Casale geht, Pretzell fliegt

Patricia Casale ist heute als stellvertretende Bundessprecherin der Alternative für Deutschland zurückgetreten (siehe ‚Aderlass in der AfD‘). Das ist bereits der dritte Rücktritt innerhalb kurzer Zeit nach Frau Diefenbach und Herrn Henkel. Als Herr Pretzell selbst noch Beisitzer im Bundesvorstand war, stellte er in seiner Funktion als Europaabgeordneter Frau Casale ein. Diese unangemessene Abhängigkeit störte ihn nicht, sondern war sein Ziel. Zuletzt stand Frau Casale allerdings auf der Seite von Herrn Lucke, der durch ihren Rücktritt die Zweidrittelmehrheit im Vorstand verliert, die für Ordnungsmaßnahmen über Abmahnungen hinaus nötig wäre.

Trotzdem ereilte Herrn Pretzell heute eine weitere Ordnungsmaßnahme nach seinen zwei Abmahnungen durch den Bundesvorstand. Denn die AfD-Gruppe im Europaparlament schloss ihn heute von ihren zukünftigen Sitzungen aus, weil „er Vertrauliches aus diesen Sitzungen in verfälschter Form an die Presse weitergeleitet hat, um einen anderen AfD-Abgeordneten zu diskreditieren“. Herrn Pretzell hinderte das nicht daran, gleich auch über diesen Rauswurf verfälschend zu berichten und ihn als Strafe dafür hinzustellen, dass ausgerechnet er sich an Parteitagsbeschlüsse halten würde. Dabei könnte er jetzt doch endlich das Versprechen seine Aschaffenburger Nominierungsrede einlösen, dass mit ihm eine Fraktion mit den Tories nicht zu machen sei.

32 Gedanken zu „Casale geht, Pretzell fliegt

  1. Wenn Sie konsequenterweise auch Pretzells Rücktritt aus dem Bundesvorstand mitzählen, sind jetzt innerhalb kürzester Zeit ein Drittel aller Mitglieder des Bundesvorstands von ihrem Amt zurückgetreten. So einen hohen Grad an Rücktritten in so kurzer Zeit gibt es wahrscheinlich in keiner anderen deutschen Partei.

    • Ich habe unten auf die Auflösung des NRW-Vorstandes 2013 hingewiesen. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet Sie sich an Rücktritten stören. Schließlich fürchten Sie sich ständig vor „Funktionären“, die ihr „Fähnchen nach dem Wind drehen“ und „am Sessel kleben“. Ich hingegen glaube, dass Organisationen wie Parteien genau von so Leuten getragen werden, sofern sie erfolgreich sind.

      • Konsequent wäre, wenn die vereinten Minderperformer des Bundesvrstands ihren am Bundesparteitag in Bremen bereits selbst eingeräumten Dilettantismus zum Anlass nähmen geschlossen zurück zu treten. Sie können weder organisieren, noch die Partei einen. Das haben sie nun wirklich mehr als genug bewiesen.

      • Statt auf meine Kritik einzugehen, zeigen Sie jetzt wieder mit dem Finger auf andere und machen nicht belegte Vorwürfe. Tatsache ist doch dass Herr Lucke die Defizite erkannt hat. Er hat gesehen, dass man den Laden nur mit klaren Machtstrukturen zusammenhalten kann. Die Euro-Propagandisten haben die Gefahr erkannt und ihn daraufhin hastig zum Egomanen stilisiert – auch wenn ich glaube, dass man für so einen Job ein gewisses Ego braucht. Und siehe da: Leute wie Sie und andere, die ansonsten Spiegel & Co. kein Wort glauben, verschlangen genüsslich jeden Stuss, den Augstein, Süddeutsche usw. Ihnen vor die Füße warfen. Das war wohl kaum Herrn Luckes Schuld. Herr Lucke hat gesehen, was die CDU stark macht. Er hat sich angesehen wie erfolgreiche Parteien arbeiten, und wollte – will – Elemente davon übernehmen, nachdem der Motor zwei Jahre lang stotterte. Dann kommen Sie und kreischen „CDU 2.0!“ Was Sie damit sagen wollen ist dass Sie sich ansehen was bei anderen gut läuft, und das auf keinen Fall (!) so machen wollen, weil das persönlichen Schönheitsidealen widerspricht. Wie ein Schüler, der bloß nicht den verhassten „Streber“ nachahmen will und sich Erfolgserlebnisse lieber durch sozialschädliche Aktivitäten holt. Was Sie und andere wollen, das ist „Piraten 2.0“. Wenn Sie das Spiel nicht nach den Regeln spielen wollen (Parteiendemokratie), dann werden Sie vom Platz geschickt. Die Unfähigkeit, dies einzusehen, wohnt auch der kruden und sehr mit Gefühlen befassten Erfurter Resolution inne. Sie werfen ihm vor, nicht organisieren zu können, obwohl Sie seinen Organisationsentwurf ablehnten und ihm jetzt keine Gelegenheit lassen wollen, ihn in realo zu erproben. Dies ist bestenfalls widersprüchlich.

