Erdogans Putsch

Nach dem gescheiterten ‚Putschversuch in der Türkei‘ letzte Nacht muss man nun wohl feststellen: „‚Der eigentliche Putsch beginnt jetzt erst'“. Ich denke nicht, dass Präsident Erdogan den Putschversuch von Teilen des Militärs nur inszeniert hat (oder umgekehrt die Gülen-Bewegung dahintersteckt, wie der Präsident behauptet), auch wenn die eigentlichen Hintergründe und -männer noch unklar sind. Doch jetzt nutzt der schon vorher autokratisch und außerhalb von Gesetz und Verfassung regierende Präsident die Gunst der Stunde für einen Putsch von oben und kündigt Säuberungen an (siehe „Viele Tote bei Putschversuch – Erdogan kündigt ‚Säuberung‘ an“), die nicht nur putschende Soldaten, sondern auch völlig unbeteiligte Richter einschließlich Verfassungsrichtern (siehe „Fast 3000 Richter in der Türkei abgesetzt“) und Erdogan-Kritiker betreffen. Dabei wird auch die rückwirkende Wiedereinführung der Todesstrafe diskutiert. Insgesamt hat der dilettantische Putschversuch damit nicht nur 265 Todesopfer gefordert, sondern auch die Reste an Rechtsstaatlichkeit in der Türkei gekostet. Ob Herr Erdogan sich überhaupt noch abwählen ließe, erscheint ebenfalls zunehmend fraglich.

19 Gedanken zu „Erdogans Putsch

  1. Inszeniert im engeren Sinne hat er es wohl nicht. Aber der Geheimdienst bekam wohl Wind davon, dass einige Offiziere putschwillig sind. Und dann wurden wahrscheinlich noch agents provocateurs eingeschleust und danach hat Erdogan die Sache unter Beobachtung laufen lassen.

    Es waren Listen mit zu verhaftenden und zu entlassenden Militärs und Richter vorbereitet. Wozu wurden diese Listen wohl vorbereitet?

  2. Der geliebte Führer Recep Tayyip Erdoğan ist in den Augen der Obamas, Merkels und Hollandes dieser Welt selbstverständlich kein Schurke. Genauso wenig wie die Könige aus dem Hause Saud und zu früheren Zeiten zynische Despoten und Selbstbereicherer wie Augusto Pinochet, Ferdinand Marcos, Schah Reza Pahlavi, Husni Mubarak, usw., usf.. Von den unzähligen bis ins Mark korrupten schwarzafrikanischen Menschenschlächtern und Despoten einmal ganz abgesehen. Ein Schurke ist nur, wer sich weigert, den ehemaligen europäischen Kolonialmächten und den USA die Rohstoffe seines Landes zum von den unsichtbaren Oligarchen festgelegten [verschwörungstheoretischen Unsinn gelöscht, AD] zu überlassen.

  3. Aus deutscher Sicht sind eigentlich nur drei Aspekte von Interesse:

    1. Bleibt die Balkanroute dicht?
    2. Bleibt die Visumspflicht für Türken weiterhin bestehen?
    3. Können wir endlich die EU-Beitrittsverhandlungen beenden?

    In allen drei Punkten scheint Erdogan der bessere Partner zu sein als eine kemalistische (Militär-)Regierung. Je autokratischer er sich gebart, desto weiter rücken insbesondere die Punkte 2 und 3 in die Ferne. Und falls Erdogan irgendwie auf den Gedanken kommen sollte, wieder die Migrationswaffe einzusetzen (Punkt 1), wäre die Regierung Merkel bald weg vom Fenster, was auch begrüßenswert wäre.

    • Das ist nicht Ihr Ernst? Erdogan ist ein kranker Irrer, nie kann der der bessere Partner als nur irgendwer sein. Die Balkanroute bliebe mit einer Militärregierung erst recht dicht, weil diese Interesse daran hätte, sich internationales Vertrauen zu erarbeiten. Die Visumpflicht wird unter Erdogan kommen, da können Sie sich sicher sein, man wird vor Erdogan sich demütig bücken, Befehle annehmen und umsetzen. EU-Beitrittsverhandlungen wären mit einer Militärregierung erst recht mal auf die lange Bank geschoben und erst nach einer Redemokratisierung (und damit ist ein echte gemeint) in einigen Jahren wieder ein Thema.

      • Erdogan hat eine schlechte Presse in Deutschland, was mich gewiß nicht stört, aber seine Regierung foltert erheblich weniger als alle laizistischen Vorgängerregierungen in Ankara.

        Leider ist die Aufhebung der Visumspflicht durch den Militärputsch noch wahrscheinlicher geworden. Da stimme ich Ihnen zu. Die Umfaller aus Brüssel, die auf Geheiß von Merkel tätig sind, werden die Gelegenheit sich nicht entgehen lassen, die Kriterien mit Verweis auf die besondere innenpolitische Situation aufzuweichen. Das könnte zu einem Strom an kurdischen und politischen Flüchtlingen aus der Türkei nach Deutschland führen.

