Deutschland muss mehr investieren

In Deutschland wird zu wenig investiert, sowohl vom Staat als auch von privaten Unternehmen, wie aktuell The Economist bestätigt (siehe „The German economy: No new deal“). Das ist gleich in mehrfacher Hinsicht schädlich. Es vergrößert den durch den zu niedrigen Euro ohnehin schon viel zu großen Exportüberschuss Deutschlands. Dadurch beeinträchtigt es die übrigen Volkswirtschaften der Eurozone oder sogar weltweit. Zugleich sinken mangels Investitionen das Wachstumspotential Deutschlands und die hiesige Produktivität, weshalb auch die Löhne kaum noch steigen. Dabei gäbe es genug gute Investionsmöglichkeiten, zumal die Auslandsinvestitionen eine relativ schlechte Rendite abwerfen, wenn es sich nicht ohnehin um verschenktes Geld im Rahmen der Eurorettungspolitik handelt. Bei Zinsen nahe null oder für den Bund teilweise sogar unter null wären aber auch Investitionsprojekte mit geringer Rendite immer noch lohnend. Die wesentlichen Investitionshemmnisse sind eine wirtschaftsfeindliche Politik, unsichere Erwartungen (ob die Politik nicht noch schlimmer wird und der Euro ungeordnet zerbricht) und die Schuldenbremse.

Gerade in der AfD gibt es viele Befürworter des verantwortlichen Wirtschaftens, doch das Vermeiden von Staatsschulden um jeden Preis gehört nicht dazu. Ökonomisch richtig ist es, nur sinnvolle Investitionsprojekte auszuwählen, deren Rendite über dem Zinssatz liegt. Die Differenz ist einzel- wie auch volkswirtschaftlich ein Gewinn. Besser als eine absolute Schuldenbremse (die dann doch nicht eingehalten wird, da insbesondere immer mehr Schattenhaushalte geschaffen werden) wären eine staatliche und volkswirtschaftliche Vermögensrechnung inklusive Abschreibungen. Nettoinvestitionen, die das Volksvermögen steigern, rechtfertigen durchaus eine entsprechende Nettoneuverschuldung, reine Ersatzinvestitioenn und Konsum, sei er privat oder staatlich, hingegen nicht (außer in akuten Krisen). Ziemlich unsinnig ist jedoch, was eine beim Wirtschaftsministerium angesiedelte Expertenkommission findet: Bürger sollen Geld in Straßen und Brücken investieren“. Der Staat kann sich viel günstiger das Geld leihen und benötigt diesen teuren und intransparenten Finanzierungsumweg nicht. Dagegen wären vollständige Privatisierungen und eine Verbesserung der Auftragsvergabe wie auch -abwicklung überlegenswert.

23 Gedanken zu „Deutschland muss mehr investieren

  1. Deutschland „muss“ gar nichts, insbesondere wenn angelsächsische Eurorettungslobbyisten danach krähen. Diese Leute stören sich nur an der Schuldenbremse, die eine Gefahr für ihr Geschäftsmodell (von Zinseinnahmen zu leben) ist.

    Mehr Investitionen sind in Ordnung, diese dürfen aber nie zu mehr Schulden führen. Wenn die EU z.B. möchte dass Deutschland mehr investiert, dann sollte Deutschland die Investitionen schlicht von seinen horrenden EU-Mitgliedsgebühren abziehen; Geld, das von Brüssel veruntreut und unsinnig genutzt wird – die Briten haben ja auch einen Rabatt. Wenn die demokratisch nicht legitimierte G20-Gruppe will dass Deutschland mehr investiert, dann kann Berlin die Entwicklungshilfe für einige G20-Länder abdrehen und das Geld hier ausgeben. Wenn der IWF will, dass Deutschland mehr investiert, kann Deutschland sein Geld aus dieser Chaos-Truppe abziehen. Die US-/UK-Banken werden sich jemand anderen zum kolonialen Abzocken suchen müssen.

    Ich erwarte von der AfD, dass diese strikt zur Schuldenbremse steht.