        Herr Lucke besitzt zudem offensichtlich die Fähigkeit, alle Teile der Partei zu repräsentieren. Ansonsten wäre es nämlich unmöglich, ihn je nach Laune als erzkonservativen Fundi und als „neoliberalen“ Marktradikalen zu karikieren, mal ultrarechts, mal liberal; Unfug, den Sie natürlich mit Schrecken und Staunen zur Kenntnis nehmen. Steht im selben „Im-Zweifel-Links“-Blatt, das auch von den segensreichen Wirkungen des Euro schreibt. Organisieren können Herr Lucke und Co. ganz offensichtlich trotz Defiziten auch, denn ansonsten wäre die Partei unmöglich so weit gekommen. Es macht mich betroffen, dass Sie vor lauter Abneigung den historischen Status der AfD leugnen. Das gab es noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik. (Obwohl es vor der Wiedervereinigung hätte einfacher sein müssen; damals entstanden die Grünen, die heute im Osten viel schwächer sind als im Westen.) Herr Lucke kann es scheinbar, auch wenn er viel lernen musste und es weiter muss. Er könnte es aber x-fach besser, wenn ihm nicht von Störenfrieden und für Partei(!)-Arbeit nicht zu gebrauchenden Anarchos Knüppel zwischen die Beine geworfen würden.

        Durch einen Rücktritt von Herrn Lucke wäre die Partei am Ende. In der öffentlichen Wahrnehmung ist die AfD Bernd Lucke. Ohne Herrn Lucke würde die Partei wenigstens in der öffentlichen Wahrnehmung nach rechts und ins Ghetto gleiten. Herr Dilger hat Herrn Lucke hier ebenfalls viele Vorwürfe gemacht, auch nachvollziehbare, hat die Faktenlage aber eingesehen. Sie sollten es ihm gleich tun. Dass Sie leider uneinsichtig sind und auch nicht den Weitblick haben, es besser als die „Mitperformer“ zu machen, zeigt Ihre seltsame Idee, der Bundesvorstand inklusive Lucke solle die Dummheit von Herrn Henkel nachahmen und die Partei im Bremer Wahlkampf köpfen – nach dem Motto „wo das Haus schon brennt kann man gleich Benzin dazu kippen“ – statt so gut es geht Beständigkeit auszustrahlen. Es ist nicht „konsequent“ wenn der Vater das Kind ertränken will, nur weil die Mutter deswegen im Bau landete.
        Außerdem müsste ein sofortiger Rücktritt eigentlich zu einem sofortigen Parteitag zwecks Neuwahl führen. Das ist vor der Wahl in Bremen aber schon organisatorisch wohl unmöglich. Jetzt gibt es in Bremen trotz einer sowieso ungünstigen Ausgangslage noch den Hauch einer Chance, die psychologisch wichtige Siegesserie nicht abreißen zu lassen. Dass es defizitär aussieht ist nun primär die Schuld von Herrn Henkel, der, würde er es auch nur ansatzweise gut mit allen gemäßigten Kräften in der Partei meinen, bis nach der Wahl hätte warten können. Sein Ego war größer als die historische, sich nicht auf Deutschland beschränkende Dimension der Partei – er konnte es wohl nicht ertragen, von „Pöbel“ kritisiert zu werden obwohl er dazu Anlass bot. Herr Lucke hat dieses Defizit offensichtlich nicht und lebt seit Jahren mit Unfug, über den man leider nicht mal lachen kann.
        Ein geschlossener Rücktritt käme nach der Wahl in Bremen in Betracht, auch wenn die Gefahr besteht dass er mit einem eventuellen dortigen Misserfolg verbunden würde und dann erst recht als Kapitulationserklärung daher käme. Wie Herr Dilger unten schildert hat er es in NRW ähnlich versucht und das Ergebnis war eher bizarr. Sie verlangen etwas, was nicht getan werden oder schief laufen wird; so oder so gewinnen Sie, da Sie nur Beine stellen wollen. Sie möchten „denen da oben“ einfach frustriert mit dem Knüppel eins überbraten, egal ob es Lucke, Pretzell oder Schäuble ist, aber was und wie genau es besser werden soll, das wissen Sie selbst nicht so recht, auch wenn man natürlich alles mögliche gut Klingende einfordern kann.

