EZB senkt Leitzins auf null und Strafzinsen auf minus vier Promille

Die „EZB senkt Leitzins überraschend und weitet umstrittenes Anleihekaufprogramm aus“. Der Leitzins der EZB liegt jetzt tatsächlich bei 0,0 Prozent. Für Einlagen von Banken verlangt die EZB jetzt einen Strafzins von minus 0,4 Prozent. Außerdem weitet sie ihre monatlichen Anleihenkäufe auf 80 Milliarden Euro aus. Außerdem soll es ab Juni ein neues Programm geben, mit dem Banken Kredite aufnehmen können, vielleicht sogar ebenfalls zu negativen Zinsen. Der Sinn dieser Maßnahmen, insbesondere der Zinsen von null und darunter, muss allerdings bezweifelt werden.

Denn es ist nicht nur fraglich, ob Deflation durch fallende Ölpreise überhaupt ein Problem ist. Vor allem scheinen negative Zinsen überhaupt keine sinnvolle Lösung dagegen zu sein. Die Idee ist, dass der Kreditmarkt ein ganz normaler Markt sei, so dass bei einem niedrigen oder gar negativen Preis die Nachfrage ungemein steige. Tatsächlich sind die Zinsen jedoch kein normaler Marktpreis, wie nicht zuletzt die Zinspolitik der Zentralbank zeigt. Nicht Angebot und Nachfrage bestimmen den Zins, sondern die Zentralbank. Aber auch sonst weist der Kreditmarkt Besonderheiten auf, weil es um Vertrauen geht und die Kreditvergabe nicht vorrangig oder gar allein vom Zins abhängt, sondern vor allem von der Bonität und den Sicherheiten der Schuldner.

Es dürfte in der gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Situation vor allem an guten Investitionsprojekten fehlen. Wenn es diese gibt, kann für ihre Finanzierung auch ein moderater Zins von z. B. zwei oder vier Prozent bezahlt werden. Projekte, die sich nur bei einem Zinssatz von null oder darunter lohnen, sind offensichtlich nicht sinnvoll.

So niedrige Zinsen wie jetzt reizen sinnvolle Projekte also gar nicht weiter an, sondern locken entweder unseriöse Investoren, reine Spekulanten oder das Horten von Geld. All das verschlechtert jedoch die wirtschaftliche Lage, wobei das Geldhorten auch noch direkt die Deflation befördert. Hinzu kommt, dass das Geschäftsmodell der Banken bei zu niedrigen oder gar negativen Zinsen nicht mehr richtig funktioniert. Ihre Reaktion könnte also gerade sein, die Kreditvergabe nicht auszudehnen, sondern nach Möglichkeit zurückzufahren.

10 Gedanken zu „EZB senkt Leitzins auf null und Strafzinsen auf minus vier Promille

  1. Bei Draghi wundert mich gar nichts mehr! Wie kann man auch einen Ex-Manager der Betrügerbank Goldman-Sachs aus dem klassischen Weichwährungsland Italien zum EZB-Chef machen??? Bei Millionen von Menschen gerät jetzt die Altersversorgung in eine Schieflage, weil ihre Betriebsrenten und Lebensversicherungen nicht mehr die geplanten Renditen abwerfen. Ich befürchte, dass es mit Draghi & Co. noch schlimmer kommt. Negative Zinsen und/oder ein Haircut für Sparer (wie in Spanien bereits praktiziert!) sind denkbar.

    Was kann man tun, um den persönlichen Schaden so gering wie möglich zu halten? Aktien kaufen? Ja, aber sorgsam ausgewählt und ständig beobachtet! Immobilien kaufen? Gute Immobilien sind jetzt zu teuer! Gold kaufen? Nur als Beimischung!

    Was empfiehlt der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dilger???

    • Meine Frage steht noch im Raum: Was kann man tun, um den persönlichen Schaden so gering wie möglich zu halten? Das könnte auch Thema eines eigenen Artikel werden.

