Egon Bahr ist gestorben

Heute ist Egon Bahr im Alter von 93 Jahren gestorben. Er wurde zuerst als Industriekaufmann ausgebildet, war später Journalist und wurde ein enger Vertrauter von Willy Brandt. Er leitete mit diesem unter dem von ihm, Bahr, geprägten Motto „Wandel durch Annäherung“ die Entspannungspolitik ein, zuerst ab 1969 als Staatssekretär im Bundeskanzleramt und Bevollmächtigter der Bundesregierung in Berlin, dann ab 1972 als Bundesminister für besondere Aufgaben. Unter Helmut Schmidt war er von 1974 bis 1976 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Von 1972 bis 1990 gehörte er dem Deutschen Bundestag an. In den 1980er Jahren verlor er den Glauben an die Wiedervereinigung, die er dann 1989 um so begeisterter begrüßte. Die Entspannungspolitik hat dazu kaum beigetragen, aber zwischenzeitlich doch das Zusammenleben in Deutschland und Europa verbessert. Auch wenn ich nicht mit all seinen Positionen übereinstimme, war Egon Bahr doch ehrlich und klug zugleich, was eine seltene Kombination bei Politikern ist.

27 Gedanken zu „Egon Bahr ist gestorben

  1. Was pol. Positionen von Herrn Bahr betrifft, war er ein Linker und SPD Parteisoldat. Mit seinem Verständnis für Putins Aggression in der Ukraine hat er sich diskreditiert. Auch er war bereit russische Zivilgesellschaft aus ideologischen Gründen an einen korrupten System-Putin auszuliefern, wie viele seiner Partei-Genossen.
    Ein Ergebnis Brandts Entspannungspolitik war auch eine Unterwanderung Deutschlands durch Linke die wir noch jetzt deutlich spüren.

    • Sie stellen die Position von Herrn Bahr hinsichtlich der Krim nicht korrekt dar. „Egon Bahr plädiert für Respektierung der Krim-Annexion“, aber im Gegensatz zu Matthias Platzeck nicht für die völkerrechtliche Anerkennung. Sein Vorbild war gerade der Umgang mit der DDR mit der Option einer späteren Wiedervereinigung. Der eigentliche Linksruck passierte übrigens erst nach der Wiedervereinigung und betraf vor allem die CDU, so dass wir jetzt eine ehemalige FDJ-Funktionärin als Kanzlerin haben, die vor allem linke Politik umsetzt.

      • Herr Bahr hat noch Ende der 1980ger Jahre eine deutsche Wiedervereinigung ausgeschlossen und separate Friedensverträge für DDR und BRD gefordert.

        Die eigentlich unfassbaren Äußerungen von Bahr 2014 betrachte ich eher als zurückrudern der SPD-Putin-Jünger, nachdem der Testballon von Platzeck für Empörung gesorgt hatte. Sowohl Herr Bahr, als auch Herr Platzeck haben sich mit ihren Äußerungen auf die falsche Seite der Geschichte gestellt.

      • Herr Bahr hat die Wiedervereinigung nicht kommen sehen. Aber wer hat das schon? Als sie kam, war er sofort dafür.

        Unfassbare Äußerungen zum Ukrainekonflikt kommen doch vor allem von der AfD. Die Position von Herrn Bahr finde ich hingegen zumindest nachvollziehbar. Wie stellen Sie sich denn eine realistische Lösung des Konflikts vor?

      • Richtig, ein Linksrück innerhalb CDU unter Frau Merkel passierte schrittweise nach Vereinigung. Eine Unterwanderung durch Linke, viele aus SPD Kreisen aber auch DKP etc, ist mindestens seit 1968 im Gange. Beide Vorgänge haben ganz anderen Charakter. Frau Merkels Strategie hat wenig mit Ideologie zu tun!

        Was Herrn Bahr betrifft werde ich erst meine Cuttings konsultieren!

