Warum gibt es Staaten, wenn der Markt stets überlegen ist?

Es gibt verschiedene Argumente gegen libertären Anarchismus (siehe ‚Liberal versus libertär‘). Für ziemlich stark halte ich ein simples empirisches Faktum: Es gibt mächtige Staaten. Libertäre moralisieren viel gegen den Staat, den es nach ihrer Überzeugung eigentlich gar nicht geben dürfte, da sie marktliche Lösungen für strikt besser halten als staatliche. Doch wenn der Markt immer besser ist als der Staat, warum verschwindet der Staat dann nicht einfach im Wettbewerb mit marktlichen Anbietern oder fristet zumindest ein Nischendasein wie eine Verbrecherorganisation, für den ihn viele Libertäre tatsächlich halten?

Offensichtlich ist der reine Markt beim Herstellen von Sicherheit und (libertärer) Gerechtigkeit doch nicht so effizient und effektiv, wie die Libertären meinen. Das lässt sich ökonomisch über den Gutscharakter von öffentlicher Sicherheit übrigens leicht erklären, denn diese ist ein öffentliches Gut, für das privat am Markt die Zahlungsbereitschaft zu gering ist. Jeder ist freiwillig nur bereit, privat für die Sicherung des eigenen Eigentums und Lebens zu zahlen. Dementsprechend wehren private Wachdienste zwar Eindringlinge von eigenen Grundstück ab (wenn diese nicht zu mächtig sind, weshalb es auch keinen privaten Wachschutz gegen den Staat gibt), verfolgen sie aber nicht weiter. Wenn hingegen ein privater Wachdienst wegen Größenvorteilen zum (natürlichen) Monopol (siehe ‚Zentralbanken sind natürliche Monopole‘) werden sollte, dann wird er quasi zum Staat. Jedenfalls kann ihn dann keiner mehr daran hindern, seine Beiträge auch zwangsweise bei jedem einzutreiben, also faktisch Steuern zu erheben.

12 Gedanken zu „Warum gibt es Staaten, wenn der Markt stets überlegen ist?

  1. „Doch wenn der Markt immer besser ist als der Staat, warum verschwindet der Staat dann nicht einfach im Wettbewerb mit marktlichen Anbietern oder fristet zumindest ein Nischendasein wie eine Verbrecherorganisation, für den ihn viele Libertäre tatsächlich halten? Offensichtlich ist der reine Markt beim Herstellen von Sicherheit und (libertärer) Gerechtigkeit doch nicht so effizient und effektiv, wie die Libertären meinen.“

    Die Diskussion ist aus zwei Gründen ziemlich müßig.

    1. Richtig ist, je schlanker, transparenter und überschaubarer ein Staat ist, desto gerechter ist er.

    Zur Zeit ist aber nicht die Frage aktuell, ob wir einen schlanken Staat abschaffen. Zur Zeit ist die Frage aktuell, ob und wie wir den schlanken Staat wieder hinbekommen. Es geht um die Re-Demokratisierung des Staates. Zur Zeit bestimmt nicht das Volk die Politik, sondern die Lobbyisten bestimmen die Politik massiv.

    Die Frage, ob an die Stelle liberaler libertäre Politik treten soll, stellt sich in der gestaltenden Politik zur Zeit gar nicht.

    2. Zur Zeit besteht die konkrete Gefahr, dass sich der Staat überdehnt und dass er deshalb komplett ausfällt. Die libertären Verhältnisse können sich ggf. zwangsläufig ergeben.

    a. Der sog. Lobbyismus, eine Variante der Korruption, vergrößert die staatlichen Aktivitäten enorm, u.a. durch mittelbare Subventionierungen der Industrien in zweistelligen Mrd.-Beträgen in regelmäßigen Intervallen. Regelmäßig korrespondieren zu den Subventionierungen, wenn nicht die fremden Schulden direkt angekauft werden die Eingehung von Darlehensverbindlichkeiten, um „Rettungspakete“ liefern zu können.