  2. Das Draghi System hatte doch schon mal funktioniert, sonst hätte man es doch nicht wiederholt. Ich glaube, es war damals mit den amerikanischen Notenbanken. Es muss also etwas geben, was die EZB zuversichtlicher macht als umgegekehrt. Ist es einfach Risiko auf Kosten der Sparer?

  3. Pingback: Alternative zur Zinspolitik der EZB | Alexander Dilger

  4. Ich würde zu bedenken geben, dass es sich bei dem Zentralbankzins um einen Zins für eine sichere, völlig liquide Anleihe handelt. Für realwirtschaftliche Investitionen dürfte der Realzins aufgrund von Risikoprämien auf Anleihen und Eigenkapital nach wie vor im positiven Bereich liegen. Und da die Staaten die negativen Realzinsen nicht für in gewisserweise verschwenderische Investitionen nutzen, sind die negativen Wirkungen eher beschränkt.

    Theoretisch sind auch Szenarien vorstellbar, in denen auch ein negativer Realzins für Investitionen erforderlich/sinnvoll ist. Z.B. wenn aufgrund von gesellschaftlicher Alterung in der Zukunft Arbeitskräfte und Güter wesentlich knapper sind als heute, die Nachfrage jedoch von Rentnern aufrecht erhalten wird.

    • Es geht tatsächlich um den risikolosen Zins. Risikozuschläge sind etwas anderes, werden aber gerade bei zweifelhaften Staatsanleihen durch die EZB ebenfalls in den negativen Bereich verschoben. Der Zins wird von der EZB gesetzt, ist also gerade keine Reaktion auf Angebot- und Nachfrage am Finanzmarkt. Individuen könnten in der Tat negative Realzinsen akzeptieren (müssen), aber das Horten von Geld ist ein einfaches Mittel gegen substanzielle negative Nominalzinsen, die über den direkten Kosten der Geldhaltung liegen.

      • Wobei gängige Lehrmeinung in der Volkswirtschaftslehre ist, dass falls die Zentralbank die Zinsen unter ihrem natürlichen Level hält (oder irre ich mich hier?), dies Inflation zur Folge haben sollte. Zielt die Zentralbank dann auf ein konstantes Inflationslevel ab, so müssten die langfristigen Zinsen eigentlich ihrem natürlichen Level entsprechen. Diese deuten zur Zeit darauf hin, dass auch ein rein marktbasierter Zins zur Zeit sehr niedrig wäre. Oder das Modell ist falsch.

      • Was meinem Sie mit dem „natürlichen Level“ der Zinsen? Zentralbanken versuchen heute, die Inflationsrate über die Zinsen zu steuern. Wenn hingegen die Geldmenge gegeben wäre, würden sich die Zinsen und Inflation endogen ergeben.

      • „Wenn hingegen die Geldmenge gegeben wäre, würden sich die Zinsen und Inflation endogen ergeben.“

        darüber habe ich auch schon mal nachgedacht, das wäre natürlich ein enormer Paradigmenwechsel, der zunächst unmittelbar zu großen Problem führen würde.
        Bei Aufgabe aktiver Geldpolitik würde man die zukünftige Geldmenge/Inflation drastisch reduzieren. Dies hätte eine stark steigende Geldnachfrage zur Folge, die dann wiederum in einer Deflation münden dürfte.
        Belässt man die Geldmenge immer konstant, so besteht die Gefahr, dass schwankende Geldnachfrage zu Problemen führt. Ich würde z.B. annehmen, dass in Folge der Finanzkrise und dem demografischen Wandel, die Realzinsen langfristig gefallen sind. Fallende Zinsen bedeuten wiederum höhere Geldnachfrage und bei gleichbleibendem Geldangebot Deflation.

      • Ich gehe auch davon aus, dass bei fehlender moderner Geldpolitik z. B. unter einem strikten Goldstandard jetzt hohe Deflation herrschen würde. Der Nominalzins wäre allerdings null statt negativ, was zu Realzinsen in Höhe der Deflationsrate führen würde. Für Sparer vielleicht eine schöne Vorstellung, aber die wirtschaftliche Depression wäre insgesamt von Nachteil.

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