Herrschaft der Mittelmäßigen

Heute bin ich auf ein politökonomisches Papier zur „Mediocracy“, zur Herrschaft der Mittelmäßigen gestoßen. Demnach können Parteien bewusst darauf verzichten, die am besten geeigneten Personen als Kandidaten aufzustellen bzw. überhaupt als Mitglieder zu gewinnen. Dabei geht es gar nicht um die Differenzierung von Fähigkeiten als Politiker und als Staatsmann, sondern um allgemeine politische Talente, die sowohl innerhalb der Partei als auch bei öffentlichen Wahlen von Nutzen sind.

Die öffentlichen Wahlen will die Partei eigentlich gewinnen und deshalb dort den bestmöglichen Kandidaten präsentieren. Die Partei ist aber auch daran interessiert, dass sich ihre Mitglieder zuvor innerparteilich anstrengen. Dazu wird in dem kleinen Modell des Papiers angenommen, dass ein innerparteilicher Wettbewerb stattfindet und das Mitglied mit der größten innerparteilichen Leistung durch die Kandidatur belohnt wird (faktisch ist das oft nicht so, aber kann trotzdem das Resultat erklärt werden, s. u.). Auch das scheint für Aristokratie (Herrschaft der Besten, hier nicht erblich verstanden) und Meritokratie (Herrschaft nach Leistung) statt Mediokratie zu sprechen.

Nun gilt aber, dass der Wettbewerb schwächer wird, wenn eine herausragende Person von vornherein als Gewinner feststeht. In der öffentlichen Wahl wird das die Partei freuen, im innerparteilichen Wettbewerb davor ist das aber nicht im Interesse der Partei. Wenn mittelmäßige Mitglieder ernsthaft gegeneinander konkurrieren, kann die Gesamtleistung größer sein, als wenn einer ziemlich sicher gewinnt, so dass weder er noch die anderen Mitglieder sich anzustrengen brauchen. In dem Fall lohnt es sich für die Partei, die potentiell besten Politiker gar nicht erst zuzulassen und einen mittelmäßigen Kandidaten zu nominieren, während besonders schlechte Politiker ebenfalls nicht zum Zuge kommen. Beim Mehrheitswahlrecht kommt es übrigens seltener zu dieser mittelmäßigen Lösung, weil der Wettbewerb in der öffentlichen Wahl stärker ist, so dass es sich eher lohnt, da doch den bestmöglichen Kandidaten zu präsentieren, selbst wenn dies zuvor Anstrengung im innerparteilichen Wettbewerb um die Kandidatur gekostet hat.

Faktisch läuft es wohl doch etwas anders ab als in dem Modell, doch das Resultat kann dasselbe sein. Es gibt keinen Automatismus, der für die größte innerparteiliche Leistung die Kandidatur zur öffentlichen Wahl vergibt, sondern die Nominierung erfolgt über eine innerparteiliche Wahl (öffentliche Vorwahlen wie in den USA sind noch einmal anders zu betrachten). Normale Wähler wählen den zumindest aus ihrer Sicht besten Politiker, doch bei einer innerparteilichen Wahl sind viele der Wähler Konkurrenten (in der AfD gab es zumindest anfangs bei Wahlversammlungen mehr Kandidaten als nichtkandidierende Mitglieder, siehe ‚Schmallenberg vor einem Jahr‘). Für mittelmäßige Bewerber ist es dann sinnvoll, alle besseren Konkurrenten nicht zu wählen oder sogar vor anderen madig zu machen.

Bei längeren Wahllisten mit mehr als einem aussichtsreichen Listenplatz ist es allerdings empfehlenswert, ganz vorne ein oder zwei Zugpferde zu platzieren, während die potentiellen Hinterbänkler höchstens durch ihre Unauffälligkeit auffallen. Noch komplizierter wird es allerdings dadurch, dass echtes politisches Talent darin bestehen könnte, diesen Zusammenhang zu durchschauen und sich entsprechend zu verhalten. Denn Kluge können sich dumm stellen, aber Dumme schlecht klug.