        Ich unterstütze eine gute Partnerschaft mit der Türkei, die Zollunion und die NATO-Mitgliedschaft, aber der Strich muß bei der EU-Mitgliedschaft gezogen werden. Ich bin kategorisch gegen jede Migrationsbewegung aus Anatolien. Die erste liegt ein halbes Jahrhundert zurück und wir kämpfen immer noch mit ihren Folgen.

        Ich habe deswegen keine Einwände gegen ein stabiles islamistisches Regime in Ankara, das unsere weltanschaulichen Unterschiede betont, solange es das Land nicht in den Bürgerkrieg führt und unsere Südostflanke destabilisiert.

        Alles, was zum offiziellen Ende der EU-Beitrittsverhandlungen führt, begrüße ich ausdrücklich, denn der Beitritt der Türkei wäre das totale Fiasko für Europa.

      • Auch die NATO-Mitgliedschaft der Türkei gehört auf den Prüfstand, solange Herr Erdogan lieber mit dem IS gegen die Kurden kämpft statt umgekehrt. Entsprechend gibt es in der Türkei bereits einen Bürgerkrieg, den er anfangs als Ministerpräsidient zu beenden versuchte, jetzt aber wieder anfachen will.

      • Erdogan ist aber nicht nur daran interessiert, die Türkei unter seine Kontrolle zu bringen, sondern hat Weltherrschungsansprüche. Er akzeptiert unter anderem nicht, dass die Türken in Deutschand entweder Deutsche sind oder selbst wenn es immer noch Türken sind, sie sich an deutsche und nicht an türkische Gepflogenheiten und Gesetze zu halten haben. Er agitiert in Deutschland und hetzt Bürger gegen deutsche Parlamentarier u.v.m. auf. Er ist zweifellos der größte äußere und sogar innere Feind Deutschlands. Alle reden über den IS, der zweifellos sehr gefährlich ist, aber noch viel gefährlicher für die Demokratie und Stabilität in Deutschland ist Erdogan.

      • Die Türkei hat nicht einmal entfernt die Mittel für eine Weltherrschaft, sie kontrolliert ja nicht einmal ihr eigenes Staatsgebiet zur Gänze. Dem Herrschaftsanspruch Erdogans über die Türken in Deutschland treten wir am besten hierzulande entgegen.

        Nicht Erdogan ist der innere Feind, sondern der Multikulturalismus der biodeutschen Linken, der die Entwicklung zu hiesigen Parallel- und Gegengesellschaften überhaupt möglich gemacht hat. Ankara nutzt das Vakuum bloß aus, daß die deutsche Feigheitstoleranz geschaffen hat.

        Wenn tausende AKP-Claqueure durch Berlin und Wien marschieren, als seien sie bereits die Herren im Haus, kann ich dieser türkischen Machtdemonstration etwas Positives abgewinnen, weil sie dem deutschen Buntmodell seine eigene Schwäche vor die Augen führt und vielen Bürgern die Augen öffnet.

        Sie müssen verstehen, ich glaube nicht an Multikultismus. Das ist eine gescheiterte, gemeingefährliche Utopie. Und Erdogans fünfte Kolonne ist die beste Garantie dafür, daß nicht zusammenwächst, was nicht zusammengehört und nicht zusammen will.

  4. Wir müssen einfach akzeptieren, dass vor unserer Haustüre wieder eine Nation von internationaler Bedeutung dem Faschismus zum Opfer gefallen ist. Die Bilder (und sei es nur der jubelnde und lynchende Mob auf den Straßen) gleichen 1933 bis ins Detail. Das ist entsetzlich, aber wir müssen das endlich erkennen und uns die Frage stellen wie wir mit dem verlängerten Arm Erdogans, nämlich vieler Türken in Deutschland, umgehen. Die Bilder in Berlin, Wien und andernorts haben gezeigt, dass viele Türkischstämmige sich als verlängerten Arm Erdogans sehen, was zweifellos gefährlich ist für unsere innere Sicherheit. Erdogan wird seine Aggressionen auch nicht nur auf Menschen in der Türkei richten, er wird auch andere Länder bedrohen und aufhetzen. Ein ähnlicher Umgang wie mit den Deutschstämmigen in den USA während des 2. Weltkriegs ist heute sicherlich nicht vorstellbar. Aber wir müssen alle Verbindungen zum türkischen Staat kappen, seine zahlreichen Einrichtungen in Deutschland schließen und endlich beenden, dass Lehrer des türkischen Staats an deutschen Schulen (z.B. in B-W) Unterricht erteilen dürfen und dort die Hetze Erdogans verbreiten können. Ein Land, das so schreckliche Erfahrungen mit dem Faschismus gemacht hat, spielt jetzt den Chamberlain. Ich kann nicht stark genug betonen, wie wütend ich darauf bin und wie sehr ich mich dafür schäme.