        Es ist auch nicht das Problem, dass der Bundesvorstand die Partei nicht eint oder doch. Es ist das Problem dass es in der Partei Kräfte gibt, die nicht geeint werden wollen.
        Die AfD funktioniert nur als Vernunftkoalition ernsthaft liberaler, konservativer und ein Stück weit auch etwas übertrieben „patriotischer“ Kräfte, die sich alle zurücknehmen und einsehen, dass sie nur einen Teil ihrer Ziele erreichen können. Es ist aber so, dass jede Seite den ganzen Kuchen will und Gremien und Posten als einzunehmende Burgen ansieht. Ich werde damit leben müssen, die Problematik nicht sachlich in entsprechender Kürze darstellen zu können und verweise daher nur auf die hysterischen Reaktionen, die sich in einer Art Ping-Pong-Spiel befinden. So ist es völliger Quatsch, wie Schlieffen-Gauland oder wie in der Erfurter Resolution nach dem Bremer Parteitag von einem Verwässern von Inhalten usw. zu sprechen, obwohl Inhalte gar nicht zur Debatte standen (es gab nur eine Veränderung der Personalstruktur zu Ungunsten angeblicher rechtskonservativer Aushängeschilder); und genauso ist es Quatsch, den Unfug als komisch „rechts“ oder gar „völkisch“ zu bezeichnen. Das Wort drückt nichts anderes aus als eine faschistische, supremazistische und eliminatoristische Haltung. Träfe das zu, dann müsste man die Leute aus der Partei schmeißen. Es trifft aber nicht zu, es ist die dumme Beschreibung einer anderen Dummheit. Und Kern des Ganzen ist eben die Furcht, nicht die alleinige Hoheit zu haben, welche sich auch in dem Irrglauben niederschlägt man könne die Partei quasi erobern, und die anderen würden sich dann verziehen oder zumindest Ruhe geben. Was die Inhalte der Partei betrifft, so scheinen diese ja zu stimmen. Ansonsten würde die AfD bei Herrn Dilger wohl kaum im Wahl-O-Maten beständig gewinnen. Das ist merkwürdig weil ja je nach Laune wahlweise die „Liberalen“ oder die „Konservativen“ oder wie sich die Leute gerade nennen vor der völligen Auslöschung stehen, und zwar schon eine ganze Weile. Daran sieht man, wie verzerrt die Wahrnehmung aller dieser übersensiblen, realitätsblinden Gruppen ist. Letztlich ist die Wurzel des ganzen Gezeters nur ein Schachzug der Eurofreunde, dessen Grundelement die gezielt bösartige Journalistenfrage „wo ordnen Sie sich ein?“ ist. Weder Herr Lucke noch Herr Dilger noch Sie könn(t)en in irgendwelche Hirne Vernunft impfen. Herr Lucke hat nur das Pech, in der Position zu sein, wo einige das von ihm erwarten. Im Endeffekt hat Herr Lucke sogar darauf hingewiesen, dass hier vom politisch-medialen Gegner geschaffene Strategien wirken, um die AfD zu spalten. (Er verwies auf dieselbe unterschiedliche Beschreibung seiner Person wie ich.) Wenn Leute dumm genug sind darauf hereinzufallen, dann kann er nichts dafür.

