Erste Runde vom Ökonomenpanel

In gewisser Weise ist das „Ökonomenpanel von ifo und FAZ“ Nachfolger vom „Plenum der Ökonomen“ (siehe ‚Plenum der Ökonomen auflösen?‘). Kürzlich habe ich die dritte monatliche Befragung beantwortet, beginne hier jedoch mit den ersten „Ergebnisse[n vom] Ökonomenpanel Februar 2016“. Dazu gibt es eine interessante Publikation und den FAZ-Artikel „Deutsche Ökonomen kritisieren Merkels Asylpolitik“. Interessant finde ich die große Heterogenität der Antworten, trotz derer sich meistens eine Mehrheitsmeinung erkennen lässt. Im Folgenden dokumentiere ich meine eigene Antworten:

Bringen die derzeit ankommenden Asylbewerber eher wirtschaftliche Vor- oder Nachteile für Deutschland?

Nachteile

Und wie sicher sind Sie sich bei dieser Bewertung?

10 (Skala von 0 bis 10)

Ihr öffentlicher Kommentar zu dieser Frage (optional):

Deutschland könnte qualifizierte Einwanderer gebrauchen, zu denen die überwiegende Mehrheit der gegenwärtigen Asylbewerber und sonstigen Flüchtlinge nicht gehört. Auch unter humanitären Gesichtspunkten ist ihr Anwerben äußerst fraglich.

Um Asylbewerber mit niedriger Qualifikation besser in den Arbeitsmarkt integrieren zu können, sollte der Mindestlohn für Asylbewerber gesenkt werden.

Stimme eher zu

Sicherheit: 9

Der flächendeckende Mindestlohn ist ein grundsätzlicher Fehler in Deutschland, aber für gering oder gar nicht qualifizierte Flüchtlinge ganz besonders, da sie so nicht in den regulären Arbeitsmarkt und damit auch insgesamt schlechter integriert werden können.

Um Asylbewerber mit niedriger Qualifikation besser in den Arbeitsmarkt integrieren zu können, sollte der Mindestlohn erst nach einer Reihe von Jahren nach dem Eintritt in den deutschen Arbeitsmarkt gelten.

Stimme eher zu

Sicherheit: 8

Der Mindestlohn sollte abgeschafft werden, aber sonst besser spät als früh angewandt werden.

Um die Zuwanderungsströme besser kontrollieren zu können, sollten die Grenzen des Schengenraums gesichert werden.

Stimme voll und ganz zu

Sicherheit: 9

Um die Zuwanderungsströme besser kontrollieren zu können, sollte die Bundesregierung temporär „Schengen“ aussetzen und die nationalen Grenzen schließen.

Sicherheit: 8

Die Sicherung der Außengrenzen des Schengen-Raums wäre besser, gegebenenfalls für einen verkleinerten Raum. Doch wenn bzw. solange dies nicht der Fall ist, sind die nationalen Grenzen zu kontrollieren. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Grenzschließung.

Wie sollten Ihrer Meinung nach die kurzfristig anfallenden Kosten für die Unterbringung, Versorgung und Betreuung der Asylbewerber bezahlt werden? Mehrfachnennungen sind möglich.

Optionen: Reduzierung internationaler Zahlungen, Neuverschuldung, Anhebung des Renteneintrittsalters, Steuererhöhungen, Reduzierung der Sozialausgaben, Andere

Gewählt: Andere: Verwendung der Steuerüberschüsse und Einsparungen durch die Niedrigstzinsen.

Und wie bewerten Sie die nationalen ökonomischen Auswirkungen der Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik von den jeweiligen Ländern?

Bringt dem Land ökonomische Nachteile: Deutschland

Bringt dem Land eher ökonomische Nachteile: Frankreich

Teils-teils: Japan, Großbritannien, USA

Bringt dem Land eher ökonomische Vorteile: Australien, Kanada

Das dritte Hilfspaket für Griechenland wird das Land langfristig stabilisieren.