      • Prof. Dilger, ich teile Ihre Meinung überhaupt nicht. Was bedeutet eine völkerrechtwidrige Krim-Annexion zu respektieren? Stillschweigend zu akzeptieren auf Kosten anderer Völker? Schon die Position der Genossen zu Wiedervereinigung war sehr eindeutig:
        http://www.deutschlandradiokultur.de/alfred-grosser-ueber-egon-bahr-er-war-nicht-fuer-die.1008.de.html?dram:article_id=328840

        Egon Bahr und treue Genossen respektieren Status quo weil sie russische Aggression mit zu viel Verständnis und Rechtfertigungen (Bahr, von Dohnany, Schröder, Platzek…….) auch heute noch betrachten. Ähnliche nostalgische Alt-SED Genossen finden Sie auch heute in Ostdeutschland.
        Wie Herrn Steinmeier sagte wir haben heute mit anderen Menschen und anderen Gegebenheiten zu tun.
        http://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_71983802/ukraine-krise-frank-walter-steinmeier-attackiert-egon-bahr.html

      • Bei Ihrem ersten Link fehlt die zeitliche Zuordnung. Der Ausgangspunkt von Herrn Bahr war stets, den Status quo zu akzeptieren, um davon ausgehend in kleinen Schritten nach realen Verbesserungen zu streben. Revolutionäre Veränderungen mögen manchmal erfolgreicher sein, meistens vergrößeren sie jedoch das Leiden.

        Glauben Sie z. B. ernsthaft, dass Herr Putin die Krim freiwillig wieder herausrücken wird? Sein Volkerrechtsverstoß muss natürlich weiterhin angeprangert und nicht wie durch die AfD geleugnet werden, doch zugleich sollte man die realpolitischen Gegebenenheiten und auf dieser Grundlage einen neuen Friedensschluss oder zumindest haltbaren Waffenstillstand akzeptieren.

      • Realistische Lösung des Konfliktes soll man mit Minsk Vereinbarungen beginnen. Moskau tut es nicht sondern destabilisiert die Situation nur weiter. Und bitte nicht sofort mit Kiews Fehler kommen! Die Lösung ist in Putins Händen!

      • Wir können aber nicht für Herrn Putin entscheiden, sondern sollten über die beste Antwort des Westens und darin Deutschlands nachdenken.

      • @ Alexander Dilger sagte am 21/08/2015 um 14:12 :
        Volle Zustimmung dazu, dass das, was von der AfD zum Thema Russland kommt, vollkommen daneben ist. Auch deswegen bin ich aus dieser Partei ausgetreten. Da kann man besser gleich RT-Deutsch einschalten, die haben bei ihrer Propaganda wenigstens eine hübsche Moderatorin ;-). Interessant wäre es, zu erfahren, wie auf welchem Wege dieses Putin-Verstehertum in die AfD gekommen ist, denn zu Anfang war es nicht da. Die Putin-Groupies gingen ja immer erstaunlich koordiniert vor …

        Zitat: Wie stellen Sie sich denn eine realistische Lösung des Konflikts vor?

        Im Prinzip hat man ja bereits mit dem richtigen Weg begonnen, auch wenn Deutschland das massiv versucht hat, zu behindern:
        – Es ist unmissverständlich festzustellen, dass die gewaltsame Infragestellung der territorialen Integrität von der internationalen Staatengemeinschaft nicht akzeptiert wird.
        – Die Ukraine muss militärisch aufgerüstet werden, damit der Preis für Putin steigt. Es muss verhindert werden, dass die Ukraine vollends zum gescheiterten Staat wird. In bereits besetzten Gebieten müssen die Ukrainer einen Partisanenkrieg beginnen.
        – Russland muss isoliert werden. Das russische Volk, das mehrheitlich ja offenbar hinter Putin steht, muss erkennen, dass dieser Weg zu Armut und Unglück führt. So ärgerlich und auch inhuman das ist: Erst die Not des sowjetischen Volkes hat das System zusammenbrechen lassen. Das könnte (leider) die Blaupause für ein nicht militärisches stoppen Putins sein.
        – Russland muss von seinen Einnahmen abgeschnitten werden, die Rohstoffmärkte müssen also in den Keller geschickt werden (gerade in diesen Märkten sind die wirkenden Kräfte ja nicht soo unsichtbare Hände).
        – Die Nato muss konventionell massiv aufrüsten, um eine glaubwürdige Abschreckung unterhalb der Nuklearschwelle aufbauen zu können.
        – Die mentale Verfassung, gerade in Deutschland, muss sich wieder stabilisieren. Wenn es an Willenskraft fehlt, die nationale Souveränität und die seiner Bündnispartner zu verteidigen, ist man leichte Beute und provoziert fast Übergriffe wie auf der Krim. Schlimmstenfalls muss noch eine Prise „McCarthyismus“ dazu, um den Putin-Trollen die Macht über die bundesdeutsche Meinung wieder zu nehmen.