        Daher sehe ich auch nicht die Parteispitze in der Pflicht, sondern die Basis und die Landesverbände. Diese müssen einsehen, dass die Partei kein Schlaraffenland ist, sondern ein pures Zweckbündnis, bei dem man nie 100% der eigenen Haltung geliefert bekommt. So wie Herr Schäffler oder Herr Sarrazin ihren jeweiligen Parteien weiter angehören, obwohl sie entscheidende Teile von deren Politik falsch finden, werden alle einsehen müssen dass man der AfD angehören kann und in bestimmten Fragen eine fundamental andere Haltung als die offizielle Linie einnimmt. Das ist sogar die Chance, die Wählerbasis zu verbreitern. Wenn sich diese Haltung nicht durchsetzt, dann können Sie von niemandem verlangen, die Partei zu einen. Genauso gut könnten Sie Herrn Lucke vorwerfen, den Nahost-Konflikt noch immer nicht gelöst zu haben. Es ist auch nicht Herrn Luckes Fehler, wenn die uneinsichtige Basis in Hessen einen Ex-Republikaner als Sprecher will, nur um dem Bundesvorstand eins auszuwischen, oder wenn NRW Herrn Pretzell als Sprecher will, weil der Herrn Lucke so schön auf der Nase herumtanzt. Gewiss: Es sind teilweise „die da oben“, die es – viel – besser machen könnten. Das entlastet „die da unten“ aber nicht von ihren ureigenen Pflichten, die eine Parteimitgliedschaft mit sich bringt. Eine abgefeuerte Kugel wird es nie besser machen als der Schütze, der den Abzug betätigt. Insofern ist es ein regelrechtes Glück, wenn der Bundesvorstand von einem Delegiertenparteitag neu gewählt wird: So kann man sich an der Basis wenigstens hinter den Delegierten verstecken.

      • @Peter V.

        Ihr langer Beitrag, den ich teilweise schon nachvollziehen kann, ändert nichts an der Tatsache, dass es Bernd Lucke selbst gewesen ist, der die rechtsextremen Geister herbei rief. Schon aus diesem Grunde ist er für mich als vermeintlich einzig denkbares „Aushängeschild“ der AfD nicht mehr tragbar. Meine Meinung über Herrn Lucke hat sich durch die Erfahrungen der beiden zurückliegenden Jahre um 180º gedreht.

        Wenn man die AfD nur als Selbstzweck sieht, quasi als Taxi in die Parlamente oder als Familienunternehmen der Luckes, mag man Ihre Positionen durchwegs mittragen. Mein Anspruch ist jedoch ein anderer, nämlich ein inhaltlicher.

    • So eine Fluktuation kurz vor der Wahl in Bremen! Steckt da nicht Methode hinter? Und wer sind die Regisseure?

  2. Ich halte es für nicht sinnvoll und gar kontraproduktiv, Herrn Pretzell von solchen Sitzungen auszuschließen. Wenn er solche Dinge getan hat wäre es richtig, ihn aus der Partei zu werfen. So wie die Dinge jetzt liegen wird es nur schwieriger, ihn im Auge zu behalten. Vor allem aber erlaubt es ihm, sich weiter märtyrerartig zur innerpateilichen Opposition und zum Helden aller, die sich irgendwie ungerecht behandelt fühlen, zu stilisieren. Das macht ihn gefährlicher, nicht schwächer.

    Dass er die Fraktion wechselt sollten Sie sich nicht wünschen. Das fiele auf die AfD zurück. Er hätte eigentlich, sofern er nicht fraktionslos würde, nur die Wahl der EFDD-Gruppe beizutreten, zu der auch die Partei eines Holocaustleugners gehört, oder Marine Le Pen zu helfen, sich eine Fraktion zu basteln. Letzteres wäre immerhin reizvoll, da es den Euro weiter untergraben würde (potentiell tödlich, man bedenke die Finanzierung), auch wenn Frau Le Pen glaube ich immer noch ein Land fehlen würde.

    Was den Bundesvorstand betrifft so erinnert das etwas an die Endphase Ihrer Zeit als NRW-Sprecher. Ich meine die schrittweisen Rücktritte.
    Nun kann ich mir die Frage nicht verkneifen, ob der Bundesvorstand nicht vielleicht zu groß ist. Frau Diefenbach und Frau Casale kennt auch jetzt wahrscheinlich niemand in der breiten Masse der Bevölkerung. Das Gremium sollte möglichst klein sein, um undichte Stellen und Wackelkandidaten zu minimieren. Es wäre wünschenswert, wenn stabile Westverbände dort mehr Einfluss gewönnen, statt unbekannten Gesichtern ohne echte Autorität.