    • Wie lebt man bei Zinsen von null von den Zinseinnahmen? Wenn Deutschland nichts „muss“, warum darf es dann anderes (nämlich neue Schulden) nie machen? Etwas nicht zu dürfen, ist logisch äquivalent damit, dass man es vermeiden muss. Deutschland macht doch schon riesige Überschüsse. Warum muss es dann für heimische Investitionen Ausgaben im Ausland (über deren Sinn man separat diskutieren könnte) reduzieren? Meinen Sie, dass auch private Unternehmen keine Schulden machen dürfen? Was ist Ihre ökonomische Begründung dafür, lohnende Investitionen, die weniger kosten als bringen, zu unterlassen?

  2. Genau diese Thematik beschäftigt mich auch schon seit geraumer Zeit. Man kann sich über sich selbst wundern, wenn man als Liberaler mehr Staatsverschuldung fordert, aber es hat durchaus seine Berechtigung. Das Kernproblem ist tatsächlich der riesige deutsche Leistungsbilanzüberschuss. Die Neoklassiker sind leider überwiegend blind für diese Problematik, weil sie die Leistungsbilanz als die Summe individueller Vermögens- und Kaufentscheidungen ansehen, die allesamt optimal seien (angenommene Rationalität). Man kann aber ebenso argumentieren, dass unser Leistungsbilanzüberschuss maßgeblich durch einen nicht marktgerechten Wechselkurs verursacht wird und die individuellen Entscheidungen somit verzerrt werden.

    Jedenfalls ist es Tatsache, dass Deutschland (und auch die übrigen Überschussländer) einen beträchtlichen Teil ihrer Überschüsse abschreiben müssen. Dies wird deutlich, wenn man die kumulierten Leistungsbilanzüberschüsse mit dem Nettoauslandsvermögen vergleicht. Das Nettoauslandsvermögen ist deutlich geringer, somit kann also keinesfalls von optimalen Entscheidungen die Rede sein.

    Wenn nun so unheimlich viel Kapital aus Deutschland abfließt, wäre es sinnvoll, zumindest einen Teil dieses Kapitals zu absorbieren und im Inland zu verwenden. Sinnvolle Investitionsprojekte gibt es angesichts einer verlotternden Infrastruktur genug. Dies bedeutet, dass der Staat sich durchaus mehr verschulden sollte. Er könnte selbst mehr investieren, er könnte aber theoretisch auch investitionshemmende Steuern ohne Gegenfinanzierung senken (dann würde die Staatsquote sogar konstant bleiben). Ob private Investitionen im Inland auf diese Weise angeregt würden, weiß ich nicht.

    Jedenfalls gibt es einen bekannten nicht-keynesianischen Ökonomen, der mit genau diesen Argumenten eine höhere Staatsverschuldung befürwortet: Carl-Christian von Weizsäcker. Er spricht auch von der „Janusköpfigkeit“ der Staatsschulden (unter diesem Begriff findet sich ein interessanter FAZ-Beitrag von CCvW), denn Staatsschulden sind auf der anderen Seite auch Vermögen. Wer die Staatsschulden senken möchte, muss sich fragen, wer sich stattdessen verschulden soll – im Idealfall ist es die Privatwirtschaft, die rentable Investitionen damit finanziert. Bloß gibt es nicht beliebig viele rentable Investitionen im privaten Sektor und nicht beliebig viele Unternehmer, die sich verschulden wollen. Also haben wir ein Problem. In Deutschland hat sich der private Sektor in den vergangenen Jahren entschuldet. Weil auch die öffentliche Hand Überschüsse zumindest anstrebt, haben wir einen riesigen Sparüberschuss, der ins Ausland abfließt.

    Ob nun die AfD mehr Staatsverschuldung fordern soll und ein Ende der Schuldenbremse? Ich fürchte, die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge sind selbst in der Ökonomenzunft noch immer umstritten. In der Bevölkerung herrscht erst recht der Gedanke, dass (öffentliche) Schulden automatisch böse sind. Gerade in liberalen und konservativen Kreisen gilt Staatsverschuldung als verpönt. Von daher sollte man vielleicht erst abwarten, wie die akademische und öffentliche Diskussion zu diesem Thema voranschreitet, bevor man Gefahr läuft, als wirtschaftlich unseriös oder staatsaffin dazustehen.

    • Die AfD sollte nicht direkt mehr Staatsverschuldung fordern. Aber mehr Investitionen erscheinen mir sinnvoll. Als Mittel dazu erscheinen auch Schulden gerechtfertigt, sei es bei Privaten oder dem Staat. Es muss sich allerdings um echte Investitionen handeln, die eine Rendite bringen (sei es direkt oder beim Staat auch indirekt über Wirtschaftswachstum und dadurch steigende Steuereinnahmen). Konsum sollte man nicht langfristig auf Pump finanzieren. In der gegenwärtigen Lage wäre jedoch selbst Konsum hierzulande sinnvoller als das Verschleudern des Geldes.