Stimme überhaupt nicht zu

Sicherheit: 10

Diese Art der Rettungspolitik ist völlig gescheitert.

Griechenland sollte mit einer Rückkehroption aus der Eurozone ausscheiden.

Stimme eher zu

Sicherheit: 10

Griechenland sollte aus der Eurozone ausscheiden. Eine Rückkehroption braucht es nicht.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Zinspolitik der europäischen Zentralbank?

Der Leitzins sollte erhöht werden (statt gesenkt werden oder auf seinem jetzigen Niveau bleiben).

Sicherheit: 2

Der Leitzins passt für kein Land so richtig. Die Eurozone sollte besser aufgelöst werden.

Und wie beurteilen Sie die aktuelle Geldpolitik der europäischen Zentralbank?

Die Geldpolitik der EZB ist zu expansiv (statt zu restriktiv oder genau richtig).

Sicherheit: 7

Auch die Geldpolitik der EZB passt für kein Land so richtig. Die Eurozone sollte besser aufgelöst werden.

Wie stark ist Ihrer Meinung nach der Schaden der EU-Wirtschaftssanktionen gegen Rußland für die deutsche Wirtschaft?

Mäßig (mittlere Position zwischen sehr stark und sehr schwach).

Und befürworten Sie generell die Fortsetzung der EU-Wirtschaftssanktionen gegen Rußland?

Ja

Aus rein wirtschaftlichen Gründen sollte es keine Sanktionen geben. Doch die völkerrechtswidrige Annexion der Krim und die militärischen Aktionen gegen die Ostukraine können nicht ohne Konsequenz bleiben.

Der Staat sollte eine umfassende (vs. geringe) Rolle in der Regulierung der Wirtschaft und in der Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen spielen.

8 (auf einer Skala von 0 bis 10)

Der Staat sollte eine umfassende (vs. geringe) Rolle in der Bereitstellung von Sozialleistungen spielen, um die Einkommensungleichheit zu reduzieren.

8

Die Einführung des flächendeckenden Mindestlohns zum 1. Januar 2015 war ein wirtschaftspolitischer Fehler.

Stimme voll und ganz zu

Sicherheit: 9

Deutschland hat ein größtenteils funktionierendes Tarifvertragssystem und eine gute soziale Absicherung. Der flächendeckende Mindestlohn nimmt keinerlei Rücksicht auf regionale Unterschiede beim Lohn- und Preisniveau. Die Bedürfnisse von Geringqualifizierten und Nebenverdienern werden ignoriert. In die Vertragsfreiheit wird ohne hinreichenden Grund massiv eingegriffen.

Welche Erkenntnisheuristik ist Ihrer Meinung nach am geeignetsten, um soziale Phänomene erklären oder vorhersagen zu können?

(Es gab folgende Antwortmöglichkeiten, wobei ich meine Antwort nicht notiert habe und jetzt zur fallweisen Theorieanwendung neige:)

Fundiertes Wissen der ökonomischen Theorie und ihre deduktive Anwendung auf sozialwissenschaftliche Fragestellungen.

Wissen verschiedener Theorien, welches basierend auf ad-hoc Entscheidungen von Fall zu Fall auf sozialwissenschaftliche Fragestellungen angewendet wird.

Weiß nicht.

Die zunehmende Verfügbarkeit von großen Datenmengen wird dazu führen, daß ökonometrische Modelle besser darin werden, komplexe Ereignisse (Wirtschaftskrisen, Bürgerkriege, etc.) vorherzusagen.

Stimme eher nicht zu

Ergebnisse und Annahmen anderer Disziplinen sollten stärker von Ökonomen berücksichtigt werden.

Teils-teils

Die ökonomischen Annahmen bezüglich der egoistischen Handlungsmotivation von politischen Entscheidungsträgern sind realistisch.

Stimme eher zu

Komplexe Ereignisse wie Finanzkrisen sind inhärent unvorhersehbar.

Teils-teils

Die ökonomischen Annahmen bezüglich der egoistischen Handlungsmotivation von Wählern sind realistisch.

