Sind die Wirtschaftswissenschaften empirisch besonders erfolgreich?

The Economist schrieb vor einer Woche in „A far from dismal outcome“ über den Artikel „Evaluating replicability of laboratory experiments in economics“ in Science, dessen Autoren 18 Laborexperimente zu replizieren versuchten, was ihnen in 11 Fällen (61 %) von der Richtung her (mit einer Effektstärke von durchschnittlich 66 %) statistisch signifikant gelang. The Economist findet das großartig und sieht die Wirtschaftswissenschaften damit als eine echte Wissenschaft vergleichbar mit den Naturwissenschaften an, in denen replizierbare Experimente durchgeführt werden. 61 % sind aber keineswegs sonderlich großartig, sondern bedeuten, dass in zwei von fünf Fällen die in einer Top-Zeitschrift präsentierten Ergebnisse nicht glaubwürdig waren (und auch dann noch im Schnitt um die Hälfte übertrieben). Dass sich nach einer anderen Studie in der Psychologie nur 36 % der Ergebnisse replizieren ließen, macht die Sache nicht besser. Nur 11 % in der Pharmazie sind eine lebensgefährliche Katastrophe, die eigentlich sofort Konsequenzen in der Wissenschaft und bei der Arzneimittelzulassung haben müsste.

Im Fall der Wirtschaftswissenschaften kommt hinzu, dass in der Regel nicht ökonomische Standardtheorien empirisch überprüft wurden, sondern davon abweichende ad hoc Vorhersagen über Verhaltensregelmäßigkeiten. Im Grunde ist das mehr angewandte Wirtschaftspsychologie als Wirtschaftswissenschaft. Idealerweise sollten Theorie und Empirie ineinandergreifen, wobei sich dann die theoretischen Vorhersagen wiederholbar bestätigen lassen. In der Praxis sind natürlich Abstriche nötig.

Doch zumindest für mich liegt der Schwerpunkt der Wirtschaftswissenschaften nicht im realen Individualverhalten, welches Gegenstand der Psychologie und gegebenenfalls Soziologie ist, sondern in den wirtschaftlichen Strukturen. Wenn sich alle Menschen völlig sonderbar verhalten würden, ließen sich Marktreaktionen schlecht vorhersehen und erklären. Doch dafür, dass dies möglich ist, müssen nicht alle Menschen hyperrationale homines oeconomici sein. Der Markt selbst begünstigt theoretisch erklärbar und empirisch überprüfbar rationales Verhalten, welches durch wirtschaftliche Organisationen und im Aggregat verstärkt wird, was sich leider in der Politik häufig anders darstellt.

4 Gedanken zu „Sind die Wirtschaftswissenschaften empirisch besonders erfolgreich?

  1. Eine immer wieder geäußerte Kritik lautet ja, dass die oftmals verwendeten theoretischen Modelle, auf denen dann weitere Aussagen basieren, nicht oder nur unter sehr restriktiven und unrealistischen Annahmen stimmen würden (z.B. Cambridge-Cambridge-Debatte, Sonnenschein-Mantel-Debreu-Theorem).
    Kritiker (und etwa auch die Wikipedia) behaupten, dass entsprechende Erkenntnisse in den üblichen Lehrbüchern oftmals gar nicht auftauchten. (Apropos Lehrbücher: In einem Text namens „Die Theorie des Unternehmens“ erhebt Jürgen Kremer den Vorwurf, dass zumindest in den einführenden Werken bis heute eine falsche, auf einem Ableitungsfehler und längst als fehlerhaft bekannte Theorie der Unternehmen gelehrt werde.)

    Eine weitere immer wieder geäußerte Kritik besteht in der These, dass Geldwesen, Kredite und beispielsweise die Schöpfung großer Giralgeldmengen „aus dem nichts“ durch die Geschäftsbanken in vielen Modellen keine große Rolle spielten, da man sich gerne am Modell einfacher Tauschmärkte zu orientieren versuche. Damit würden jedoch wichtige Elemente der tatsächlichen Wirtschaft ausgeklammert.

    Und Frank Beckenbach wirft Hans-Werner Sinn unter anderem vor, das allgemeine Gleichgewichtsmodell von Arrow und Debreu zur Grundlage für das Idealbild real existierender moderner Märkte zu erheben, insistiert aber, dass dies gerade nicht möglich sei:

    „Insofern kann gefolgert werden, dass mit der u.a. von Arrow und Debreu entwickelten ‚allgemeinen Gleichgewichtstheorie‘ nicht die Frage beantwortet wurde, wie eine empirisch gehaltvolle und theoretisch überzeugende Darstellung der Selbstorganisationsprozesse in der Marktwirtschaft erfolgen kann (und damit die Metapher von Adam Smith mit einer Theorie unterlegt wurde), sondern es wurden aus formal-mathematischen Überlegungen heraus Konstrukte postuliert, die aus systematischen Gründen nicht zu diesem marktwirtschaftlichen Kontext passen und insofern auch keine geeignete Referenz für die Diagnose von ‚Marktversagen‘ darstellen. Als Orientierung für Wirtschaftspraktiker sind sie schlicht ungeeignet.“
    http://www.beckenbach.uni-kassel.de/files/pdfs/aktuelles/AntwortzuSinn3.pdf

    Ich bin nicht vom Fach, aber mir fällt auf, dass immer wieder bezweifelt wird, dass die Ökonomik sich überhaupt um möglichst realitätsnahe Modelle bemüht – und ob sie dort, wo die Modelle möglicherweise realitätsfern sind, die Tatsache hinreichend betont wird, dass man aus ihnen nichts über die Wirklichkeit ableiten kann. Diese Frage vermag ich selbst nicht zu beantworten, stelle sie aber mal in den Raum.

    „Der Markt selbst begünstigt theoretisch erklärbar und empirisch überprüfbar rationales Verhalten, welches durch wirtschaftliche Organisationen und im Aggregat verstärkt wird, was sich leider in der Politik häufig anders darstellt.“

    Hier wäre für mich die Frage, inwieweit sich diese Aussage generalisieren lässt, insbesondere, soweit man es nicht mit „realen“ Gütermärkten sondern „spekulativen“ Märkten zu tun hat. Es scheint ja doch so zu sein, dass manchmal ein auch von Gier und Angst getriebenes Herdenverhalten entsteht, das sich etwa in der Bildung von spekulativen Blasen auf den Finanzmärkten zeigt.

    • Wenn eine Annahme nicht erfüllt ist, kann die Folgerung trotzdem stimmen, sie muss es nur nicht mehr. Sinnvolle Modelle sollen nicht alle Aspekte der Realität abbilden, sondern die für die jeweilige Fragestellung wichtigsten. Modelle ohne Finanzsektor können natürlich dessen Probleme nicht abbilden, aber es gibt auch andere Modelle und Erweiterungen. Herdenverhalten kann schließlich individuell durchaus rational sein, auch wenn es kollektiv zu großen Problemen führt.

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