    Prof. Dilger, Sie begehen wie so häufig folgenden Fehler: Sie halten sich viel zu sehr daran, was irgendwo geschrieben steht. Gesetze sind in der Realität nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben sind. Das ist in Deutschland bereits teilweise so, das ist in der EU fast immer so und das ist in der Türkei ohnehin so. Die Türkei hat sich gestern nicht verändert. Ob nun Erdogan die Richter, etc. erst gestern abgesetzt hat, spielt doch keine Rolle. Es wäre so oder so gekommen. Entscheidend ist doch seine tatsächliche Allmacht und die war schon vorher da. Der gescheiterte Putsch beschleunigt nur die Sichtbarkeit. Wenn es echte Putschisten waren, dann haben sie in äußerster Not und Verzweiflung gehandelt. Dann wussten sie, dass es ihnen bald ohnehin an den Kragen gegangen wäre und sie so das Risiko eines dilettantischen Putsch eingehen konnten, den sie vermutlich mit dem Leben bezahlen würden. Übrigens eine weitere Parallele zu 1933: Auch da hat man für den vermeintlichen Täter extra das Strafmaß erhöht, sodass die Todesstrafe verhängt werden konnte. Wir sollten die Putschisten nicht kritisieren, wir sollten sie als Märtyrer einer ehrenwerten Sache sehen und sie werden früher oder später in der Tradition Stauffenbergs stehen, die sich gegen ein Terrorregime aufgelehnt haben und dabei gescheitert sind.

    • „Gesetze sind in der Realität nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben sind.“ In einem Rechtsstaat sind sie viel mehr wert. Wenn dieser verloren geht, kommt es allerdings tatsächlich auf ganze andere Sachen an, z. B. die Herrschaft von Personen statt des Rechts und von Institutionen. Vor dem Putschversuch hat Herr Erdogan den türkischen Rechtsstaat untergraben, aber wirklich beseitigt wird er erst jetzt. Auch in Deutschland und Europa müssen wir aufpassen. Gefahren drohen leider von vielen Seiten.

  5. Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei

    Am 14. August sind die an die Türkei verkauften deutschen Kriegsschiffe „Weißenburg“ und „Kurfürst Friedrich Wilhelm“ unter dem Kommando des Konteradmirals Koch nach Konstantinopel in See gegangen; 26 türkische Offiziere mit einer Anzahl Mannschaften befanden sich an Bord. Ende August werden die Schiffe in den Dardanellen erwartet, wo die Uebergabe an die türkische Regierung erfolgen soll.

    http://kunstmuseum-hamburg.de/der-verkauf-deutscher-kriegsschiffe-an-die-tuerkei/

  6. Wenn es übrigens einen positiven Aspekt an den Vorkommnissen in der Türkei gibt, dann ist es die Tatsache, dass sich in Deutschland jetzt die Spreu vom Weizen drängt. Kemalistische und liberale Türken bekennen sich verstärkt zu Deutschland und wenden sich von ihren Landsleuten ab. So ist es auch für uns leichter erkennbar, wer Deutschland lebt und wer Idealen anhängt, die letztendlich auf eine Abschaffung Deutschlands in der heutigen Form herauslaufen. Es ist zwar traurig, dass man nicht alle Menschen mitnehmen kann, aber das ist leider unvermeidlich. Zukünftig wird ziemlich schnell sichtbar sein, wer den Wille zur Integration hat und wer nicht. Erdogan-Anhänger kann man sicherlich nicht dazu zählen. Wichtig ist, dass wir diese liberalen „Türken“ herzlich aufnehmen und sie gegen ihre „Landsleute“ schützen.

    Eine zweite Anmerkung: Ist jemand bereits die Idee gekommen, dass Erdogan mit der Vergabe der türkischen Staatsbürgerschaft an syrische Flüchtlinge nicht nur innenpolitische Ziele verfolgt, sondern diese via Visafreiheit in Wahrheit nach Deutschland einschleusen möchte, um dort die verschiedensten Ziele zu erreichen?

  7. Sorry, ein gescheiterter Putsch in der Tuerkei hat kaine positive Seiten fuer Deutschland. Tuerken muessen tuerkische Probleme in der Tuerkei loesen. Und bitte, keine weiteren Muslime nach Deutschland holen, auch keine s.g.“liberale Tuerken“ die dann am wahrscheinlichsten kommunisten oder Kurden sind.
    Sie muessten sich fragen was ein Kemalist, Moslem an Deutschem Gesellschaft heute richtig und gut finden kann? Links-gruene Wahnsinn sicherlich nicht. Warum manche schlaue Tuerken in Deutschland froh sind Kinder mit US Paessen und US Studium zu haben? Integration ist auch nur eine politische Parole und Augewischerei. Gemaessigte Menschen leben sich von selbst gut ein aber sollen eigene Identitaet behalten. Per Gesetz und durch Zwang ist so etwas sinnloss zu versuchen.

    Wichtig fuer Deutschland ist Immigration zu stoppen, besonderes von Muslimen, illegale Migranten schnellstens abzuschieben und sich an Gesetze strikt zu halten. In diesem Sinne ist Frau v. Storchs Briefaktion um ein Sharia Verbot in Deutschland per Gesetz zu regeln konsequent und zu begruessen!

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