        Ein solches Szenario könnte die Drohkulisse schaffen, die den Ausbruch eines heißen Krieges so lange verzögert, bis sich das Thema von allein durch russische Insolvenz erledigt. Schade um das viele schöne Geld, aber die Alternativen würden noch teurer. Was wäre uns erspart geblieben, wenn man nach Georgien 2008 die Ukraine mit sagen wir astronomischen 100 Milliarden stabilisiert und in die Nato aufgenommen hätte … die aktuelle sicherheitspolitische Krise mit Russland hat bereits mehr gekostet und eine glaubwürdige Nato greift Putin nicht an. Diese Überlegungen könnte man jetzt für Griechenland fortsetzen …

      • Die Verurteilung von Völkerrechtsverstößen ist richtig. Die militärische Aufrüstung der Ukraine ist hingegen fraglich. Militärisch haben wir eine mehrfach dialektische Situation: Die Separatisten hätten für sich genommen keine Chance gegen die ukrainische Armee, die ihrerseits der russischen Armee hoffnungslos unterlegen ist (ob mit Aufrüstung oder ohne), die wiederum rein konventionell inzwischen den Westen bzw. die USA zu fürchten hat, während in einem Atomkrieg alle verlieren würden. Für NATO-Bündnispartner müsste man selbst das riskieren (gerade damit es nicht dazu kommt), für die Krim aber nicht.

  2. Ich habe Herrn Bahr auch geschätzt, dabei ging es nicht um seine politischen Positionen oder seine Freundschaft mit Willy Brandt o.ä.
    Zum einen hat er sich als Vertreter Deutschlands gefühlt, war ein echter Patriot. Sollte bei einem Politiker eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, ist aber leider die Ausnahme.
    Zum anderen hat er sich in den letzten Jahren als „Elder Statesman“ aufgeführt, besonnen, Politik erklärend, kein Parteisoldat von Nahles und Co.
    Wie einst der selige Glotz und heute vielleicht noch Klaus von Dohnanyi.
    Ein leider krasses Gegenbeispiel ist Helmut Schmidt, der Geliebte, der Angesehene. Ich sah letztens ein Video mit Baring, der brachte es auf den Punkt: Schmidt redet laufend von Sachen, von denen er nichts versteht.
    Ich werde dem guten Bahr ein ehrendes Andenken erhalten.

  3. Eigentlich gilt ja der Grundsatz, dass man über gerade verstorbene nur positiv reden soll. Im konkreten Fall sehe darin aber die Gefahr, dass damit eine Legendenbildung fortgeführt wird, die sicherheitspolitisch hoch gefährlich ist, denn Herr Bahr stand hier für eine Denkschule, die kurzfristig taktisch opportun erscheint, langfristig aber nicht funktioniert und strategisch großen Schaden anrichtet. Per Geschichtsklitterung wird aktuell in Deutschland versucht, Ursachen und Wirkungen zu verdrehen, um so die Willenskraft in anstehenden hybriden Kriegen zu manipulieren.

    Woran machen Sie fest, dass Egon Bahr „ehrlich und klug“ gewesen sein soll?

    Herr Bahr war zweifelsohne ein rhetorisch begabter intelligenter und energiereicher Mensch. Ehrlichkeit würde ich ihm nicht zuordnen, denn er wechselte seine Positionen recht häufig, wenn politische Opportunitäten das vorteilhaft erscheinen ließen. Was er in Moskau sagte, war nicht selten fast das Gegenteil dessen, was er im deutschen Bundestag äußerte.

    Klugheit verorte ich eher bei Menschen, die langfristig sachorientiert für Stabilität sorgen und die Interessen des eigenen Wertesystems nachhaltig verkörpern. All das hat Herr Bahr in den letzten Jahren in Interviews versucht, zu vermitteln, um sein Denkmal zu meißeln. Es entspricht nur leider nicht den Realitäten seines politischen Werkes.