      • Mehr Investitionen sind auf jeden Fall sinnvoll, bloß wird eine seriöse Partei nicht um die Frage umhinkommen, ob sie diese mittels neuer Schulden oder durch Einsparungen finanzieren will. Weniger Staatskonsum würde ich definitiv befürworten, aber aus makroökonomischen Gründen wäre eben auch eine Ausdehnung der Staatsverschuldung bedenkenswert. Das Problem der zu großen Leistungsbilanzüberschüsse sollten wir aber ohnehin am besten dadurch lösen, dass wir den Euro abschaffen und zu einer eigenen, dann kräftig aufwertenden Währung zurückkehren.

        Ich stelle mir gerade folgende Frage: Wenn eine marode und Staus erzeugende Brücke saniert wird, handelt es sich doch mit einiger Wahrscheinlichkeit um eine lohnende (renditeträchtige) Investition, die deshalb durch Kredite finanziert werden kann. Wenn aber nach der „Goldenden Regel“ mit Nettobegriff (also Verschuldung nur für Nettoinvestitionen) verfahren wird, dürfte die Sanierung nicht kreditfinanziert werden, weil ja ein Vermögenswert nur erhalten wird und nicht neu hinzukommt. Sehe ich das richtig? Dann wäre doch diese modifizierte „Goldene Regel“ gar nicht so sinnvoll, wie ich sie immer hielt. In Deutschland mit seiner perspektivisch schrumpfenden Bevölkerung gilt es ohnehin, vorrangig die bestehende Infrastruktur zu erhalten und weniger, zusätzliche zu schaffen (gerade aufgrund der Folgekosten, die dann von immer weniger Bürgern zu tragen sind).

      • Die Abschaffung des Euro wäre am besten. Mal sehen, wie man jetzt trotzdem noch Griechenland in der Eurozone halten wird. Also brauchen wir für einige Jahre wohl doch noch Ersatzlösungen. Mehr private und auch staatliche Investitionen in Deutschland wären gut, doch auch mehr Konsum ist besser als das reine Verschleudern des Geldes.

        Nennt man das wirklich „Goldene Regel“, dass Nettoneuverschuldung nur für Nettoinvestitionen aufgenommen werden soll? Langfristig ist das sinnvoll, weil sonst die Verschuldung immer mehr wächst, ohne dass ihr entsprechende Vermögenswerte gegenüberstehen. Es setzt aber auch voraus, dass bei Abschreibungen ohne Ersatzinvestitionen die Verschuldung entsprechend zurückgefahren werden muss. Folglich kann man auch mit der Schuldenbremse das Staatsvermögen verschleudern, wenn auf die nötigen Ersatzinvestitionen verzichtet wird, wie das wohl gerade der Fall ist.

      • Wie kommen Sie als Liberaler darauf, dass der Staat besser investieren und konsumieren könne als die Privaten? Schulden machen läuft auf eben diese Umverteilung hinaus.

        Ich würde Ihnen ja teilweise recht geben, nämlich wenn es um wichtige Infrastruktur geht. Nur fordern Sie gleichzeitig „vollständige Privatisierungen“ in Ihrem obigen Beitrag und reden zwei Sätze vorher über Straßen und Brücken?! Zudem haben Sie sich als TTIP- und Gentechnik-Unterstützer zu verstehen gegeben. Wie solche wunderbaren transatlantischen Segnungen in der Praxis aussehen, zeigt uns NAFTA in Kanada:

        Die einzige Brücke über den Grenzfluss zwischen der US-Stadt Detroit und der gegenüberliegenden kanadischen Stadt Windsor gehört dem Privatinvestor Matty Moroun. Dieser verklagt Kanada, weil die dortige Regierung eine neue Brücke bauen will. Man hätte ihn übergangen und würde seine Rechte gemäß des NAFTA-Abkommens missachten. Nach 5 Jahren ist immer noch keine Entscheidung gefallen.