    • Die Rücktritte in NRW 2013 und jetzt im Bund kann man nicht vergleichen. Heute ist übrigens auch noch Herr Pühringer als stellvertretender Landesvorsitzender NRW zurückgetreten, und zwar zum nächsten Landesparteitag oder spätestens 9. Mai. Herbst 2013 in NRW trat Herr Burger zurück und machte den Landesvorstand beschlussunfähig. Dann habe ich einen gemeinsamen Rücktritt vorgeschlagen, den jedoch einige Herren kategorisch ablehnten. Deshalb bin ich selbst zurückgetreten und folgte mir der Rest sukzessive bis auf die Herren Balke und Renner, die sich lieber vom Parteitag abwählen ließen, um noch lächerlicher gleich wieder als Sprecher anzutreten und durchzufallen. Analog hätte zuerst Herr Lucke zurücktreten müssen. Das macht er jedoch höchstens dann, wenn der Mitgliederentscheid durchfällt.

      Der Bundesvorstand erscheint mir nicht zu groß, auch wenn er demnächst noch etwas größer wird. Allerdings sind nur wenige Mitglieder bundesweit bekannt, so dass Zufall und Gekungel eine große Rolle spielen.

      • Was den Bundesvorstand anbelangt so ist das Versagen der Basis oder von gewählten Delegierten bei der Besetzung kein Gekungel, es begünstigt dieses nur. Herr Pretzell wurde auch von irgendwem gewählt und nicht als Teil undurchschaubarer Ränkespiele eingeschmuggelt.

        Den „Vergleich“ (es war eher ein Hinweis) mit NRW zog ich, um daran zu erinnern dass man so etwas überstehen kann, so frustrierend und albern es auch stets sein mag. Insbesondere Herr Renner zeichnete sich durch eine ausgesprochene Lust am aussichtslosen Kandidieren aus, welche nicht mehr mit Logik erklärt werden kann. Ich bemitleide das eher als mich darüber aufzuregen.

        Ein Rücktritt von Herrn Lucke wäre die Apokalypse. Die Leute, die darauf bewusst oder unbewusst hinarbeiten, würden wohl kaum betroffen Einsicht zeigen und das Feld räumen, sondern dies als einen Sieg auslegen.

        Wenn Sie mit dem Mitgliederentscheid auf den Geiger-Text anspielen, so könnte man eigentlich nur hoffen, dass dieser durchfällt. Der andere Text ist viel besser und lässt an seiner Verfassungstreue auch nicht zweifeln. Der Geiger-Text hingegen ist ein schlechter Scherz. Er suggeriert, eine Grundsatzentscheidung zu sein, und kommt einem dann plötzlich mit einem Kopftuchverbot, das irgendwie nicht gut zum Grundgesetz in der momentanen Form und Karlsruher Auslegung zu passen scheint. Es wäre Beschlusslage, wenn dieser Text angenommen wird. Genauso albern ist es, von „Kontakten“ mit „europafeindlichen“ – allein das Wort – „Neuen Rechten“ zu sprechen. Was ist „europafeindlich“? Nach allgemeinen Begriffen ist das, wenn man gegen den Euro ist. Wenn die AfD sich die Auslegung des Begriffs selbst aussuchen kann, dann entbehrt die Abstimmung jedem Sinn. Genauso bizarr ist die Tatsache, dass die AfD sich bei Beschluss dieses Textes die Arbeit in der EKR-Gruppe untersagen würde: Da wimmelt es vor „Europafeinden“ und diffusen „Neurechten“, mit denen man ständig „Kontakt“ hat. Der Gipfel der Dummheit besteht aber in dem schon religiös angehauchten Bekenntnis zur EU. Dies ist ein Rückschritt und letztlich ein Bekenntnis zum Euro. Die AfD war von Anfang an für den „Verbleib in einer reformierten (!) EU“. Wenn man einen EU-Austritt aber völlig ausschließt wird man auch keine Reformen erzwingen können. Stattdessen liefert man sich einer „immer engeren Union“ aus, deren natürliche Folgen eine Gemeinschaftswährung und ein Zentralstaat sind. Herr Geiger arbeitet genauso wie die CDU: Er erzählt, dass man ja unbedingt Reformen will, ist aber unreiferweise nicht bereit mit der einzig möglichen Konsequenz zu drohen oder diese wenigstens diskutieren zu lassen. Wir sehen doch beim Euro, wie das läuft: Wesen von in Stein gemeißelten Schicksalsgemeinschaften ist es, dass der schlechteste Teil den Takt angibt. Wie soll man damit, gerade bei diesem Kernthema und Alleinstellungsmerkmal, Wähler überzeugen? Die können dann gleich Frau Merkel wählen.

