbständige DDR wäre auf keinen Fall erfolgreich gewesen, da noch viel mehr Menschen in den Westen geströmt wären. Offene Grenzen bei einem erheblichen Wohlstandsgefälle entfalteten eben schon damals eine große Sogwirkung, die nur durch massive Transfers abgeschwächt werden konnte. Als gescheiterter Staat wäre die DDR eine offene Wunde in der Mitte Europas geworden. So sind nur viele frühere DDR-Bürger sauer, weil sie ihr Leben nicht mit ihrer tatsächlichen Vergangenheit vergleichen, sondern mit dem Standard der Westdeutschen. Die meisten Osteuropäer sind dagegen ärmer, aber glücklicher über das selbst Erreichte.

9 Gedanken zu „Ohne Wiedervereinigung wäre die DDR (auch) gescheitert

  1. Hätte es die ‚Wiedervereinigung‘ nicht gegeben, wäre die Bundesrepublik (West) heute ein modernes Land mit moderaten Steuer- und Abgabesätzen und die DDR ein demokratisch regierter Staat auf dem wirtschaftlichen Niveau von Rumänien oder Bulgarien. Kein Grund für Ossis, zu jammern. Zumal ja ohnehin etwa 6 Mio. ostdeutsche Wirtschaftsflüchtlinge „rübergemacht“ haben und im Westen verdientes Geld nach Hause hätten schicken können, wie es andere Wirtschaftsflüchtlinge auch machen. Vermutlich hätte sich die DDR durch eigenes Engagement sogar weitaus besser entwickelt als die meisten Gegenden in den fünf neuen Bundesländern durch die realsozialistische Umverteilungs-Daueralimentierung.

  2. Aber dann wäre Frau Merkel jetzt Vorsitzende des Staatsrates und uns wäre der Euro als Preis für die Vereinigung erspart geblieben.

  3. Da meine Frau den Economist im Abo für das Tablet hat, werde ich mir den Beitrag mit Sicherheit durchlesen. Hilfreich wäre die Ausgabe-Nr. des Economist.
    Natürlich ist es intellektuell immer interessant , sich mit dem „Was wäre-geworden-wenn“ zu beschäftigen. Das sich Frankreich mit dem Euro „ins eigene Knie“ geschossen hat, dürfte inzwischen jedem Wirtschaftswissenschaftler klar sein. Es ging Mitterand um die Macht über die Finanzpolitik, nachdem die deutsche Bundesbank für Europa faktisch das Zinsniveau bestimmte. Jetzt fährt Draghi den Aussenwert des Euros ( gegenüber einer fiktiv aufrecht erhaltenen DM ) herunter und dem mediterranen Süden auf die Beine zu helfen. Und was passier: Für die INTERNATIONAL aufgestellte deutsche Wirtschaft wirkt das wie ein Turbo. Für die im wesentlichen im Binnenmarkt tätigen anderen EU-Länder wirkt die Droge nicht.
    Ich halte es somit mit dem Historiker Paul Sethe, der über den Vertrag von Versailles meinte: „Es ist immer schlecht, wenn der Schwächere ( F ) den Stärkeren ( D ) an die Kette legen will. Das gilt auch für den „friedlichen“ Wettstreit.
    Und was die DDR betrifft, mit der ich wegen der Herkunft meiner Eltern intensievst beschäftigt hatte, als hier noch von Teilen der SPD von einem „erwägenswerten dritten Weg“ die Rede war: Das GG gab jedem DDR-Bürger, der den Boden der BRD betreten hatte das Recht auf unsere Staatsbürgerschaft ohne großen Antrag. Hätte die Bande um Modrow und Co. versucht die DDR irgendwie aufrecht zu erhalten, wären die jungen leistungsfähigen Leute schneller hier gewesen, als die Politik auf beiden Seiten, hätte reagieren können. Die DDR wäre innerhalb von einem Jahr zusammengebrochen – mit oder ohne Sowjetsoldaten auf dem „Territorium“. Insofern beteilige ich mich als alter Dipl.-Wirtschafts-Ing. gern an der Spekulation. Ich bin gespannt, wie der Economist das sieht und danke für den Hinweis!

    • Den Beitrag habe ich verlinkt. Jeder kann beim Economist ein paar Beiträge gratis lesen (sonst würde ich darauf auch nicht verlinken). Im Übrigen war er im Sonderteil des Hefts vom 16. Juli 2016.