10 Gedanken zu „Herrschaft der Mittelmäßigen

  1. Diesen Gedankengang finde ich aber mehr als zweifelhaft, denn natürlich muss eine Partei die besten Leute an die Spitze stellen. Schon deshalb, weil sie ja einfache Parteimitglieder dazu bringen muss, sich für die Sache zu engagieren ohne dass diese etwas davon haben. Wer hat schon Lust, sich auf einen Infostand zu stellen und sich für einen Kandidaten zu engagieren von dem man überzeugt ist dass er weniger kann als man selbst? Richtig ist, dass eine Partei auf eine gewisse Diversität (etwa was die berufliche Tätigkeit ihrer Kandidaten betrifft) achten muss, um das Wählerpotential nicht zu sehr einzuengen, und man muss auch dem Nachwuchs eine Chance geben, aber das würde ich nicht als einen Drang zum Mittelmaß sehen, schließlich hat jeder mal angefangen.
    Die Gründe für das Entstehen einer Mediocracy sind ganz andere: Was versteht man denn eigentlich unter einem „guten Politiker“? Im Wahlkampf braucht man andere Qualitäten als in der Verwaltung, man kann in der vergangenen Legislaturperiode top gearbeitet haben und wird trotzdem nicht wiedergewählt weil es niemand mitbekommen hat. Und dann ist natürlich die Frage, was Leute überhaupt dazu bringt, in einer Partei Karriere machen zu wollen und nicht anderswo.

    • So schlecht ist das Modell nicht, zumal es Ihre letzte Frage beantwortet: Viele engagieren sich in Parteien nicht aus reinem Idealismus, sondern um öffentliche Ämter und Diäten zu erhalten. Das ist für die Mittelmäßigen eher möglich, so dass sie sich auch eher engagieren werden, wenn vor allem Mittelmäßige zum Zuge kommen. Eine echte Professorenpartei z. B. hätte vielleicht die besseren Kandidaten, aber viel weniger engagierte MItglieder (ein mögliches Problem für ALFA im Gegensatz zur AfD). Eine höhere Bezahlung für gewählte Politiker würde dieses Problem übrigens nicht lösen, sondern eher noch verschärfen, während professionelle Parteimitarbeiter Abhilfe schaffen können, insbesondere wenn diese selbst keine Mitglieder sind bzw. nicht für öffentliche Ämter kandidieren (dürfen).

      • „Denn Kluge können sich dumm stellen, aber Dumme schlecht klug.“ – Das ist zwar richtig, aber für Kluge ist es sicherlich sehr unbefriedigend, sich dumm stellen zu müssen. Die Attraktivität einer parteipolitischen Karriere wird dadurch für Kluge stark gemindert. Und auch das begünstigt die Mittelmäßigen.

      • Ja, das Verstellen kann unbefriedigend sein. Vielleicht gelingt es auch gar nicht. Wer es nicht besser weiß, kann überzeugter und damit auch überzeugender platte Sprüche klopfen. Schließlich muss man mit dem Verstellen früh anfangen und es lange durchhalten (wie etwa Frau Merkel, die ständig von ihren Gegnern unterschätzt wurde). Professoren z. B. mögen politisch völlig unerfahren und naiv sein, aber glaubt man uns auch, dass wir dumm sind?

