Sind die Wirtschaftswissenschaften zu ideologisch und zerstritten?

Immer wieder wird behauptet, dass die Wirtschaftswissenschaften zu ideologisch und (oder) zu zerstritten seien, zuletzt in The Economist: „All at sea: Ideological divisions in economics undermine its value to the public“. Ich halte diese Kritik gleich in mehrfacher Hinsicht für unberechtigt.

Erstens sind sich auch in den meisten anderen Wissenschaften keineswegs (fast) alle Wissenschaftler einig (wie der Artikelschreiber selbst einräumen muss). Das gilt nicht nur in Sozial- und Geisteswissenschaften, sondern auch in Naturwissenschaften bis hin zur Physik. In der Philosophie einschließlich Ethik sind ganz verschiedene Auffassungen üblich, wobei die Wirtschaftswissenschaften als angewandte Moralwissenschaft entstanden sind und zumindest ihr normativer Teil grundsätzlich mit ethischen Fragestellungen verbunden bleibt. Das bedeutet übrigens nicht, dass Wirtschaftswissenschaftler als Wissenschaftler zwingend moralische Urteile fällen und begründen müssen. Doch normative Aussagen können nicht aus rein positiven, normfreien Aussagen hergeleitet oder ihre Gültigkeit empirisch beobachtet werden.

Zweitens wäre es weder wünschenswert noch dem Gegenstand angemessen, wenn sich alle Ökonomen in allem einig wären. Die Wirtschaft oder gar menschliche Gesellschaft ist dafür zu komplex und die Interessen in ihr sind zu unterschiedlich. Es ist sinnvoll, verschiedene Perspektiven zu beleuchten und zu vertiefen, um sie dann ernsthaft zu diskutieren. Eine offene und ehrliche Diskussion ist allerdings nötig, selbst wenn sie am Ende nicht zu einem Konsens in allen oder auch nur den wichtigsten Fragen führt. Wenn alle denselben Irrtümern anhängen würden, wäre jedenfalls nichts gewonnen. Dagegen kann ein neutraler Wissenschaftler sogar mehrere verschiedene Positionen zugleich dar- und einander gegenüberstellen.

Drittens stehen Grundüberzeugungen, Theorie und Empirie nicht unverbunden nebeneinander. Deshalb ist es nicht überraschend, dass Wissenschaftler mit völlig verschiedenen Auffassungen auch empirische Ergebnisse verschieden interpretieren. Allerdings wäre es aus diesem Grund wichtig, viel mehr kritische Tests zu entwickeln, die zwischen Theorien diskriminieren können, statt nur Beobachtungen anzuhäufen oder einzelne Theorien empirisch bestätigen zu wollen, was im strengen Sinne ohnehin nicht möglich ist. Wissenschaftler sollten auch die Grenzen ihres Wissens reflektieren und denkbare Beobachtungen benennen, bei denen sie ihre bisherigen Überzeugungen aufgeben würden. John Maynard Keynes meinte entsprechend: „When my information changes, I alter my conclusions.“ Wer hingegen unabhängig von jeder Evidenz an einer Überzeugung festhält, ist (zumindest hinsichtlich dieser Überzeugung) tatsächlich kein Wissenschaftler.

Dass es verschiedene wissenschaftliche Ansichten und innerwissenschaftliche Auseinandersetzungen gibt, wird von außen gerne als Rechtfertigung dafür genommen, sich gar nicht an wissenschaftlichem Rat zu orientieren, sondern entweder an seinen Vorurteilen festzuhalten oder vermeintlichen Experten außerhalb der Wissenschaft zu vertrauen. Das tun insbesondere Politiker aber auch dann, wenn sich (fast) alle unabhängigen Wissenschaftler einig sind, was selbst in den Wirtschaftswissenschaften häufig vorkommt (siehe z. B. ‚Die meisten Ökonomen sind sich darin einig…‘), zumal dieselbe Konklusion über verschiedene Prämissen erreicht werden kann.

7 Gedanken zu „Sind die Wirtschaftswissenschaften zu ideologisch und zerstritten?

  1. „Freiheit für Forschung und Lehre“ heißt natürlich, dass es unterschiedliche Denkrichtungen gibt. Das ist gerade heute so wichtig, da ja ein gewisser „Mainsteam“ inzwischen leider Denkmuster in allen Bereichen vorzugeben versucht.

    In der Praxis zeigt sich dann, wessen Theorie in der Wirklichkeit taugt und wessen nicht.
    Konkurrenz belebt das Geschäft!

