Haariger Justizskandal

Die USA arbeiten gerade einen sehr umfangreichen und schwerwiegenden Justizskandal auf: „FBI admits flaws in hair analysis over decades“ (Bericht auf Deutsch vor allem mit Angaben aus dem amerikanischen Artikel: „Unschuldige mit falschen Proben in Tod geschickt“). Mindestens von 1972 bis 1999 hat das FBI Zehntausende Haarvergleiche unternommen und in Tausenden Fällen eine Übereinstimmung von am Tatort gefundenen Haaren mit denen von Tatverdächtigen verkündet. Das waren wichtige forensische Beweise, die zu vielen Verurteilungen bis hin zu Todesurteilen beitrugen. Allerdings gab und gibt es für diese Haarvergleiche keine wissenschaftliche Grundlage. Bei der aktuellen Nachuntersuchung mittels wissenschaftlich valider DNS-Analyse stellte sich in 95 % der bislang untersuchten Fälle von angeblicher Übereinstimmung der Haare heraus, dass die FBI-Mitarbeiter die Übereinstimmung übertrieben hatten, was die Anklage erleichterte und Unschuldige ins Gefängnis oder sogar die Todeszelle bringen konnte.

Viele Fälle sind allerdings noch nicht untersucht. Bei älteren Fällen ist mangels elektronischer Akten oft gar nicht klar, welche von ihnen noch einmal untersucht werden müssten, weil Haarvergleiche für die Verurteilung wichtig waren. Noch gravierender ist, dass das FBI 500 bis 1.000 Untersucher auf Ebene der Bundesstaaten und darunter in seinen fehlerhaften Methoden schulte. Die unteren Gerichte müssen die Verfahren auch nicht unbedingt wieder aufrollen, selbst wenn sich die verwendeten Methoden und Beweise als fehlerhaft herausgestellt haben. Insgesamt stellt sich die Frage, wie sich eine derart unzuverlässige und unbrauchbare Methode überhaupt so lange etablieren konnte. Es zeigt auch die Wichtigkeit von seriöser Wissenschaft und gesunder Skepsis.

14 Gedanken zu „Haariger Justizskandal

  1. Es zeigt auch die menschenverachtende Schwachsinnigkeit der Todesstrafe, welche zudem nicht abschreckend wirkt.

    Eine Strafe, die unter keinen Umständen aufgehoben und wiedergutgemacht werden kann, kann es eigentlich nur in einem Land geben, das jedes klitzekleine Detail über jede Person und jede Situation zu wissen meint und sich anmaßt, niemals einen Fehler zu machen. Dies sind Wesenszüge totalitärer Systeme.

    Ich fühle mich nicht als Teil einer diffusen Wertegemeinschaft mit Völkern, die so etwa praktizieren. Allerdings ist es ausdrücklich eine Stärke der amerikanischen Demokratie, das solche Dinge ans Licht kommen und diskutiert werden.

    Indes beharrte der Deutschlandfunk in seinen stündlichen Nachrichten darauf, dass das FBI ein „Geheimdienst“ sei…

  2. An diesem und anderen Fehlern des US-Justizsystem zeigt sich immer wieder, wie wichtig es ist, die Todesstrafe abzuschaffen. Langjährige ungerechtfertigte Haftstrafen sind sicher auch nicht angenehm, aber die Folgen lassen sich – zumindest teilweise – wiedergutmachen und die Delinquenten haben ihr Leben noch.
    „… dass die FBI-Mitarbeiter die Übereinstimmung übertrieben hatten, was die Anklage erleichterte …“
    Dies klingt nach bewußter Manipulation zur Erreichung einer Anklage und ist im Hinblick auf die zu erwartende Strafe menschenverachtend.
    Erstaunlich ist auch, wieviel sich die USA die Befriedigung dieses archaischen Rachebedürfnisses kosten lassen:
    „Todesstrafe verursacht Kosten in Millionenhöhe“ schreibt DIE WELT (http://www.welt.de/politik/ausland/article4910676/Todesstrafe-verursacht-Kosten-in-Millionenhoehe.html)
    Richter sind eben auch nicht unfehlbar, wie immer angenommen wird:
    „Todesstrafe in den USA: Neue Prozesse in mehr als 100 Fällen “ schriebt der Kölner Stadtanzeiger (http://www.ksta.de/politik/todesstrafe-in-den-usa–neue-prozesse-in-mehr-als-100-faellen,15187246,14190454.html)
    Man sollte das Leben von Menschen nicht von solchen Zufälligkeiten abhängig machen.
    Wie fehleranfällig das Verfahren zur Beweisfindung und Verurteilung ist, wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Columbia School of Law unter Leitung von Professor James Liebmann dokumentiert. Er und seine Studenten untersuchten Prozesse und wiesen Fehler nach.
    „Giftspritze für einen Unschuldigen“ (http://www.20min.ch/ausland/news/story/Giftspritze-fuer-einen-Unschuldigen-13980969)
    Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen?