    Die von Herrn Bahr für die SPD umgesetzte Russlandpolitik entlastete die UdSSR am europäischen Schauplatz. Die freigewordenen Ressourcen setzte die Sowjetunion nicht für Wohlstandsmehrung für die eigene Bevölkerung o.ä. ein, sondern begann z.B. die zentralasiatischen Expansionen, was u.a. im Einmarsch in Afghanistan 1979 mündete – einer der zentralasiatischen Urkatastrophen, deren Folgen noch lange nicht behoben sind.

    Dann vermittelte die von Bahr betriebene Politik ein Bild der „westlichen Schwäche“, die dann wenige Jahre später mit dem Nato-Doppelbeschluss überkompensiert werden musste. Es waren harte Hunde wie Ronald Reagan, die den kalten Krieg gewonnen haben, nicht anbiedernde unterwerferische Schleicher wie Egon Bahr. Helmut Schmidt tat gut daran, Bahr trotz seiner Hausmacht in der SPD ab 1976 aus der Regierung fernzuhalten.

    Erst die auch von Herrn Bahr betriebene Politik brachte die Russen auf die Idee, dass man das Nato-Bündnis ggf. spalten kann, um so die kommunistische Einflusszone auszuweiten. Auch Herr Bahr gehörte zu den deutschen Politikern, die regelmäßig sehr unterschiedliche Maßstäbe ansetzten und zur bundesdeutschen Kultur des Selbsthasses beigetragen haben. Wenn ein Land ein stabiler Teil der internationalen Staatengemeinschaft sein soll, so muss es hierfür selbstbewusst mit sich und seinen Werten im Reinen sein. Herr Bahr hat hier eher destabilisierend gewirkt.
    Das lange von Bahr geleitete und geprägte Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) ist für den sicherheitspolitischen Diskurs leider vollkommen ungeeignet, weil ideologisch gesetzte Parameter an den Realitäten der Welt vorbeigehen und die vertretenden Positionen die Welt eher destabilisieren, statt sie sicherer zu machen.

    Für kurzfristige populistische Erfolge hat Bahr regelmäßig eine langfristige Strategie verraten und das medial als Erfolg verkauft. Seine Denkschule hat wesentlich die unfassbar naiven Afghanistan-Petersberg-Konferenzen geprägt – das Scheitern des deutschen Afghanistan-Engagements ist ja inzwischen unübersehbar.

    Klugheit geht eigentlich anders.

    • Woran machen Sie fest, dass Herr Bahr mit gespaltener Zunge gesprochen hätte? Er hat seine Ostpolitik doch vehement im Bundestag verteidigt. Diese mündete außerdem in völkerrechtliche Verträge, die öffentlich sind. Es wurde explizit festgehalten, dass die Bundesrepublik Deutschland das Ziel der Wiedervereinigung nicht aufgibt. Dass Herr Bahr dann in den 1980er Jahren nicht mehr daran glaubte, war ein Fehler, aber er war 1989 sofort dafür, als sie doch möglich wurde, während Lafontaine & Co. dagegen waren.

      Die Verbesserung der Verhältnisse in Europa war im deutschen Interesse. Sie können Herrn Bahr doch nicht ernsthaft anlasten, dass er dadurch zum sowjetischen Einmarsch in Afghanistan beigetragen hätte. Im Übrigen war das auch keine Urkatastrophe, sondern trug zum Untergang der Sowjetunion bei, während es erfolglose Besetzungsversuche Afghanistans schon vorher und auch nachher gegeben hat. Dass sich Deutschland unter rot-grüner Regierung daran beteiligt hat, war ein schwerer Fehler, den Sie jedoch nicht mehr Herrn Bahr zuschreiben können.

  4. Die Darstellung der Bahrschen Doppelzüngigkeit würden hier jetzt etwas langatmig (Post ist eh schon zu lang). Die Professionalität Bahrs macht hier eine sehr differenzierte Betrachtung notwendig. Ich verweise deswegen auf die diesbezüglichen Publikationen von Frau Münkel (Historikerin bei der Stasi-Unterlagenbehörde, Bahr wird dort meist in Zusammenhängen mit Brandt betrachtet).

