Ricardianische Äquivalenz gilt nicht

Heute habe ich in einer Vorlesung das wichtige Konzept des relativen Vorteils von David Ricardo erläutert, wonach ein Staat (oder auch ein Mensch) sich darauf spezialisieren sollte, was er relativ besser kann als seine Tauschpartner, selbst wenn er absolut gesehen in allem besser oder schlechter ist. Hier möchte ich auf ein anderes Konzept eingehen, nämlich die Ricardianische Äquivalenz. Demnach ist es egal, ob Staatsausgaben über Steuern oder Schulden finanziert werden, da die Staatsschulden zu zukünftigen Steuern entsprechender Höhe plus Zinsen führen und die Bürger dies auch antizipieren. Robert Barro baute dies zu einem Argument gegen keynesianische Nachfragepolitik mit schuldenfinanzierten Staatsausgaben aus, weshalb auch von Ricardo-Barro-Äquivalenz gesprochen wird.

Dabei hat David Ricardo selbst nicht an diese Äquivalenz geglaubt, sondern im Falle der Kriegsfinanzierung Steuern statt Schulden empfohlen, weil die Bürger diese eher spüren würden und deshalb weniger kriegswillig seien. Bei echter Äquivalenz würden die Bürger hingegen keinen Unterschied sehen und sich immer gleich verhalten bzw. das sonst sofort als Steuern gezahlte Geld in die Staatsanleihen stecken, um damit die zukünftigen Steuern zu bezahlen, mit denen der Staat die Anleihen zurückzahlt.

Die Äquivalenz gilt aus verschiedenen Gründen nicht. Dazu gehört der psychologische Unterschied in der Spürbarkeit von Steuern und Schulden. Es gibt auch Verteilungsgründe, die gegen die Äquivalenz sprechen. Die aktuelle und zukünftige Steuerbelastung ist für verschiedene Personen unterschiedlich. Insbesondere wenn die zukünftigen Steuern erst nach dem Tod der heutigen Steuerzahler anfallen, haben diese ein Interesse daran, das Problem in die Zukunft zu verlagern, vor allem wenn sie keine Kinder und Enkel haben. Wer weniger spart, kann auch weniger zu zukünftigen Steuerzahlungen verpflichtet werden, was einen Anreiz schafft, sich genau entgegen der postulierten Äquivalenz zu verhalten. Schließlich kann der Staat seine Schulden immer weiter in die Zukunft verlängern, also nie zurückzahlen, so dass auch nicht die Steuerzahler damit belastet werden, sondern höchstens die Anleihenbesitzer bei einem Staatsbankrott.

Warum ist das wichtig? Wenn die Ricardianische Äquivalenz gelten würde, bräuchte man sich keinerlei Gedanken zu machen, ob staatliche Ausgaben durch Steuern oder Schulden finanziert werden sollen. Doch Keynesianer dürfen aufatmen und Warner vor zu hohen Staatsschulden dürfen sich auch weiter sorgen, denn die Äquivalenz gilt nicht. Deshalb haben Politiker tatsächlich einen Anreiz, eher die Schulden als die Steuern zu erhöhen.

6 Gedanken zu „Ricardianische Äquivalenz gilt nicht

  1. Das Ricado-Barro-Äquivalenz-Theorem gilt doch eh nur unter den Annahmen eines vollkommen Marktes mit seinen seht weitgehenden und wenig realistischen Annahmen. Was dann wohl eher als Kritik an der modelltheoretischen Verliebtheit und den mathematischen Zahlenspielen von Volkswirten zu verstehen ist. Oder anders ausgedrückt: Als Aufforderung zu realistischeren Modellen und der Formulierung von Hypothesen und ihrer Testung in der Realität.

    Gegen Ihr Argument, dass kinderlose Menschen die Schulden auf die nächstfolgende Generation abwälzen können, wende ich ein, dass Menschen intergenerative Nutzenfunktionen haben können. Also das Wohl zumindest der mit ihnen Verwandten Personen in ihre eigene Nutzenfunktion einfliesst. Dann wäre die Konfliktlinie weniger zwischen den Generationen zu suchen, sondern innerhalb der Generationen bzw. zwischen kinderlosen und kinderreichen Menschen. Da könnte man dann so als etatistisch eingestellter Politiker über höhere Steuern für kinderlose Menschen nachdenken.

    • Ihre pauschale „Kritik an der modelltheoretischen Verliebtheit und den mathematischen Zahlenspielen von Volkswirten“ trifft wohl kaum auf David Ricardo zu. Er formuliert eine ganz allgemeine Überlegung. Ein mathematischer Beweis setzt Prämissen voraus. Wenn diese verletzt sind, kann die Äquivalenz trotzdem gelten, nur nicht mehr (auf dieselbe Weise) streng bewiesen werden.

      Die meisten Menschen interessieren sich nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Mitmenschen oder zumindest einen Teil davon und für ihre Nachkommen. Das Interesse dürfte aber über die Entfernung abnehmen. Interessieren Sie sich wirklich für Ihre (potentiellen) Ururururenkle ebenso wie für sich selbst? Falls nicht, führt eine Verschiebung der Besteuerung bis in ihre Generation zur Aufhebung der Äquivalenz.

  2. Das kann nur der verstehen, der anders denkt als ich. Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Steuern und Schulden. So müsste es denn sein, dass Ricardo TTIP sehr begrüßen würde. Es bleibt aber außer acht, dass viele dann auf Kosten anderer ärmer würden. Diese wirklichkeitsnahe Annahme gab es Ende des 18.Jahrhunderts noch nicht, aber ich wüßte schon gerne, was Ricardo heute dem EUParlament sagen würde.

    • Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Steuern und Schulden. Sie sind auch nicht äquivalent, aber ebenso nicht völlig unabhängig voneinander.

      Freihandel begrüßte David Ricardo aus einem anderen Grund, nämlich wegen seiner Theorie des relativen Vorteils. Diese war ein echter wissenschaftlicher Fortschritt. Ob TTIP wirklich den Freihandel stärkt oder vor allem die Sonderinteressen von Großkonzernen, hängt von den genauen Details ab.

  3. Also bei Staatsschulden sollte wie privaten Schulden schon drauf geschaut werden, wofür die Schulden gemacht werden.
    Privat:
    Für den nächsten Urlaub (Geld ist weg) oder zur Dachisolierung um die Heizkosten zu senken (Einsparungen übertreffen Zins und Tilgung).

    Staat:
    Für die Finanzierung von Rentenerhöhungen (die Rentner werden die Schulden nicht zurückzahlen) oder für den Bau von Autobahnen (ich kanns halt nicht lassen 🙂 )

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