        Eine Brücke, die pro Jahr 60 Millionen US-Dollar Maut generiert – da lohnt es sich gegen eine neue Konkurrenzbrücke zu klagen; zumal man so noch nebenbei richtig fett absahnen kann. Die ursprüngliche Klagesumme wurde mit 3,5 Milliarden US-Dollar angesetzt. Eigentlich kann man als Unternehmen aufgrund der Investorenschutz-Klausel einen Staat wg. irgendwas einfach so verklagen – sozusagen auf “Gut Glück”. http://finanzmarktwelt.de/ttip-investorenschutz-kanadanafta-offenbart-die-praxis-8545/

      • Wo behaupte ich denn, dass der Staat besser investiert oder gar konsumiert als private Haushalte oder Unternehmen? Wenn Sie mich kritisieren wollen, sollten Sie zuerst meine Position zur Kenntnis nehmen. Wussten Sie im Übrigen, dass Investitionsschutzabkommen eine deutsche Erfindung sind und Deutschland bereits sehr viele davon abgeschlossen hat?

      • Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die „Goldene Regel“ nun besagt, dass sich der Staat maximal in Höhe der Brutto- oder aber der Nettoinvestitionen verschulden darf. Ersteren Fall hatten wir jedenfalls in Deutschland vor Einführung der Schuldenbremse. Damals wurde mit einiger Berechtigung kritisiert, dass man auch die Abschreibungen berücksichtigen müsse, also vom Netto- statt Bruttoinvestitionsbegriff ausgehen müsse. Doch stattdessen kam die Schuldenbremse, die in der Tat dazu führt oder führen kann, dass durch unterlassene Ersatzinvestitionen eine bloße Verschiebung von expliziter zu impliziter Staatsverschuldung stattfindet.

        Beim Nettoinvestitionsbegriff hätte die Staatsverschuldung in den letzten Jahren wohl tatsächlich zurückgeführt werden müssen. Eigentlich bin ich Befürworter dieser Nettoinvestitions-Verschuldungsregel und finde sie ökonomisch sinnvoller als die Schuldenbremse und die vorige Regelung. Aber ließe diese Verschuldungsregel überhaupt noch Staatsverschuldung zu, wenn der Staat nun kräftig investieren würde, aber ausschließlich in (nachgeholte) Ersatz- statt in Neuinvesitionen? Oder sind nachgeholte Ersatzinvestitionen als Neuinvestitionen zu werten? Das ist aber womöglich nur eine Detailfrage, ich möchte keine Verwirrung stiften.

      • Die Regel sagt nichts über den Umgang mit vergangenen Fehlern aus. Eine simplere Regel ist es übrigens, jede Investition mit positivem Nettobarwert durchzuführen (bzw. bei einander ausschließenden Investitionsprojekten die mit dem höchsten Nettobarwert), also all die, bei denen nach Abzinsung die Erträge über den Kosten liegen.

  3. Kreditfinanzierte Investitionen sind durch Basel II sowohl für die Banken als auch einem Unternehmen nicht leicht.

    Solvente Schuldner fehlen im Lande. Dies Problem wurde durch das Konstrukt „Privatinsolvenz“ angegangen, nur es hilft nicht wirklich.

    Wesentlich ist das Problem, dass ein Unternehmer einen Kredit auch zu bedienen hat, wenn er Verluste macht. Würde man so wie Griechenland es plant, Kredite nur bedienen bei Gewinn, wäre es eben bei Unternehmen eine Beteiligung ( Risikokapital) .

    Vielleicht müßten die Banken über die EZB gesteuert werden, nicht Kredite zu vergeben, sondern Risikokapital in Form von Beteiligungen.

    Grundsätzlich ist die Verschuldung in allen Bereichen vollkommen im Irrsinn angekommen. Was sich Konzerne für Lieferantenkredite nehmen auf Grund ihrer Marktmacht ist unfassbar.

    • Banken sind keine idealen Risikokapitalgeber. Doch davon sollten mehr geschaffen werden, ggf. durch Änderungen in der Regulierung. Warum sollen Versicherungen, die Geld auf Jahrzehnte anlegen, nicht auch Unternehmensbeteiligungen kaufen dürfen? Bei hinreichender Diversifikation sind diese auf lange Sicht sowohl rentabler als auch weniger riskant als Anleihen. Auch die Privatanleger in Deutschland sollten sich wieder mehr dem Aktienmarkt öffnen, wobei die gegenwärtigen Höchst- nicht unbedingt Kaufkurse sind.