    Naiv- wohlwollend interpretiert hat Bahr mit zwei Zungen gesprochen, um unüberbrückbare Gräben gangbar zu machen.
    Realistischer halte ich die Einschätzung, dass er als linker SPD-Politiker die BRD aus westlichem Einfluss lösen und in eine Kooperation mit Russland führen wollte. Für dieses ideologisch motivierte Verhalten sprechen auch seine späteren Äußerungen im Rahmen der Ukraine-Krise, für die er ja als Dankeschön im März 2015 Bahr in Berlin den Friedrich-Joseph-Haass-Preis des Deutsch-Russischen Forums erhielt – welche Gesinnung hinter diesem „Forum“ steckt, ist ja inzwischen bekannt.

    Die bei Herrn Bahr gegebene soziale Intelligenz und Rhetorik ließen ihn Rahmenbedingungen und machbare Wege schnell erkennen, was er dann oft mit passenden Worten kommentierte. Eine mögliche Wiedervereinigung unter westlichen Vorzeichen hat Bahr in den 1980ger Jahren bekämpft. Im Gegensatz zu Lafontaine etc. erkannte er aber sehr schnell, wohin die Geschichte lief und passte sich opportunistisch an. Bahr war ein Meister darin, das von ihm nicht gewollte aber unvermeidliche dann doch „schon immer gewollt“ zu haben, um so seine Reputation zu verbessern, um anschließend doch noch für seine Sache zu kämpfen. Was dann ja über andere Kanäle stattfand und zur heutigen mentalen Verfassung Deutschlands beigetragen hat. Die Techniken der Subversion und der intelligenten Propaganda wurden von Bahr beherrscht. Meiner Meinung hat Bahr so der Sache der Linken der SPD mehr gedient, als ein Lafontaine mit seiner Hau drauf Rhetorik.

    Ich muss meine Kritik an der von Ihnen benannten Klugheit des Herrn Bahr relativieren. Im Kampf für seine Sache war Herr Bahr offenbar klug, nur kämpfte er da für Dinge und Interessen, die ich für grundfalsch für unser Land halte. Ein bundesdeutscher Politiker sollte für die nationalen Interessen Deutschlands kämpfen, nicht für die von Mütterchen Russland.

    Herr Bahr war informiert und intelligent genug, um zu wissen, dass dem minimalen deutschen Nutzen seiner 1970ger-Jahre Verträge eine große ökonomische Entlastung Russlands gegenüber stand und als Kenner der Situation musste er ahnen können, wofür die UdSSR das verwenden wird. Spätestens seit dem Sturz des afghanischen Königs 1973 war der Welt klar, dass Afghanistan auf der russischen „Speisekarte“ stand. Die Hypothese, dass der russische Afghanistankrieg zum Untergang der UdSSR beigetragen hätte, ist nur bedingt richtig. Die sowjetische Führung hatte ein großes Expansionsstreben. Sobald man Ressourcen frei hatte, setzte die Parteiführung sie ein. Verkürzt gesagt: Nachdem Vietnam gewonnen war, kamen in den 1970ger Jahren kleine Stellvertreterkriege in Afrika bis man das große Rad in Zentralasien drehen konnte … Ursache war also nicht dieser eine Krieg (der nur eine Ausprägung darstellte), sondern die Bereitschaft der Parteiführung, Ressourcen für falsche Dinge einzusetzen. Hätte also Deutschland statt Entspannung den harten Kurs fortgeführt, wäre der Ostblock möglicherweise früher pleite gegangen. Die Politik von Brandt und Bahr hätte dieser Hypothese folgend also den kalten Krieg verlängert bzw. russische Ressourcen frei gemacht, um Dinge wie Afghanistan ab 1973/1978/1979 zu veranstalten.

  5. Lieber Prof. Dilger. Ich stimme Ihrer Haltung zur Politik Egon Bahrs nahezu uneingeschränkt zu. Bahr hat niemals die Annexion der Krim völkerrechtlich gerechtfertigt-die gibt es so wenig wie für den Kosovokrieg oder den Irakkrieg 2003-aber er hat zu Recht darauf hingewiesen, dass ein Rückfall in die kalte Kriegsrhetorik niemandem nützt und vielen schadet. Übrigens argumentiert Hans-Dietrich Genscher im SZ-Magazin heute ganz ähnlich. Kalte Krieger gibt es auf beiden Seiten genug-die Putinfreunde wie die Neokons haben zu keiner einzigen politischen Lösung eines Problems beigetragen. Ja, man muß in diesem Zusammenhang Putin scharf kritisieren, aber dies sollte uns vor Kritik an den Zuständen und der Politik in der Ukraine nicht hindern. Ich verweise auf die einschlägigen Berichte von Amnesty International, Human Rights Watch und der OSZE mit massiver Kritik an allen Konfliktparteien. Egon Bahr war ein großer Politiker, Deutscher und Europäer, der ein geeintes Deutschland in einem starken Europa gesehen hat und als Realist das Machbare als Vision verstanden hat. Ich verneige mich tief vor dem Menschen und Politiker Egon Bahr!