  2. Für meine Person gilt, dass ich aus der AfD ausgetreten bin, weil man meine vermeintlichen Zugpferde nicht wollte. Vielleicht bin ich aber auch ausgetreten, weil ich dachte, dass die Qualität der Partei nun nicht mehr stimmen könnte. Merkel war ein Zugpferd, weil das Volk ihr vertraute. Die SPD war mal ein Zugpferd, weil sie ein Ohr für die weniger Previligierten hatte. Die FDP war mal ein Zugpferd, weil ihre Glaubwürdigkeit hoch war, fiel aber wie ein Stein, als Niebel einen Teppich von Kabul nach Berlin fliegen ließ. Auch die Grünen waren mal ein Zugpferd, als es um sauberes Wasser und gesunde Bäume ging. Früher galten die Zugpferde als lang anhaltender Bestand einer Partei. Heute sind Zugpferde kurzlebiger, da sich die Themenwechsel in viel kürzeren Intervallen abspielen. Die Herrschaft der Mittelmäßigkeit hat aber einen entscheidenden Vorteil. Als Kompensation der Mittelmäßigkeit wird der Wähler beachtet, denn ohne ihn ist alles Nichts.

    • Der Witz des Modells ist gerade, dass es nur bedingt auf die Präferenzen der Wähler ankommt und Parteien bewusst Politiker präferieren können, die weniger gut beim Wähler ankommen. Es ist auch nicht unplausibel, dass dieser Effekt beim Verhältniswahlrecht stärker ausgeprägt ist als beim Mehrheitswahlrecht. Die Modellierung dazu ist nicht optimal, doch es ist offensichtlich, dass der direkte Wettbewerb um Wähler für Listenkandidaten schwächer ausgeprägt ist. Umgekehrt kommt es dann mehr auf die Arbeit in der Partei an, während Direktkandidaten einen stärkeren Anreiz haben, sich persönlich stark im Wahlkampf zu engagieren. Interessant sind deshalb auch Mischsysteme, bei denen Listenbewerber direkt Stimmen erhalten und so nach oben gewählt werden können wie in Hamburg oder die relativ erfolgreichsten, aber nicht direkt gewählten Direktkandidaten quasi die Liste bilden wie in Baden-Württemberg.

  3. Sagen wir mal so: Gibt es denn einen Beleg für das Modell? Könnte man insbesondere den Essener Bundesparteitag als Beleg dafür auffassen, dass sich die AfD-Delegierten mehrheitlich bewusst für Mittelmaß entschieden haben, um innerparteilich einen größeren Wettbewerb zu bekommen? Auf manchen Delegierten mag das passen, falls irgendwelche (nicht notwendigerweise „besseren“, im Sinne des Modells) Lucke-Anhänger den eigenen Ambitionen im Weg standen, aber umgekehrt kann das auf Lucke-Wähler genauso zutreffen. In erster Linie haben sich die Delegierten mehrheitlich wohl gegen eine Themen- und Bandbreiten-Verengung entschieden. OK, jetzt kann man argumentieren dass Euro-Politik eher für die Experten und Zuwanderungspolitik eher fürs „Mittelmaß“ ist, und der Wettbewerbsvorteil des „Mittelmaßes“ liegt somit darin dass die meisten Wähler und einfache Parteimitglieder „mittelmäßige“ Themen besser begreifen bzw. zu ihrer eigenen Herzensangelegenheit machen.

    • In dem Aufsatz selbst wird anekdotische Evidenz angeführt. Diese können wir um die AfD erweitern. Essen ist wohl anders zu erklären, aber nehmen Sie den Aufstieg von Herrn Pretzell in NRW. Viele Opportunisten waren für ihn, weil sie sich mit ihm bessere Chancen innerhalb der AfD ausrechneten, während ihnen äußere Erfolge der AfD erst einmal egal waren. Interessanterweise sind jetzt auch viele dieser Opportunisten selbst nicht mehr in der AfD, was die Kurzsichtigkeit vieler reiner Taktierer zeigt. Umgekehrt wird jetzt Herr Renner vermutlich der starke Mann in NRW, was ihm nur über diesen Umweg möglich war und nicht direkt.

