Burda zu deutscher VWL und Ordoliberalismus

Herr Prof. Michael C. Burda, Ph.D., ist einer der besten Ökonomen in Deutschland, wobei er US-Amerikaner ist (und 1997 Beisitzer bei meiner Disputation an der Humboldt-Universität zu Berlin war). Kürzlich hat er den Beitrag „3 myths about economics in Germany busted“ geschrieben, mit dem er den international eher schlechten Ruf der deutschen Volkswirtschaftslehre verteidigen und auch seine eigene Position nach dem Beitrag „Of Rules and Order“ in The Economist klarstellen will.

Mit den meisten seiner Positionen stimme ich überein. So haben Regierungsberater wie der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung durchaus normative Urteile zu fällen. Die Ideen von John Maynard Keynes sind auch nicht grundsätzlich abzulehnen, allerdings sind ihre Anwendungsbedingungen zu hinterfragen. Nachfrageorientierte Politik wirkt vor allem kurzfristig und in Krisen, ist aber auf lange Sicht mit Vorsicht zu genießen. Angebotspolitik kann hingegen strukturelle Probleme lösen und hat z. B. die Arbeitslosigkeit in Deutschland nachhaltig reduziert. Sparpolitik ist kein Selbstzweck, kann aber im nationalen Interesse sein, wenn andere Länder das hiesige Geld ausgeben wollen.

Im Gegensatz zu Herrn Burda glaube ich allerdings nicht, dass die völlig verschiedenen nationalen Interessen und Gegebenenheiten in der Eurozone unter einen Hut gebracht werden können. Die größte Differenz habe ich aber bei der Einschätzung des Ordoliberalismus, den er in The Economist schmähte und auch hier im 1. Absatz zum „Myth 2“ kritisiert:

If anything, ordoliberalism is simply a strong policy preference, perhaps even elevated to the status of religion. I have never seen a serious analysis of the welfare effects of an ordoliberal regime.

Ich denke, dass hier Ordoliberalismus über- und fehlinterpretiert wird. Für Marktwirtschaft mit Regeln und Rechtsstaatlichkeit zu sein, ist doch keine Präferenz für eine ganz bestimmte Politik und schon gar nicht religiös. Dass individuelle Freiheit in einem geregelten Rahmen zu besseren Ergebnissen führt als entweder Anarchie oder staatliche Willkür, lässt sich doch gut theoretisch und empirisch begründen, wenn auch vielleicht nicht so leicht mit einer rigorosen formalen bzw. quantitativen Analyse, weil es dafür zu grundlegend ist. Aus meiner Sicht waren sowohl Ordoliberalismus als auch soziale Marktwirtschaft nach dem 2. Weltkriege geschickte Versuche, dem dazu wenig geneigten deutschen Publikum wirtschaftlichen Liberalismus schmackhaft zu machen. Dass die damalige Kartelltheorie heute überholt ist, spricht nicht gegen die Idee an sich, die man nicht zu dogmatisch und statisch sehen sollte.

3 Gedanken zu „Burda zu deutscher VWL und Ordoliberalismus

  1. Der Ordoliberalismus hat in Deutschland sehr viel Gutes bewirkt in der Vergangenheit. Als Stichwort sei hier nur Ludwig Erhard genannt. Ebenso hat er auch in der Theorie Fortschritte gebracht. Die Analyse des Sozialismus durch Ludwig von Mises und die Vorhersage ihres Scheitern bereits 1922, gut 70 Jahre vor dem Ende des Kommunismus in Europa, kann als eine theoretische Glanzleistung dieser volkswirtschaftlichen Richtung angesehen werden.

    Im Gegensatz hierzu steht jedoch die Gegenwart. Schaut man sich etwa die Videos auf Youtube zum Thema Ordoliberalismus an, dann findet man dort nur die Rezitierung der Klassiker, wie von Mises oder Friedman. Es findet keine Forschung mehr statt. Vielmehr werden nur die Werke der genannten Autoren zitiert und diesen der Status der Unfehlbarkeit verliehen. Heilige Werke und unantastbare Autoritäten sind aber nun einmal Symptome eines religiösen Denkgebäudes. Die These, dass der Ordoliberalismus mehr eine Religion, denn eine volkswirtschaftliche Theorie ist, beschreibt zumindest seinen gegenwärtigen Zustand sehr gut.

    Daher sollte es auch nicht verwundern, wennn diese Denkrichtung in Theorie und Praxis kaum noch Relevanz hat.

    • Ich würde zwischen Ordoliberalismus bzw. der Freiburger Schule der Nationalökonomie und der Österreichischen Schule der Nationalökonomie unterscheiden. Zu beiden gibt es noch aktuelle, nicht nur historische Forschung, wenngleich die meisten Ökonomen einschließlich mir keine dogmatischen Anhänger sind, sondern eher eklektisch brauchbare Ideen aufgreifen. Die Videos, die Sie meinen, dürften in der Regel nicht von professionellen Ökonomen sein, sondern von politisch interessierten Laien. Aber z. B. Reden der Herren Höcke und Pretzell erlauben doch auch keinen Rückschluss auf das Niveau wissenschaftlicher Eurokritik.

  2. Ich finde, Sie beide, Herr Mol und Professor Dilger, haben in wichtigen Belangen recht. Sicher gibt es ernstzunehmende wissenschaftliche Arbeiten (ich komme gleich auf eine zu sprechen), sicherlich ist eine Unterscheidung zwischen Freiburger und Österreichischer Schule angebracht, und es trifft auch im Wesentlichen zu, dass der am stärksten exponierte Zweig der Österrechischen Schule im wesentlichen in einer dogmatischen Sackgasse gelandet ist, die freilich leider auch durch professionelle Ökonomen propagiert wird (Salerno. DiLorenzo etc.). Es gibt zum Teil fließende Grenzen zwischen dem Ordoliberalismus und den Österreichern; allerdings fällt es mir schwer, von Mises, ja selbst Hayek, dem Ordoliberalismus (den für mich vor allem Eucken verkörpert) zuzuordnen, da beide nach meiner Lesart zu minarchistisch oder sogar kryptoanarchistisch sind, (dass heißt sie sind keine bekennenden Anarchisten, sprechen häufig aber über den Staat kaum anders als Anarchisten, immer das Negative hervorhebend) um dem Ordoliberalismus Freiburger Prägung zugerechnet werden zu können. Letzterer nimmt eine entschieden positive Haltung gegenüber dem Staat ein. Eine ganz ausgezeichnete Übersicht über dieses Themenfeld liefert Professor Stefan Kolev, dessen „Neoliberale Staatsverständnisse im Vergleich“ ich mit großem Gewinn gelesen habe.

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