    • Massive Kritik an „allen Konfliktparteien“ ist für Linke kennzeichnend! Putin Annektiert mit Gewalt Krim aber die „unsichtbaren“ Freunde sind sofort dabei zu erklären wie bedrängt von Westen gute Wladimir war!

      Wenn man über Menschenrechtsverletzungen redet soll man in Russland anfangen. Korrupte Justiz, politische Morde, Vertragsbruch und Rechtslosigkeit! An 2. Stelle sind die Terroristen und russische Soldaten in der Ostukraine. Dazu gehört auch MH17 Verbrechen! Und erst dann gibt es noch unter ukrainischen Kämpfern Menschen die sich an Spielregeln nicht halten.

      Herr Bahr war erfahren genug um zu wissen dass Krim-Annexion eine erstklassige Völkerrechtsverletzung war und ist. Er hat aber dieses Rechtsbruch nicht eindeutig verurteilt und für eine Verurteilung gekämpft. Ihm ging es nicht um ukrainische Opfer und Bevölkerung, dachte er das Westen und Moskau gleiche Werte teilen? Das sind die typischen lauwarmen Sozialdemokraten die Ideologie an erste Stelle sehen aber Genossen nie wirklich kritisieren und durch Relativieren versuchen Moskau zu schonen! So kann man von Fakten und Wahrheit ablenken und immer wider desinformieren.

      • Es gibt nicht nur schwarz oder weiß, kalte (bis heiße) Krieger oder Moskauhörige. Entspannungspolitik ist nicht immer gut, gegen Hitler oder Stalin hätte sie nichts genützt, doch bei Breschnew schon und bei Putin ist sie zumindest einen Versuch wert.

    • @Janssen
      Exzellent formulierte Zusammenfassung – ich teile Ihre Sicht (sowie die von Prof. Dilger) uneingeschränkt. Unabhängig von der Frage, ob ich immer mit allen Standpunkten Bahrs einverstanden gewesen wäre (was in einer recht verstandenen Demokratie gar nicht nötig ist): er war in seiner klugen und ruhigen, bescheidenen, integren und lauteren Art schlichtweg ein großer Gewinn für die deutsche Politik. Er hat, im Zusammenspiel mit Brandt, einen teilweise von so manchen kalten Kriegern in den USA emanzipierten „deutschen Weg“ der Verständigung mit der zweiten Supermacht gefunden – das hat v.a. auch den ostdeutschen Landsleuten in vielfältiger Weise zum Vorteil gereicht, durch „Entspannung“ den Frieden in Europa insgesamt ein gutes Stück sicherer gemacht und damit letztlich auch mehreren deutschen Generationen ein recht angenehmes weil auch (kriegs)angstfreies Lebensumfeld gesichert.

      Ich bin immer froh, wenn in problematischen und risikoreichen Zeiten besonders verantwortungsvolle und begabte Politiker dezent aber nachhaltig Weichen zu besserer Zukunft stellen. Die robusten, holzschnittartigen Antworten eines primitiven Schwarz-Weiß-Denkens jedenfalls, wie sie von großen Teilen der (heutigen) AfD-Klientel präferiert werden, sind es, die, sofern in Regierungshandeln umgemünzt, in aller Regel geradewegs folgerichtig in Eskalationen und damit schließlich in Katastrophen führen.

      Egon Bahr behalte ich in durchweg guter Erinnerung!

  6. Egon Bahr war in der Tat ein echter Parteisoldat der SPD. Das Wohl der Partei war ihm daher wichtiger als das Wohl des Landes.