Stimme eher nicht zu

Aufgrund ihrer analytisch-mathematischen Vorgehensweise können Ökonomen soziale Phänomene besser erklären als andere Sozialwissenschaftler.

Stimme eher nicht zu

Die Annahmen von Theorien müssen nicht realistisch sein, solange sich ihre Prognosen als zutreffend herausstellen.

Teils-teils

9 Gedanken zu „Erste Runde vom Ökonomenpanel

  1. Ich stimme Ihren Antworten mit wenigen Ausnahmen (Russland) zu, sowohl was die Einschätzung der politischen Lage angeht, als auch der Fragestellungen zur Ökonomik als wissenschaftliche Disziplin.

    Auch wenn ich ökonometrische Modelle und Methoden mag und auch selbst schon verwendet habe, so halte ich ihre Aussagekraft häufig fur überschätzt. Auch kann hier viel zu viel „hingebogen“ werden und es wird eine falsche Genauigkeit vorgegaukelt. Um empirische Studien ernsthaft bewerten zu können (das gilt noch viel stärker für Sozialwissenschaften, die häufig miserabel durchgeführt sind), muss man sich das statistische/ökonometrische Konzept bis ins kleinste Detail anschauen (und auch immer an ausgelassene Variabeln denken), sonst kann man auf einfachste Art und Weise tendenziösen Untersuchungen aufsitzen. Auch wissenschaftliche Jornalgutachter bieten hier keine Sicherheit. Eventuell ist es sogar notwendig, auch den Datensatz näher zu begutachten. Dieser ist allerdings meistens gar nicht verfügbar.

    Als Ergänzung und Validierung ist Ökonometrie eine tolle Sache, das Hauptaugenmerk der Ökonomen sollte allerdings weiterhin im theoretischen und logischen Bereich liegen.

    • Dh Sie wünschen sich Departements voller spieltheoretiker und optimal-Steuer Fans? Hooray! Mein Eindruck ist, dass die meisten ökonomischen fragen doch eher empirischer Natur sind weil man die vielfältigen effekte, die in freier Wildbahn am Werk sind kaum mit Theorie alleine kaum dekomponieren kann. Was hilft mir der Theoretiker wenn ich wissen will, welche arbeitsmarkt- oder sozialpolitischen massnahmen ich einsetzen soll um ein bestimmtes verteilungs oder EffizienzZiel zu erreichen?

      • Genau dafür brauchen Sie ja theoretische Modelle. Schwierig wird es aber, wenn sie Dinge quantifizieren wollen, die sich nur schwer quantifizieren lassen. Ich finde, die VWL täte gut daran, sich mit Quantifizierungen zurückzuhalten. Eine Variable vergessen oder nur ein Parameter verschätzt und sie bekommen völlig andere Ergebnisse. Ein Ökonom weiß um die Probleme solcher Beispielrechnungen, Medien und Politik verstehen sie jedoch miss und messen ihnen Wahrheitsgehalt bei.

        Wenn sie direkt Felddaten nehmen und Regressionen durchführen, dann werden da teilweise ganz erstaunliche Zusammenhänge suggeriert. Hier braucht es schon viel Erfahrung, Theoriewissen und Ehrlichkeit, um seriöse Ergebnisse herzustellen. Hier ist die Gefahr fälschlicher kausaler (Problem Kausalität vs. Korrelation) Zusammenhänge schlicht riesengroß. So würde es vermutlich einer simplen Interventionsanalyse für Zeitreihen gelingen, einen positiven Beschäftigungseffekt des Mindestlohns in Deutschland herzustellen. Wir wissen alle, dass ein solcher Zusammenhang falsch wäre. Die Ökonometrie bietet großartige Möglichkeiten bei durchdachter Anwendung und ausreichender Datenverfügbarkeit, birgt jedoch auch das große Risiko fälschlicher und unseriöser Benutzung. Vor allem in den Sozialwissenschaften scheint es diesbezüglich riesige Probleme zu geben.