        Ich war regelrecht betroffen, als ich diesen Geiger-Text sah. Der Gegenentwurf ist nicht perfekt, hat aber diese Fehler nicht. Jedenfalls wurde und würde durch den Geiger-Text nichts besser, aber alles schlechter. Meine Sorge ist, dass beide Texte mit Personen wie Herrn Lucke verbunden werden und dann entweder der schlechte Text beschlossen wird, was trotz Kosmetik tatsächlich eine Verwässerung wäre, oder dass der schlechtere Text durchfällt. Letzteres wäre eigentlich wunderbar, würde aber als Misstrauensvotum gegen Lucke daher kommen. Es ist also verkehrt, wie man es macht. An dem Beispiel sieht man genau, was schief läuft. Man kann nicht über Inhalte diskutieren, weil diese grundlos mit Personalfragen gekoppelt werden. Herr Lucke hätte, da bin ich mir ziemlich sicher, unter allen anderen Umständen kein Problem damit, den Konkurrenzentwurf zu unterschreiben. Ich würde mir wünschen, dass es überhaupt keine Abstimmung gibt. Der Geiger-Text sollte am besten völlig ignoriert werden. Der sachlichere Gegenentwurf wäre, am besten in überarbeiteter Form, eine gute Basis für die Zukunft. Herr Lucke sollte klarstellen, dass er den Alternativtext nicht als Kriegserklärung an sich betrachtet; jener enthält nichts, was ich so verstand. Was ihn selbst betrifft so hat er Recht: Seine Gegner sollen gegen ihn kandidieren. Ganz einfach.

  3. Der Rücktritt von Frau Casale, die auch wie Frau Diefenbach, keinem der beiden unversöhnlichen Flügel angehörte, zeigt, dass es längst nicht mehr um unterschiedliche politische Inhalte geht. Auch Herr Pretzell als ehemaliger FDP-Mann dient sich dem nationalkonservativen Flügel mehr aus taktischen als aus inhaltlichen Gründen an. Ohne dass ich Zahlen kenne, behaupte ich einfach einmal, dass sich die Mehrheit der AfD-Basis, ähnlich wie ich selbst, weder dem wirtschaftsliberalen noch dem nationalkonservativen Flügel zurechnet, denn jeweils weniger als 10% der Mitglieder haben die „Erfurter Erklärung“, bzw. die „Deutschland-Erklärung“ unterschieben. Ich verstehe einfach nicht, was in Herrn Lucke gefahren ist, der doch lange die perfekte und ausgleichende Klammer zwischen den unterschiedlichen Richtungen war. Der Bundesvorstand gleicht heute einer Schlangengrube……

    • Jetzt wird Herr Lucke dem wirtschaftsliberalen Flügel zugerechnet, obwohl er eigentlich sehr konservativ ist und früher tatsächlich über allen Flügeln stand. Wenn ich den Ablauf richtig erinnere, ist aber zuerst der liberale Flügel angegriffen worden und geschrumpft, dann wurde Herr Lucke von rechts angegriffen und erst in der Folge positioniert er sich selbst gegen den rechten Flügel. Interessant ist die Frage, ob die Mehrheit der Mitglieder ihm darin folgt oder auf eine neue Integrationsfigur hofft, die es allerdings nicht gibt.

      • Sehr geehrter Herr Prof. Dilger,

        mit Frauke Petry ist die, wie Sie sie nennen „Integrationsfigur“ schon längst im Bundesvorstand präsent. Wie Sie wissen haben sich die Initiatoren der „Deutschland-Resolution“ sogar selbst auf sie berufen. Und daß Frauke Petry auch über das nötige Charisma verfügt, die politischen Differenzen zu überbrücken, davon konnte man sich auf dem Bremer Parteitag überzeugen.