    • In USA zählt ein Menschenleben leider offenbar nicht viel mehr als in China, Nordkorea oder den düstersten Winkeln Afrikas. Nur traut sich das hierzulande vor lauter Ehrfurcht gegenüber unseren großartigen „Freunden“ kaum jemand offen zu artikulieren.

  3. Esvzeigt sich wieder einmal, dass Demokratiecfunktioniert und fähig ist Fehler zu korrigieren!
    Diese Methode wurde sicherlich weltweit angewendet, was sagen die anderen Länder?

    Wissenschaft ist nicht unfehlbar! So wird es auch bleiben. Vielleicht wäre in Deutschland eine Diskussion über Anwendung von Autopsie auch angebracht?

    • Die Haarvergleiche sind keine wissenschaftliche Methode, sondern wurden von Praktikern entwickelt. Aus meiner Sicht unterstreicht es die Sicht von Wissenschaft, die auch das hinterfragt, was (scheinbar) funktioniert.

      • Man muss jetzt alle Fälle, bei denen die Haaranalysen eine Rolle gespielt haben und nur aufgrund der Haaranalysen Urteile gefällt wurden, wieder eröffnen. Sind die anderen Beweise unzureichend müssen sofort diejenigen, die noch in Gefangenschaft sind, freigelassen werden. In jedem Fall müssen Entschädigungen gezahlt werden und die, die durch den Staat getötet wurden, müssen rehabilitiert werden. In einem nächsten Schritt muss die Problematik der Todesstrafe neu aufgerollt werden. Der schlimmste Tod ist meiner Ansicht nach der Tod, wo ich weiß, dass ich unschuldig bin

      • Gehören Fingerabdrücke nicht zu gleiche Gruppe empirischer Methoden wie mikroskopische Haarvergleiche? Offensichtlich sind Fingerabdrücke wesentlich zuverlässiger als Haare.

        @Herr Riedelsdorf

        Glauben Sie die Haarvergleiche werden nicht weltweit verwendet, auch in Europa?
        Amerikanische Rechtspflege ist noch immer nicht schlechter als europäische Rechtspflege und es hat alles nichts mit TTIP zu tun. Mit Schiedsgerichten gibt es schon jetzt keine Probleme. Sie sind auch sehr wichtig für europäische Firmen. Argumentation gegen TTIP ist eine ideologielastige Verschwörungstheorie!

      • @Ivan de Grisogono:
        „Amerikanische Rechtspflege ist noch immer nicht schlechter als europäische Rechtspflege und es hat alles nichts mit TTIP zu tun. Mit Schiedsgerichten gibt es schon jetzt keine Probleme. Sie sind auch sehr wichtig für europäische Firmen. Argumentation gegen TTIP ist eine ideologielastige Verschwörungstheorie!“

        Die Folgen von Justizirrtümern sind in den USA aber mitunter irreversibel, da in USA (im Gegensatz zu beispielsweise sogar Russland!) noch immer die Todesstrafe angewandt wird. http://www.bild.de/media/vw-weltkarte-popup-neu-22439168/Download/2.bild.jpg Oder halten Sie diese Tatsache etwa auch für eine „Verschwörungstheorie“?

      • Beispiel Russlands ist schlecht gewählt. In Russland wird Todesstrafe ohne Gericht und Prozess ausgeführt.
        Und, es wird Sie nicht wundern, ich bin überzeugt , dass in bestimmten Situationen ein Staat ohne Todesstrafe nicht funktionieren kann und die Bevölkerung schützen kann.

      • Prof Dilger,
        Sie wissen es genau so wenig wie ich. Es ist eine Entscheidung der gewählten Repräsentanten des Staates wann man und wie nach gültigem Gesetz handeln muss.
        Vor kürzere Zeit gab es ein Massaker an rund 50 Studenten in Mexiko. Ich glaube nicht dass eine weitere Diskussion sinnvoll ist.

  4. Pingback: Haariger Justizskandal | FreieWelt.net

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