    Es ist eine Frage der Zeit, dass der deutsche Staat die Ausfallrisiken der europäischen Industrien nicht mehr übernehmen kann.

    Es wird sich dann zeigen, ob es zu einem Einbruch der europäischen Wirtschaft und in welcher Intensität dieser kommen wird. Es wird sich dann das Ausmaß zeigen, in welchem Umfang die Marktteilnehmer lediglich mit Hilfe staatlicher Zuschüsse ausreichend Einnahmen erwirtschaften können. Tritt eine Kettenreaktion von Unternehmenspleiten bis nach Deutschland ein, dann kommt es auch zur deutschen Staatspleite ein, wenn auf einmal Steuern aus Unternehmensgewinnen, Erwerbseinkommen, pp. ausfallen.

    Eine schnelle Staatspleite, die wenig Zeit für Reaktionen gibt, dürfte Verhältnisse wie in Russland nach sich ziehen. Gehälter werden nicht mehr gezahlt, die Staatsmacht ist nicht mehr ausreichend präsent. Dieses Machtvakuum werden „marktwirtschaftliche“ Kräfte füllen, nämlich kriminelle Kräfte, die allerdings im Gegensatz zu einer demokratischen Staatsmacht noch weniger kontrolliert sind.

    b. Eine andere Frage der Zeit ist es, wie lange der deutsche Staat die unseriösen Taschenspielertricks fortsetzen kann, indem er die Bürgschaften nicht als Schulden angibt und Schulden wertlose Forderungen gegenüber stellt. Kann er dieses Spiel lang genug betreiben bis das Problem durch Negativzinsen und Inflation gelöst ist ?

    Es fragt sich natürlich auch, wie lange sich Negativzinsen durchsetzen lassen.

    Hier ist eine langsame Staatspleite denkbar. Die Gebietskörperschaften werden den gigantischen Personalkostenaufwand und die Pensionskosten finanziell nicht mehr stemmen können, gehen teilweise pleite, können sich aber verschlanken. Der Staat würde als größter direkter Arbeitgeber und als indirekter Arbeitgeber in der bisherigen Form ausfallen, was dann zur Folge hätte, dass die Staatsmacht weniger, aber nicht ausbleiben bleiben würde.

    Möglicherweise kommt es dann zur Redemokratisierung, weil sich auch die Wirtschaftskraft auch erst einmal wieder von unten nach oben aufbauen muss [ und dies die Politik durch die Setzung entsprechender Rahmenbedingungen zulässt ], oder aber zu einer Radikalisierung analog zu der Weimarer Zeit, weil Deutschland seinen starken Führer [ eher unwahrscheinlich, wäre allenfalls denkbar, wenn die Islamisten oder ausländische kriminelle Horden die Verhältnisse provozieren ] sucht.

    • Natürlich ist es eine theoretische Debatte. Weder die Liberalen noch Libertären werden in Deutschland die Macht übernehmen. Früher dachte ich, dass sie natürliche Verbündete sind auf dem Weg zu weniger Staat. Faktisch ist das aber nicht so, sondern die deutschen Libertären sind mit einer vernünftigen Rückführung des Staates nicht zufrieden und paktierten z. B. in der AfD lieber mit den autoritären rechten Kräften gegen die Liberalen.

      Eine deutsche Staatspleite steht in absehbarer Zukunft nicht auf dem Programm.

  2. Es ist in der Tat nicht zu sehen, wie der Markt den Staat auf den Gebieten innere und äußere Sicherheit ersetzen kann.
    In diesem Zusammenhang stellt sich aber auch die Frage, welche Legitimität ein Staat noch besitzt, in dem seine Bürger Angst vor Einbrüchen haben müssen, und dessen Grenzen jeder Mensch von außen überwinden kann, der das Wort Asyl aussprechen kann.