  2. Das Bild von Ökonomen in der Öffentlichkeit ist wohl recht zerstritten. Das wird sich aber wohl kaum beheben lassen, da die Medien gerne kontroverse Meinungen verstärken und Ökonomen nun mal auch nicht unmittelbar sind. Für fast jede Meinung findet sich ein ökonom. Masseneinwanderung super oder schlecht? Eurorettung gut oder schlecht? Mindestlohn gut oder schlecht? Manchmal könnte man meinen einige Ökonomen haben aus dem abliefern gewünschter Meinungen geradezu ein geschäftsmodell gemacht (zb fratzscher, bofinger) oder sind von Lobbyisten nicht zu unterscheiden (zb Horn vom imk, hüther). Diese unterschiedlichen Meinungen kosten die Ökonomen in meiner Wahrnehmung viel Glaubwürdigkeit.

  3. „Allerdings wäre es aus diesem Grund wichtig, viel mehr kritische Tests zu entwickeln, die zwischen Theorien diskriminieren können, statt nur Beobachtungen anzuhäufen oder einzelne Theorien empirisch bestätigen zu wollen, was im strengen Sinne ohnehin nicht möglich ist. Wissenschaftler sollten auch die Grenzen ihres Wissens reflektieren und denkbare Beobachtungen benennen, bei denen sie ihre bisherigen Überzeugungen aufgeben würden.“

    Genau das sehe als den kritischen Punkt im Vergleich zu den Naturwisenschaften. Mir scheint es in den Wirtschaftswisenschaften und in den Sozialwissenschaften an der Fähigkeit und Bereitschaft zu mangeln, sich auf leistungsfähige, diskriminierungsfähige Untersuchungen zu einigen – und danach gemeinsam die notwendigen Schlüsse zu ziehen und auch gemeinsam anzunehmen.

    • Dafür könnte es einen Grund geben, auf den ich vielleicht ein anderes Mal näher eingehe: In gewisser Weise sind gerade makroökonomisch alle wesentlichen Theorieansätze streng genommen falsifiziert worden. Entgegen Karl Popper wird eine falsifizierte Theorie aber nicht einfach verworfen, sondern es wird eine bessere Alternative benötigt. Wenn es diese gäbe, würde sie vermutlich schnell sehr viele Anhänger gewinnen. Bis dahin hält eben jeder an seiner bevorzugten Theorie fest oder es wird theorielose Empirie betrieben.

      • Wenn ein Ansatz faslifiziert ist , dann möchte ich als Box-Fan gerne jeden Vertreter einer falsifizierten wirtschaftswissenschaftlichen Hypothese in seine haltlose Erklärungs- und Beweis-Ecke verfolgt und getrieben sehen – er sollte gestellt werden. Der KO-Instinkt muss gepflegt, der KO gesucht werden – rein wissenschaftlich-sportlich , versteht sich. Aber mit Nachhaltigkeit und Ausdauer. Wie der stoische Cicero – und im übrigen glaube ich, dass Karthago zerstört werden muss. Das fehlt heute leider – in Anbetracht der meistens angestrebten Originalität. Der verdiente Veteran Sinn ist mir hier ein grosses Vorbild in seinem unverdrossenen Nachbohren und seiner Nachhaltigkeit. – Natürlich nicht im Sinne eines science citation index.

        Herr Dilger, nach der AfD muss das doch Ihr Ehrgeiz sein! Die Verhältnisse klären – rein wissenschaftlich! Und damit auch nachhaltig politisch.

      • Eine falsifizierte Theorie muss nicht komplett falsch und wertlos sein. Sie kann z. B. eingeschränkte Anwendungsbedingungen haben. Ökonomen wären froh, Vergleichbares zu Newtons Gesetzen zu haben, obwohl diese strenggenommen falsch sind. Wenn man mikroökonomische Theorien testet, verhalten sich nie alle Menschen entsprechend der Theorie, selbst wenn es um simpelste Rationalitätsanforderungen geht. Die meisten Menschen verhalten sich aber nicht komplett irrational und ich halte die Wirtschaftswissenschaften ohnehin nicht für angewandte Psychologie, sondern die Wissenschaft(en) von Anreizen und Antworten auf Knappheitsbedingungen. Dabei haben Märkte und die gesamte Volkswirtschaft Eigenschaften, die über das Verhalten der einzelnen Marktteilnehmer hinausgehen. Für viele Fälle gibt es gute Theorien, aber nicht eine umfassende Theorie, die in jedem Fall anwendbar und empirisch korrekt wäre.

  4. Hans-Werner Sinn ist ein gutes Beispiel, dass Wirtschaftwissenschaften nicht zu ideologisch und interessant auch fuer ein breites Publikum sein koennen! Er wurde heute verabschiedet. Hoffentlich wird er sich weiterhin melden um Politik bei Bedarf zu entlarven!

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