    Unter Willi Brand wurde Deutschland sehr zu seinem Nachteil verändert, was uns als „Modernisierung“ verkauft wurde. Dazu zählte auch, dass Verbrechen weniger streng bestraft wurden und das Schulden machen hoffähig wurde. Der „Wandel durch Annäherung“, dessen Architekt Bahr war, hat die Diktaturen in Mittel- und Osteuropa diplomatisch aufgewertet und auch vorübergehend stabilisiert. Zu deren Fall hat er ganz sicher nicht beigetragen! Alles andere wäre Geschichtsfälschung!!!

    • Egon Bahr war gerade kein typischer Parteisoldat der SPD, sonst hätte er durchaus noch länger Minister bleiben können. Loyal war er vor allem zu Willy Brand und wollte das Beste für Deutschland, auch wenn das vielleicht nicht immer gelungen ist.

      • Whisky-Willy blieb auch nach seinem glanzlosen Rücktritt noch sehr lange Vorsitzender der SPD. Es ist richtig, dass Bahr ihm gegenüber viel loyaler war, als z. Bsp. dem SPD-Kanzler Helmut Schmidt. Wie ich schon sagte: Ihm war die Partei wichtiger als das Land. Klassisches sozialistisches Denken („Die Partei hat immer Recht“…).

      • Herr Bahr war loyal zu Herrn Brandt als Person, nicht als Amtsträger, sei es im Staat oder der Partei. Sie können das mit den Lucke-Anhängern vergleichen, die ihm nach ALFA gefolgt sind und auch die nächste Wendung mitmachen werden.

      • Was wird die „nächste Wendung“ bei ALFA sein? Herr Lucke ist ja kein Dummer, auch wenn er im Umgang mit Menschen kein Fingerspitzengefühl besitzt. Aus Ihrer Formulierung, Herr Dilger, lese ich heraus, dass Sie mehr wissen…..!?!

      • Da ich nicht bei ALFA bin, kann ich definitionsgemäß keine Insiderinformationen von dort haben. Ich gehe aber davon aus, dass die Wahlen nächsten März nicht erfolgreich verlaufen werden. Da Herr Lucke ein Seriengründer ist, wird er dann meiner Einschätzung nach wieder etwas Neues versuchen.

  7. Lieber Herr Grisogono. Die Berichte über die Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine durch AI, Human Rights Watch und die OSZE sind also ihrer Ansicht nach pro-russische Propaganda? Interessant, da die russischen Medien genau diese Organisationen als Propagandainstrumente „des Westens“ ausgemacht haben. Vielleicht liegen sie ja mit ihrer deutlichen Kritik an beiden Konfliktparteien und ihrer deutlichen Benennung der jeweils Verantwortlichen gar nicht so verkehrt! Bei MH17 neige auch ich zu der Annahme eines Abschusses durch die Separatisten-wenn auch nicht vorsätzlich im Sinne von, dass MH17 gezielt abgeschossen werden sollte-eher eine tragische Verwechslung mit tödlichem Ausgang. Endgültige Klarheit werden erst die offiziellen Untersuchungsberichte bringen, wenn denn jemals eine vollständige Aufklärung erfolgen wird bzw kann.

  8. Herr Janssen,

    Wenn man nicht differenziert und Berichte über Ukraine zitiert, bekommt man einen verzerrten Bild. Das ist es, was ich auch unter rus. Propaganda nenne. Die Menschen die diese Berichte geschickt verwenden, um russische Politik zu rechtfertigen oder beschönigen, betreiben pro-russische Propaganda. Hunderte Trolle, RTDeutsch, AfD Aktivisten, Platzeks und Schröders etc sind ständig auf Sendung.

    Mitarbeiter der genannten Organisationen in Ostukraine werden ausschliechlich von Terroristen und russischen Soldaten verhindert und bedroht. Warum wohl?

    Das System-Putin die Organisationen, auch russische Bürger, die rechtslosen Zustände in Russland entlarven und systematisch beschreiben, mit allem Mitteln verfolgt und als pro-westlich deklariert ist nicht unerwartet. In diese „feindliche“ Kategorie fallen auch die „Soldatenmütter“ und viele russische ziville Gruppen. Alles Agenten des Westens?

    Nein, wer undiferenziert über „alle Konfliktparteien“ schreibt, versucht russische Völkerrechtverletzungen zu relativieren und zu rechtfertigen!

    P.S. Auch im Fall MH17 sabotiert Russland eine Aufklärung!

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