      • Ich denke, eine gute Wissenschaft braucht Theorie und Empirie. Immanuel Kant formulierte es so: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ Als ich anfang, dominierte noch eher die ökonomische Theorie mit z. T. abstrusen Beweisen fern jeder Realität. Heute hat die Empirie ein Übergewicht. Rein theoretische Aufsätze lassen sich kaum noch veröffentlichen, hingegen durchaus rein empirische. Ein großes Problem ist, dass sich viele Ökonomen sehr intensiv mit Spezialproblemen beschäftigen, während selbst ganz elementare Fragen nicht wirklich geklärt sind, z. B. welche Art von Geldpolitik jetzt am besten wäre. Diese Frage lässt sich unmöglich rein empirisch oder rein theoretisch beantworten, insbesondere da man keine empirisch bestens absicherte Theorie dazu hat.

      • Sie haben den falschen Forschungsschwerpunkt. Könnten Sie als Professor einfach ihr Forschungsgebiet wechseln?Spieltheoretische Erkenntnisse sind bei Fragen der Geldpolitik ja durchaus äußerst relevant, ohne sie kommt kein Modell mit realistischer Erwartungsbildung aus.

        „Welche Art der Geldpolitik“ jetzt die beste wäre, wird vielleicht nicht unbedingt gestellt. Generell wird aber schon sehr stark nach einer „optimal policy rule“ geforscht. Grundsätzlich bringt aber die Nullzinsschranke einiges durcheinander. Problematisch ist bei den ganzen Modellen, dass sie von ganz vielen wichtigen Dingen im Hintergrund abstrahieren. Das ist zwar notwendig und geht in ruhigen Zeiten meistens gut, kann aber in Krisenzeiten das ganze Modell nutzlos machen. Deshalb ist es ja gerade wichtig viele verschiedene, auch konkurrierende Modelle zu haben, die jeweils verschiedene Sichtweisen abdecken. Das allumfassende Modell wird nämlich wohl nie erfunden werden.

      • Ich kann erforschen, was ich will. Dabei bin ich ohnehin schon sehr breit aufgestellt. Das hat Vorteile, weil es viele Querverbindungen gibt. Aber in jedem einzelnen Gebiet gibt es Kollegen, die viel stärker spezialisiert sind und sich dort entsprechend besser auskennen. Bei einem ganz neuen Forschungsgebiet muss man sich entsprechend lange einarbeiten. Der Vorteil ist, dass man dann am ehesten noch ganz neue Ideen hat. Wenn man sich gar nicht oder viel zu gut auskennt, kommt man selten auf etwas wirklich Neues.

        Es ist gut, wenn es verschiedene Modelle gibt, um dann für den konkreten Fall das am besten passende suchen zu können. Auch das erfordert eine Verbindung von Theorie (Modelle) und Empirie (Inspiration für Modelle, deren Auswahl und Anpassung).

    • Die Frage und insbesondere meine Antwort darauf sind nicht rein wirtschaftlicher Art. Doch als Spieltheoretiker bin ich der Ansicht, dass Annexion und Militärintervention nicht völlig ohne Konsequenzen bleiben dürfen. Die eigentliche Frage ist für mich, wie man jetzt wieder zu normalen Beziehungen zurückkehren kann. Am besten wäre es, wenn sich Russland wieder gänzlich zurückziehen würde, aber das ist realistischerweise nicht zu erwarten. Also bedarf es einer gesichtswahrenden Lösung, um die Sanktionen aufheben und auch sonst wieder besser zusammenarbeiten zu können. Ich skizzierte dazu schon einmal die Idee einer demokratischen Lösung. Die Ukraine stimmt über ihr Schicksal ab, während auf der Krim eine international überwachte separate Abstimmung von den Einwohnern Stand Januar 2014 stattfindet, ob sie zu Russland gehören wollen, zur Ukraine oder einen eigenen Staat befürworten. Die jeweiligen Mehrheitsentscheidungen werden von allen Seiten anerkannt.

  2. Pingback: Ökonomenpanel zum Bargeld | Alexander Dilger

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s