  4. Ich habe diese Arbeit jetzt mal überflogen (es ist ziemlich viel Mathematik drin). Also: Die Autoren definieren schon genauer was sie, zum Zweck ihres Modells, mit der Leistungsfähigkeit eines Politikers meinen: nämlich die Fähigkeit, Geld und Stimmen für die Partei einzuwerben. Und sie gehen auch von voller Transparenz aus, also jeder weiß, wer wie leistungsfähig ist, es geht also nicht darum dass die Partei auf Blender reinfällt, sondern dass sie sich bewusst für „Mittelmäßige“ entscheidet (und insofern stimmt das mit Pretzell als Beweis für die Theorie eher nicht, ich denke schon dass er gewählt wurde weil man ihn für leistungsfähiger als seine Mitbewerber hielt, und sei es nur deshalb weil er dank sicheren Europaparlaments-Einkommens mehr Zeit und Geld haben müsste als ein Normal-Berufstätiger). Das Problem mit der Theorie scheint mir Folgendes zu sein: sie nehmen an dass der Erfolg der Partei die Summe des individuellen Erfolgs der Aktivisten ist und dass der individuelle Erfolg wieder davon abhängt wie hoch das Individuum seine Chancen sieht, ganz an die Spitze vorzustoßen. Und kommen somit mathematisch zu dem Schluss dass es besser ist, mehr Mittelmäßigen Hoffnung zu lassen als einen Superstar zu haben, der dann alle hinter sich vergrault. Was se aber dabei völlig außer Acht lassen (wenn ich nichts übersehen habe), ist, dass der Superstar natürlich auch den Erfolg der Leute hinter sich beeinflusst, und das zum einen direkt (indem er sie motiviert oder auch demotiviert) und zum anderen indirekt (je populärer der Superstar, umso populärer die Partei, und umso höher auch der Erfolg eines nicht ganz so leistungsfähigen Partei-Aktivisten). Und ja, in Essen wurden in der Tat die Leistungsfähigsten im Sinne des Modells (also die Leute welche individuell die meisten Stimmen und das meiste Geld einwerben können) aus der AfD vergrault, aber doch sicher nicht weil die Mehrheit der Delegierten gern selbst Parteichef werden wollte, sondern eben weil für Mehrheit eine Lucke-AfD weniger Spaßfaktor versprach als eine Petry-AfD. Und weil man mehrheitilich der Meinung waren dass die Leistungsfähigkeit der „Superstars“ ihren Zenit überschritten hatte.

    • Die politischen Fähigkeiten sind alles, was der Partei im Vorfeld von Wahlen nutzt, wie z. B. das Einwerben von Spenden, als auch in öffentlichen Wahlen selbst, also das Einwerben von Stimmen. Wenn es sich dabei um zwei verschiedene Fähigkeiten handelt, bricht das Modell zusammen. Es wird die direkte Wirkung von Mitgliedern auf die Anstrengung von anderen Mitgliedern berücksichtigt, die ebenfalls kandidieren wollen. Dabei ist nur ein öffentliches Amt zu vergeben, was zumindest für die Listenwahl die Verhältnisse nicht richtig abbildet. Hier ist es durchaus sinnvoll, wie von mir angedeutet einen hervorragenden Politiker an die Spitze zu stellen, während sich dahinter die Mittelmäßigen sammeln.

      In der Realität gibt es außerdem Mitglieder, die gar keine öffentlichen Ämter anstreben. Diese entscheiden entweder ideologisch, wofür es andere Modelle gibt (z. B. des Medianwählers, der innerhalb von Parteien ein anderer ist als bei öffentlichen Wahlen), oder z. B. nach dem Spaßfaktor. Dabei kann man sich schon vorstellen, dass öffentlich erfolgreichere Politiker nach innen fordernder sind und deshalb weniger Spaß versprechen. Werden jetzt nicht z. B. mehr Meinungsäußerungen in der AfD geduldet, selbst wenn sie dem äußeren Erscheinungsbild abträglich sind? Das könnte aber auch ein vorübergehendes Phänomen sein, bis die neue Parteispitze fest im Sattel sitzt.

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