        Mit freundlichen Grüßen
        an Sie und die Besucher Ihres Blogs

        Günter Tschöpe

      • Aus meiner Sicht ist Frau Petry aus verschiedenen Gründen weder Integrationsfigur noch als zukünftige Bundessprecherin geeignet. Sollte sie im Juni Herrn Lucke ablösen, werde ich die AfD verlassen.

      • Es gibt zwei Persönlichkeiten die beide Richtungen in sich vereinen und noch nicht negativ aufgefallen sind, dass sind Herr Andre Wächter von der AfD Bayern und Marc Jongen von der AfD Baden Württemberg, der erste Nachrücker auf der Europaliste.

        Hoffe dass diese beiden sich für den Vorstand bewerben. außerdem sehe ich auch Frau Trebesius als Integrationsfigur.

      • @viktor

        André Wächter (Ex-CSU) ist genau die Sorte Karrierist, die es im Windschatten anderer langjähriger ehemaliger Unionsparteifreunde an den Futtertrog zieht.

        Ein kleiner A11 Bundesbank-Amtmann, der sein karges Beamtensalär als Nickmännchen im Münchner Stadtrat aufstockt. Wenn er ausnashmsweise einmal etwas von sich gibt, dann ist es garantiert irgendwas unterirdisch Peinliches (http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.antrag-im-stadtrat-rauchwolken-ade-afd-setzt-sich-fuer-kostenlose-e-grills-ein.03c0adcf-799f-4160-a30a-fe7488f96320.html).

        Wächter ist so ziemlich das Letzte, was die AfD auf Bundesebene vorzeigbar machen würde.

      • Das hat doch nichts mit Hass zu tun.

        Ich bin lediglich nicht bereit meine Zeit damit zu vergeuden, Vollpfosten zu einem Plätzchen an irgendwelchen staatlich alimentierten Futtertrögen zu verhelfen, die aus den acht bis neun Zehnt, die Unsereiner für die Finanzierung des preußischen Beamtenstaats abdrücken darf, bezahlt werden.

  4. Pingback: Casale geht, Pretzell fliegt | FreieWelt.net

  5. Taktische Meisterleistung vom Henkel/Lucke Duo:

    Casale raus, Pretzell öffentlich isoliert und bloss gestellt, von Storch bei der eigenen Anhängerschaft blamiert (Enthaltung bei Pretzell Abstimmung), Höcke an die Wand gedrückt (EV verlangt) und Petry ruhig gestellt (wegen Befangenheit Pretzell-Sondergutachten).

    Bin gespannt, wer jetzt noch als Bundessprecher von denen antreten will?

  6. Pretzell fliegt überhaupt nicht. Er bleibt EU-Abgeordneter und bleibt in der EKR-Fraktion im EU-Parlament. „Ausgeschlossen“ wurde er lediglich von einem informellen, wöchentlichen Treffen der sieben AfD-Abgeordneten. Und dies geschah auf Betreiben des kürzlich aus dem Bundesvorstand zurückgetretenen Henkel, der damit eine weitere Nachtreter-Aktion liefert.

  7. Wenn es kommt, dann in aller Regel ganz Dicke und gleich Alles auf einmal, statt schön in kleineren Dosen verteilt. So nun auch bei der AfD, wo so langsam die Pragmatiker das Feld räumen. Übrig bleiben diejenigen mit extremen Positionen.

    Ihre Einschätzung Herr Prof. Dr. Dilger, dass Herr Lucke konserativ, ja z.T. erzkonserativ ist, dem stimme ich zu. Erinnert sei hier nur an seine Aussgen im Interview auf kath.net. Insbesondere seine Aussagen zur Abtreibung sind in der Allgemeinbevölkerung nicht vermittelbar. Wenn er heute im Richtungsstreit innerhalb der AfD in den Leitmedien durchweg als Liberaler innerhalb der AfD eingestuft wird, dann zeigt dies wie weit die AfD tatsächlich unmerklich nach rechts gewandert ist.