    • Das Problem ist eben nicht einfach, dass wir zu viel Staat hätten. Das ist in etlichen Bereichen der Fall, aber gerade seinen Kernaufgaben wie innere Sicherheit und Sicherung der Staatsgrenzen kommt unser Staat nicht mehr hinreichend nach. Asylrecht ist eine Sache, eine völlig ungeordnete Flüchtlingspolitik etwas ganz anderes.

      • Volle Zustimmung. Die Prioritäten werden völlig falsch gesetzt. Innere und äußere Sicherheit werden vernachlässigt, stattdessen drängt der Staat ständig in Bereiche hinein, die ihn nichts angehen oder wo ihm die Kompetenz fehlt. Die Konsequenzen sind fatal, und führen ironischerweise ins Gegenteil dessen, was bestimmte Politikrichtungen eigentlich erreichen wollen.

        Ich sage voraus, daß es in Deutschland zukünftig „angelsächsicher“ zugehen wird. Englischer insofern, als sich ein Teil des Bürgertums gezwungenermaßen in Privatschulen zurückziehen wird, amerikanischer dort, wo „gated comminuties“ entstehen, in die sich die Wohlhabenderen zurückziehen (müssen).

      • Die Entwicklung geht wohl leider in diese Richtung, ist aber nicht wünschenswert und ineffizient. Der gesellschaftliche Aufwand für Sicherheit steigt, von der es aber insgesamt weniger gibt. In gewisser Weise ist es sogar ein Rückfall ins Mittelalter, wo Städte und Burgen verteidigt wurden, der Großteil des Landes aber nicht

    • Das fängt ja schon bei den Schützvereinen an, dessen Königsvögel schon seit Jahren unter der EU-Norm liegen. Es bedurf schon eines Machtwortes unserer Obrigkeit hier freier Wille gelten zu lassen. Dazu passte dann auch die Meldung Anfang letzter Woche, dass bei einem Schützenkönigsschießen das Schießen morgens um 02:00 Uhr abgebrochen werden musste, da der Vogel nicht fiel. Wir lernen daraus, dass das Maß aller Dinge nicht immer das Maß ist, auch die Qualität spielt eine Rolle.

  3. Ich bin weiß Gott kein Anarchist, aber das Argument überzeugt mich noch nicht ganz. Anpassung und Durchsetzung des Besten ist ein evolutorischer Prozess, der noch nicht abgeschlossen sein muss. Vor etwas über 70 Jahren hatten wir noch eine Diktatur gegen die sich aktuell die Demokratie im Rahmen eines Staates durchgesetzt hat, wenn auch noch nicht überall. Dieser Staat verhindert darüber hinaus über sein Gewaltmonopol logischerweise seine Abschaffung, selbst wenn sie angestrebt würde. Freiwillig austreten aus der Staatsgemeinschaft ist auch eher schwierig. Von einem ungestörten Anpassungsprozess kann somit keine Rede sein.

    Ihre Auffassung teile ich aber im Ergebnis völlig.

    • Die Menschheitsgeschichte dauert doch schon etwas länger als 70 Jahre. Moderne Staaten gibt es noch gar nicht so lange (relativ zur Menschheitsgeschichte, jedoch auch weit länger als 70 Jahre), so dass der freie Markt viel Zeit zur Durchsetzung gehabt hätte, so wie es auch heute noch viele Orte ohne übermächtigen Staat gibt, in denen der Markt aber meist ebenfalls nicht sonderlich entwickelt ist. Wenn der reine Markt völlig überlegen wäre, müsste er auch ein bestehendes Gewaltmonopol überwinden, welches aber offensichtlich Vorteile gegenüber Gewaltwettbewerb hat. Die deutschen Diktaturen wurden schließlich nicht von innen heraus überwunden, sondern durch Krieg bzw. Beendigung der Besatzung.

  4. Sehr geehrter Herr Dilger,

    Ihren Denkansatz greife ich einmal auf. Wenn die Institution Staat bei der Bereitstellung bestimmter Güter dem Marrkt bzw. anderen Bereitstellungsformen überlegen ist, dann hätte sie sich doch überall entwickeln und gegenüber dem Markt durchsetzen müssen.