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  5. Wir sollten ersteinmal sparen.

    Und was sind Schulden für investitionen,machen die SPD und Grünen gerade in NRW.
    Sie machen Schulden für ihr Bildungsprogramm.

    Wir könnten endlich mal in die Bundeswehr investieren,was da abgeht,das ist ja nur noch peinlich.
    Ansonsten könnte wir auch den Mehrwertsteuersatz auf Dienstleistungen runter auf 7 % senken,damit diese Leute im Niedriglohnsektor auch mal etwas konsumieren können,ohne sich gleich zu überschulden.

    Ich bin immer noch der Meinung,das wir da ran müssen.
    An den Mehrwertsteuersatz für Dienstleistungen auf 7 %.

    Erstens weil das SINN macht.
    Und zweitens,weil wir auch diese Leute ganz dringend brauchen um eine feste prozentuale Größe in der Parteienlandschaft zu werden.

    Die Leute wollen endlich vertreten werden,da muß man ran.

    • Mittels Bildung kann tatsächlich in Humankapital investiert werden. Dafür müssen die Ausgaben aber auch effektiv wirken. Außerdem sind hier die großen Abschreibungen bei älteren und alten Menschen zu sehen. Es handelt sich eigentlich nur um (unzureichende) Ersatzinvestitionen, insbesondere weil das formale Bildungsniveau zwar steigt, die Jahrgänge aber kleiner werden.

      In die Bundeswehr wird nicht wirklich investiert. Eigentlich ist das Staatskonsum, wobei es sich dann bei Panzern etc. um langlebige Konsumgüter handelt (so wie ein privater Pkw).

      Ist Ihnen bewusst, dass auch in Deutschland inzwischen der Dienstleistungssektor der insgesamt größte ist? Vielleicht wäre es sinnvoll, die Freigrenze hochzusetzen, unter der gar keine Umsatzsteuer gezahlt werden muss (momentan gibt es bei Umsätzen unter 17.500 Euro ein Wahlrecht, ob man Umsatzsteuer zahlen und absetzen will oder nicht).

  6. Auffällig ist die mehrfache Darstellung, dass eine Investition auf Kreditbasis immer dann sinnvoll sei, wenn die (erwartete) Rendite über den Schuldzinsen läge.

    Das mag allen Wirtschaftstheoretikern ja einleuchten, ist aber nicht praxistauglich.

    Einfach weil die Realität sich nicht einfach in mathematische Modelle pressen läßt – die tatsächliche Rendite unterliegt so vielen Unwägbarkeiten, dass sie schlicht nicht seriös ermittelt werden kann.
    Selbst bei den überschaubaren Risiken einer Immobilieninvestitition kann man die Rendite erst im Nachhinein feststellen. Reparaturen, Leerstand, Mietausfall können zwar geschätzt werden sind aber in der langfristigen Betrachtung nur sehr ungenau.

    Unternehmen und Vermieter federn dieses Risiko durch Einkommensüberschüsse ab, die sie an anderer Stelle haben mögen oder die sie als Reserve in die Kalkulation einfließen ließen.

    Unternehmen haben noch weit komplexere Unwägbarkeiten. Deshalb ist der zu zahlende Zins nur eine Größe, die zu einer Investition führen könnte.

    Der Staat hat schon heute keine Überschüsse, die er zur Risikoabfederung einsetzen könnte – vor allem aber: Warum sollt er es tun? Bildung, Brücken und Straßen klingt ja alles gut – aber hätte man das nicht bei den vorherigen Schuldenorgien nicht auch schon leisten können.

    Politisch wären wir aus meiner Sicht gut beraten an einer gesunden Staatsfinanzierung festzuhalten. Deutschland sollte sich endlich einmal darauf besinnen, was es sich leisten muss, leisten soll und leisten kann.

    Und dazu hatten wir als AfD schon einmal gute Ansätze – sei es über die Zuwanderung und Integration, sei es über Steuergerechtigkeit nach Kirchhof, sei es – vor allem die Loslösung aus dem Euro.

    Leider aber ist diese AfD Vergangenheit. Zukunftsweisende Programme interessieren nicht mehr, es geht nur noch um die Durchsetzung irgend welcher Ideologien.

    Derweil scheitert der Euro immer mehr, wachsen die Bürgschaften immer mehr – und müssen immer mehr Rentner Flaschen sammeln.