    Was Herrn Pretzell angeht, nun da ist das Maß eigentlich schon längst voll. In jeder normal funktionierenden Partei hätte es gegen solch einen Populisten, Pleitier und Karrieristen schon längst einen Aufschrei der Empörung gegeben und er wäre sowohl von der Basis als auch der Führung dieser Partei zum Rücktritt aufgefordert worden. Das dies nicht geschieht ist beschämend. Sowohl für die Gesamtpartei, insbesondere aber für den Landesverband NRW.

    Offenbar haben sich einge einflussreiche Funktionäre in NRW in nibelungentreue ihr Wohlergehen mit dem von Herrn Pretzell verbunden. Statt Herrn Pretzell vor die Tür zu setzen, werden seine Kritiker mundtot gemacht und aus ihren Ämtern gedrängt. Dass die Partei so eine Chance hat bei der LTW 2017 ist mehr als zweifelhaft.

    Eigentlich ist das sich nun abzeichnende Ergebnis, des Abgleitens der AfD in rechtsextreme Positionen mehr als zu bedauern. Denn Deutschland braucht eine bürgerliche Partei jenseits der CDU/CSU. Aber Neugründungen von Parteien sind schwierig und gelingen nur selten. So reiht sich die AfD ein in die vielen bereits gescheiterten Neugründungen. Leider muß ich hinzufügen.

    • Habe gerade noch mal den entsprchenden Zeit-Artikel aufgerufen. Nunmehr wird berichtet, man habe den entsprechenden Hinweis mit Blick auf die „unsichere Quellenlage“ wieder entfernt. Demnach wäre dies ein weiterer Beleg dafür, wie auch angeblich seriöse Presseorgane arbeiten: Erst einmal den Dreck hochwerfen – egal, ob was dran ist.

      • Den Dreck hochgeworfen hat sicher nicht die „Zeit“. Aber es ist ja hinreichend bekannt, dass gerade hierzulande derjenige, der auf Dreck hinweist, der größere Übeltäter ist, als der, der ihn gemacht hat.

        „Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.“ (Kurt Tucholsky)

    • Am Ende (also nach dem Wahlparteitag) wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wurde und unsere Laienschauspielertruppe namens „Bundesvorstand“ liegt sich wieder in den Armen. Erfreut über ihr gelungenes „good cop / bad cop“ – Spielchen, das einmal mehr verhindert hat, dass nicht von der Union installierte Figuren erst gar nicht weit genug nach oben gespült werden. Dann kann IM Erika die Korken richtig knallen lassen, für die sie jetzt den Sekt kalt stellt.

  8. „…dass mit ihm (Pretzell) eine Fraktion mit den Tories nicht zu machen sei“.

    Kann mir jemand sagen, welches EU-Parteibündnis Pretzell auf dem Aschaffenburger Parteitag stattdessen bevorzugte???

  9. Für eine EU-Fraktion braucht man Abgeordnete aus 7 Ländern, kann immer gegründet werden, wenn man es schafft .
    Nur wenn dieser Bräzel oder wie heißt, bei der Nationalen Front und bei der FPÖ anklopfen würde, würde es trotzdem nicht reichen. Sind bisher nur 5 Länder. FN, FPÖ, VB, Wilders-Partei und Lega Nord.

    Marine Le Pen und Charmantbombe Strache scheinen sich persönlich gut zu verstehen.

  10. Bei einer möglichen EU-Fraktionsgründung war natürlich auch Pech dabei.
    Die SNS ( Slowakische Nationalpartei) kam nicht mehr in EU-Parlament, die SNS galt ja früher in den Medien als „rechtsextrem“ koaliert man 4 Jahre mit den Sozialdemokraten, dann galt man nur mehr als nationalkonservativ. Die bulgarische Ataka kam auch nicht mehr ins EU-Parlament und die Schwedendemokraten sind umgeschwenkt zur UKIP.

    Mit der ungarischen JOBBIK gab es mal vor einigen Jahren Gespräche aber diese Volldeppen wollten „Westungarn“ zurück, damit ist das österreichische Bundesland Burgenland gemeint.
    Goldene Morgenröte war natürlich keine Möglichkeit , solchen Messer-Figuren gibt man nur mit Gummihandschuhen die Hand.

  11. Pingback: Pretzell fliegt aus der EKR-Fraktion | Alexander Dilger

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