      • Vielen Dank, Herr Prof. Dilger. Ich könnte zu mir selbst sagen: “ It’s only the link, stupid!“
        Der Beitrag bestätigt meine Einschätzung. Es waren alle unsere „Freunde“ bis auf die USA gegen die Wiedervereinigung. Außer den drei anderen „Siegermächten“ wurde aber im Grunde keiner weiter gefragt. Interessant ist, dass wir die Unterschrift der Franzosen unter den 2+4-Vertrag nur gegen die Währungsunion bekommen haben. Die Briten haben nichts bekommen – George Busch sen. hat über seinen Außenminister Baker der eisernen Lady unmissverständlich klar gemacht, dass er die Wiedervereinigung will. Die Russen haben geradezu lächerliche Beträge für den Abzug ihrer Truppen und den Aufbau von Quartieren für dieselben und einen Kredit über 12 Mrd. DM bekommen. Insofern schien es so, dass Frankreich zunächst der Profiteur der Wiederverinigung war. Ich erinnere an den dubiosen Verkauf von MINOL einschließlich des ges. Tankstellen-Netzes an TOTAL und an die Aussagen von Herrn Augstein, dass der Euro für Frankreich, wie ein zweites Versailles ist.
        In der Nachbetrachtung kann man sagen, dass die Personen Kohl, Busch und Gorbatschow die Player waren. Ich selbst habe einer Live-Talkshow in den USA mit Busch sen. und Bill Clinton beigewohnt in der niemand deutsche Gäste vermutet hatte. Auf die Frage des Moderators an Busch, welches sein größter politischer Erfolg in seiner Amtszeit war, antwortete dieser: Die deutsche Wiedervereinigung.
        Auch wenn ich die Währungsunion für einen schlimmen Fehler halte, die Wiederverienigung war es wert. Man hätte zwar nach dem 3.Oktober 1990 die Währungsunion auf die „lange Bank“ schieben können – aber das hätte nicht dem Verständnis von Kohl für ein gegebenes Wort entsprochen. In jedem Fall war die Regierungs-Politik in dieser Zeit souveräner als heute unter Frau Merkel. Kein Vergleich!

      • Es zeigt sich eben, dass trotz allem Antiamerikanismus die USA unsere wirklichen Freunde sind.

        Herr Kohl hat sehr viel falsch gemacht, aber dass er die Chance der Wiedervereinigung sofort ergriffen hat, ist sein bleibendes Verdienst, während Herr Lafontaine völlig versagte.

  4. Hinsichtlich der ökonomischen Schlußfolgerungen zuzustimmen. Was die Interpretation der Gefühlslage anbetrifft, muss man sehen, dass eine ganze Generation aus dem Gleis geworfen worden ist:
    – Die damals um die 50-Jährigen in einem beispiellosen wirtschaftlichen Kahlschlag perspektivlos Entlassenen,
    – Eingriffe durch Restitutionen,
    – die bis heute verödenden Klein- und Mittelstädte.
    Wenn dieser selbstherrliche und wirtschaftlich unbedarfte Altkanzler Kohl auf die Expertise seines Ministeriums für innerdeutsche Beziehungen zurückgegriffen hätte (wir haben diesem Ministerium viele Jahre als studentische Arbeitsgemeinschaft an der Uni Erlangen-Nürnberg u.a. zugearbeitet), anstatt dieses kurzerhand aufzulösen, hätte die wirtschaftliche Integration reibungsloser funktioniert. Kohl hat seine Promotion des EURO angeblich im Nachhinein als Fehler bezeichnet; die Klippe Mitterand wäre sicher leichter zu umschiffen gewesen als die Haltung der damaligen SU zur Wiedervereinigung und NATO-Integration zu beeinflussen. Darauf deuten jedenfalls die von Heribert Schwan publizierten Gesprächsprotokolle hin.

  5. Die „DDR“ war schlicht und ergreifend bankrott, nachdem sie von den Russen nicht mehr unterstützt wurde, denn die waren selbst fast bankrott.

    Als 1989 die Mauer fiel, hatten wir geglaubt, dass der Sozialismus für immer erledigt sei. Ein schlimmer Trugschluss! Er ist durch die Hintertür zurück gekommen. Die Erwartungshaltungen der Menschen aus der „DDR“ und den anderen Ostblockstaaten waren so groß und die Geduld so gering. Wir alle hatten auch die Macht der kommunistischen Seilschaften, die kadermäßig geschult waren, unterschätzt und über erhebliche finanzielle Mittel verfügten, die sie gebunkert hatten. Ich befürchte sogar, dass Merkel Erichs späte Rache ist…….

    • Wirtschaftlich und finanziell wurde die DDR nicht von der Sowjetunion unterstützt, sondern umgekehrt. Entscheidend war, dass Herr Gorbatschow nicht mehr auf gewaltsame Unterdrückung gesetzt hat, was ihn zum tragischen Helden macht.

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