    • Es ist richtig, dass Risiken berücksichtigt werden müssen oder sogar echte Unsicherheit. Dazu nutzt man u. a. Risikozuschläge. Gegen Risiken hilft auch Diversifikation, die gerade der Staat gut betreiben kann. Das Hauptproblem sind politische Interessen, die alle ein Stück vom Kuchen wollen und deshalb noch die größte Verschwendung als Investition zu verkaufen versuchen (sind die Hilfspakete für Griechenland nicht eine Investition in die Zukunft des Euro?). Es ist allerdings sehr strittig, was unter „einer gesunden Staatsfinanzierung“ zu verstehen ist. Das Anhäufen von Überschüssen gehört eher nicht dazu, der Staatbankrott aber natürlich auch nicht.

      • Sie haben recht – je weiter man diversiert, desto geringer wird das Risiko.
        Bei Mischkonzernen geht das aber häufig zu Lasten der Rendite. Und die Zerschlagung selbiger schafft dann oft einen ‚Mehrwert‘ wenn man die Aktienkurse zugrunde liegt.

        Das sind eher ‚Modeerscheinungen‘ wie ja auch mal die Staaten mehr Investitionen halten (Bahn, Post, Versorger), um sie dann wieder zu privatisieren – und beide Vorgänge werden bejubelt.

        Zumindest theoretisch würden die extremen Deutschen Leistungsbilanzüberschüsse dazu führen, dass unsere Währung kräftig aufwertet – durch diese Preissteigerungen der Export nachließe, während die gefallenen Importpreise selbigen beflügeln.

        Dann und nur dann – hätte der gewöhnliche Bürger auch etwas davon. Die gefalllenen Preise würden ihm mehr Konsum ermöglichen – Auslandsurlaub würde preiswerter – und auch die Inlandsprodukte sollten oft günstiger werden.

        Anmerkung: Selbstverständlich aber oft außerhalb der Betrachtung
        Durch den € Verfall fielen auch die Deutschen Immobilien im Wert, wenn man den $ als Währung heranzieht. Was auch umgekehrt gilt.

        Neulich las ich, dass die Weltverschuldung insgesamt das dreifache des Welt-Bip ausmacht. Wir sitzen damit weltweit, wenn auch nicht zwingend in jedem Land, in einer ungeheuren Zinsfalle.

        Denn – der derzeitige Zins ist eben kein Marktzins. Er kann nur gehalten werden, wenn man die Märkte immer weiter mit Geld flutet.

        Ich erinnere mich noch gut, dass man für ASnlageentscheidungen auch Anleihe KGV mit Aktien KGV verglich.

        Würde man das heute zugrunde legen stünder der DAX bei 100.000 oder so 🙂

      • Bei einem Zins von (dauerhaft) null, geht der Wert von Vermögensgütern mit positver Rendite gegen unendlich (siehe ‚Welt ohne Zins‘). Real werden nicht unendlich lange, aber noch für viele Jahre sehr niedrige Zinsen erwartet.

  7. @ Alexander Dilger:

    Mich würde interessieren, ob Sie folgende Argumentation für berechtigt halten, die mir persönlich als einleuchtend erscheint, die ich aber sehr selten höre oder lese:

    – Dass die Leute große Mengen von Geld horten und damit dem Wirtschaftskreislauf entziehen, kann sich niemand ernsthaft wünschen.
    – Die Leute sollen es also sparen (statt horten), was aber bedeute, dass jemand anderer sich entsprechend verschulden muss (und das geliehene Geld optimalerweise investiert). Entsprechend addierten sich alle Ersparnisse und Schulden stets zu Null auf; und jeder Neubildung von Geldvermögen stehe eine entsprechend hohe Neuverschuldung gegenüber. Solange Ersparnisse gebildet werden, laute die Frage also nicht, ob Schulden gemacht würden, sondern nur von wem.
    – Der Sektor der privaten Haushalte sei in Deutschland seit langem ein Nettosparer; die Unternehmen, die sich einmal in Höhe der Ersparnisse der Haushalte verschuldet hätten, seien heutzutage ebenfalls Nettosparer. Mit der Schuldenbremse und „Schwarzen Null“ wolle der Staat ebenfalls (jedenfalls unter normalen Umständen) nicht länger als Schuldner zur Verfügung stehe.
    – Der einzige volkswirtschaftliche Sektor, der noch Schulden mache (und zwar in großen Maße), sei das Ausland (nämlich als Gegenbuchung zu den Leistungsbilanzüberschüssen).
    – Allerdings sei das Ausland dazu immer weniger in der Lage oder bereit, zumal deutsche Politiker ihm ja gerne sagen, dass es ebenfalls sparen solle. Zudem sind wir uns ja aber darin einig, dass riesige anhaltende Leistungsbilanzungleichgewichte nichts Gutes sind, und dass es sehr fragwürdig ist, ob man sich mit endlosen gewaltigen Kapitalnettoexporten etwas Gutes tut.
    – Es wäre demnach keine Lösung in Sicht: Entweder man bringt die Leute vom Sparen weg (klingt nicht sehr realistisch), oder man drängt die Unternehmen in die Rolle des Schuldners zurück (klingt ebenfalls politisch nicht durchsetzbar), oder man setzt immer nur auf die unbegrenzte Verschuldungsbereitschaft des Auslands (ist wohl kaum eine sehr kluge Lösung) oder man ändert die Verfassung und erlaubt dem Staat, wieder in erheblichem Maße Kredite aufzunehmen (klingt auch nicht sehr wahrscheinlich).

    Solche gesamtwirtschaftlichen Gesichtspunkte, so Kritiker, würden selten berücksichtigt. Es würde beispielsweise den Leuten nicht klargemacht, dass die einzige Möglichkeit für den privaten Sektor (Haushalte und Unternehmen zusammengenommen), sein Geldvermögen zu erhöhen, darin bestehe, dass der Staat mehr Schulden macht (wenn wir mal vom Ausland absehen).

    Ist diese Argumentation richtig? Wenn ja, dann wäre eine „Schuldenbremse“ in dieser undifferenzierten Form ja alles andere als eine gute Idee (und zwar unabhängig vom Euro). Dann würde ich mich fragen: Wie konnte es dazu überhaupt kommen?

    • Das Horten von Geld ist bei einer Goldwährung schlimmer als bei einer Kreditwährung. Im Grunde gewähren die Horter der Zentralbank einen zinslosen Kredit, während die Zentralbank weiteres Geld ohne Inflationswirkung schaffen kann.

      Horten ist eine Form von Sparen, die (normale) Kreditvergabe eine andere, das Bereitstellen von Eigenkapitel sowie eigene (reale) Investitionen sind weitere. Von daher ist die Summe alle gewährten Kredite notwendigerweise dieselbe wie die Summe aller genommenen Kredite, es sind aber durchaus mehr Investitionen über Eigenkapital möglich oder auch weniger bei Konsumkrediten.

      Traditionell spart der Haushaltssektor insgesamt, auch wenn sich einzelne Haushalte verschulden, während Unternehmen und Staat Nettoschuldner sind. Deutschland ist Nettogläubiger gegenüber dem Ausland, doch weltweit entsprechen natürlich ebenfalls alle Forderungen allen Verbindlichkeiten. Wenn alle zugleich ihre Schulden verringern wollen oder müssen, kann das zu gravierenden Problemen führen bis hin zu vielen Insolvenzen und/oder einer wirtschaftlichen Depression.

      Eine restriktive Schuldenbremse halte ich für keine gute Idee, wobei umgekehrt eine ungehemmte Verschuldung für Staatskonsum ebenfalls nicht gut ist. Letztlich geht es darum, sinnvolle Investitionen (mit realer Rendite über dem Zins und auf jeden Fall über null) zu ermöglichen, sei es durch Unternehmen oder den Staat, während sinnlose Investitionsprojekte und dauerhaft schuldenfinanzierter Konsum zu vermeiden sind.

  8. @ Alexander Dilger:

    Wäre es jetzt ein Ausdruck der mangelnden Höflichkeit oder gar Penetranz, wenn ich rückfragen würde, was Sie zu meinem letzten Beitrag meinen?
    Normalerweise würde ich gar nicht nachfragen, aber da ich die Bitte, zu dieser Argumentation Stellung zu nehmen, in höflich und sachlich gehaltenen Emails bereits an mehrere Wirtschaftswissenschaftler herangetragen habe und bis heute niemals eine Antwort erhalten habe, „verzweifle“ ich allmählich fast schon. („Bedrängen“ möchte ich hier aber natürlich niemanden.)

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