    Tatsächlich sind wohl alle Territorien auf diesem Planeten als staatliche Gebilde organisiert. Zumindest ihrer äußeren Form nach. Doch die meisten Staaten dieser Welt können nicht als Staaten im Sinne der moderen westlichen Länder aufgefasst werden. Denn in fast allen diesen Staaten erfüllt der Staat eine oder mehrere der ihm zugewiesenen Aufgaben entweder gar nicht oder nur teilweise. In diesem Sinne handelt es sich bei diesem Staaten um dysfunktionale Gebilde oder im Extrem um failed states.

    Ein funktionierender Staat, der sowohl die aus liberaler Sicht primäre Aufgabe der inneren Sicherheit erfüllt und zugleich auch in der Lage ist die Bereitstellung von Kollektivgütern zu organisieren ist also eher die Ausnahme und nicht die Regel. Von einer evolutionären Überlegenheit der Organisationsform Staat kann also nicht gesprochen werden. Vielmehr sollte man sich fragen unter welchen Bedingungen ein Staat überhaupt entsteht und welche Faktoren für seine innere Organisiertheit und damit für den Grad seiner Funktionalität verantwortlich sind.

    Zudem möchte ich an dieser Stelle einwenden, dass nur weil der Staat existiert und bestimmte Aufgaben wahrnimmt, er dies nicht auf die beste aller denkbaren Weisen tut. Vielmehr hat sich der Staat in der Vergangenheit bestimmte Aufgaben angeeignet und verteidigt sie mit Zähnen und Klauen. Der Staat hat leider die Möglichkeit zur Durchsetzung seiner Belange physische Gewalt einzusetzen. Daher kann er notfalls auf ein Gestaltungsmittel zurückgreifen, dass den Marktteilnehmern nicht zur Verfügung steht. Und mit diesem Mittel die Organisation der Bereitstellung bestimmter Güter in seinem Sinne beeinflussen.

    Die staatliche Form der Organisation mag temporär schneller sein, doch sie ist keineswegs effizienter oder besser. Denn betrachtet man die Dinge unter einem evolutionär langen Zeitraum, so muß man feststellen, dass multinationale Konzerne wie etwa Google, Microsoft oder Facebook staatliche Aufgaben wahrnehmen oder in zunehmenden Maße wie ein Staat agieren.

    Was allerdings auch wieder eher Anlass zur Sorge sein sollte und kein ANlaß zur Freude. Denn mit jeder Form von Größe entsteht ein Potential für Macht und damit auch die Möglichkeit diese im eigenen Interesse zu mißbrauchen.

    • Staaten gibt es inzwischen fast überall auf der Erde. Failed states sind nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Die meisten Staaten sind allerdings keine entwickelten Sozialstaaten wie Deutschland, weil die Menschen sich das nicht leisten können oder wollen.

      Dass der Staat das Gewaltmonopol hat und deshalb keine Konkurrenz zulässt, ist doch selbst erklärungsbedürftig. Es lässt sich leicht mit Vorteilen eines Gewaltmonopols erklären (Sicherheitsproduktion ist sowohl ein Kollektivgut als auch ein natürliches Monopol, also durch einen Anbieter besser zu erbringen als durch viele), aber eben nicht mit libertären Argumenten, dass Markt und Wettbewerb immer überlegen wären.

      Dass das Gewaltmonopol auch missbraucht werden kann, ist zentraler Gegenstand liberaler Staatsphilosophie. Gerade deshalb braucht man einen Staat mit Gewaltenteilung statt z. B. einen privaten Monopolisten. Google etc. mögen andere Staatsaufgaben wahrnehmen, aber nicht die Prduktion physischer Sicherheit. Private Sicherheitsfirmen bis hin zum militärischen Bereich werden von den entwickelten Staaten stark reguliert.

  5. Pingback: Selbstabschaffung libertärer Freiheit | Alexander Dilger

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