Workshop zu Niedrigzinsen

Nach dem letztjährigen ‚Workshop zu Parallelwährungen‘ hat mein Münsteraner Kollege Herr Ulrich van Suntum dieses Jahr wieder einen sehr interessanten Workshop organisiert, der heute zum Thema „Ursachen und Folgen der aktuellen Niedrigzinsen“ stattfand. Da wieder die “Chatham House Rule” vereinbart wurde (sogar verschärft mit Stillschweigen über bestimmte Inhalte), darf ich erneut nicht über die sehr interessanten Teilnehmer berichten.

Inhaltlich gab es wenig Konsens. So ist nicht einmal klar, ob die Zinsen wirklich so niedrig sind, wie die Leit- und Sparzinsen suggerieren. Selbst hervorragende (AAA gerankte) Unternehmensanleihen bringen und kosten nicht viel weniger Zinsen als früher. Für private Kreditnehmer sind eigentlich nur Immobilien- und Autokredite günstig. Von einer ‚Welt ohne Zins‘ sind wir jedenfalls weit entfernt. Ein großes Risiko sehr niedriger Zinsen ist gerade, dass sie irgendwann vermutlich wieder steigen, was Schuldner wie Gläubiger in Schwierigkeiten bringen kann. Aber etliche Unternehmen, etwa Versicherungen oder solche mit hohen Pensionsverpflichtungen, leiden schon jetzt ganz direkt unter den niedrigen Zinsen für risikoarme Anlageformen, insbesondere da die Regulierung ihnen dafür bestimmte Arten von Anleihen, vor allem Staatsanleihen, vorschreibt.

Mehr von theoretischem Interesse, aber deshalb nicht unwichtig, ist die Frage, ob die Zinsen überhaupt längerfristig unter die Wachstumsrate fallen können. Das würde zu einer Form von Ineffizienz führen bzw. umgekehrt hohe Staatsverschuldung als effizienzsteigernd rechtfertigen. Ein Argument dagegen ist die stets positive Bodenrente. Interessant ist auch, dass der Faktor Boden einen Großteil des Vermögens bildet, gefolgt von Häusern und Fabriken auf diesem Boden, während Kapital in Form von Maschinen eine relativ geringe Rolle spielt. Z. T. wurde argumentiert, dass der Staat Anleihen ausgeben muss, um entsprechende Nachfrage der Sparer zu befriedigen. Das Gegenargument lautet, dass die Staaten schon stark verschuldet sind und eher private Investitionen und Geldanlagen, z. B. in Grund und Boden, verdrängen. Fallende Immobilienpreise gefährden auch die wichtigste Kreditsicherheit, was Schuldner wie Banken in Schwierigkeiten bringen kann.

Unklar ist weiterhin, ob Entwicklungsländer tatsächlich einen großen Bedarf an Kapital aus dem Ausland haben oder umgekehrt Exportüberschüsse für ihre Entwicklung benötigen und dadurch auch zu Kapitalexporteuren werden. Schließlich könnte die Entwicklung in Europa wie in Japan verlaufen, welches inzwischen seit Jahrzehnten geringe Zinsen, geringes Wachstum und geringe Inflation oder sogar Deflation hat. Eine Befreiung aus dieser Situation ist rein geldpolitisch kaum möglich, doch selbst mit fiskalpolitischer Unterstützung schwierig. Es weiß auch niemand, was nach dieser Befreiung passiert, was sie noch schwieriger macht, da viele sie fürchten oder auch mit Gegenmaßnahmen des Staates und der Zentralbank rechnen, sobald es ernst wird und z. B. die Inflation ansteigt oder die Wirtschaft einbricht. Stagnation mit Niedrigzinsen ist nicht ideal, aber auch nicht der schlimmstmögliche Zustand.

17 Gedanken zu „Workshop zu Niedrigzinsen

  1. Es gibt in einen Staatengebilde der gemeinsamen Geldpolitik keine Möglichkeit der Regulierung des jeweiligen Marktes. Alles, was sich die sogenannten Euroretter – allen voran die Deutsche Regierung – bisher in Absprache mit den Pleite-Südländern erdacht und in Gang gebracht hat, ist lediglich ein Aufschub bis zum Crasch. Man wird nicht umhinkommen, die Märkte gegenseitig abzuschotten, so wie es Ludwig Erhard bereits vor vielen Jahren beschrieben hat. Vermutlich wollen sich die Entscheidungsträger aus der Verwantwortung ziehen. Das ist anzunehmen, da die für dieses Dilemma veantwortlichen Politiker bereits in hohem Alter sind. Es wäre sicher ein großer Schritt, endlich mit der ungeschminkten Wahrheit zu operieren und den europäischen gemeinsamen Weg des Euro zu unterbrechen. Auch dann, wenn die sog. Alliiertensich gegen diese Möglichkeit stemmen, um ihr eigenes Ziel zu erreichen. Will man dieses Weg gehen, sind entsprechende begleitende Maßnahmen in der Ausgabenpolitik der rot-schwarzen und eventuell späteren roten Regierung wachsam zu beobachten und evtl. mittels eines Volksentscheides zu unterbinden. Deutscher Michel sei wachsam, sonst nimmt man dir Haus und Hof und deine Kiner werden Hunger leiden.

  2. „Schließlich könnte die Entwicklung in Europa wie in Japan verlaufen, welches inzwischen seit Jahrzehnten geringe Zinsen, geringes Wachstum und geringe Inflation oder sogar Deflation hat. Eine Befreiung aus dieser Situation ist rein geldpolitisch kaum möglich, doch selbst mit fiskalpolitischer Unterstützung schwierig. … … Stagnation mit Niedrigzinsen ist nicht ideal, aber auch nicht der schlimmstmögliche Zustand.“

    Lieber Herr Dilger,

    könnten Sie bitte einmal versuchen zu erklären, warum alle Welt glaubt, ohne „Wachstum“, Inflation und höhere Zinsen sei die Welt nicht zukunftsfähig?

    Mit zunehmendem Alter hege ich größere Zweifel an dieser Annahme: Ich bin inzwischen vielmehr der Ansicht, dass genau das Gegenteil der Fall ist, da die Ressourcen der Erde und mit ihr auch die zur Verfügung stehenden Produktionsmittel endlich bzw. begrenzt sind (einmal ganz davon abgesehen, dass sich echte Lebensqualität nicht durch höchstmöglichen Konsum sondern – zumindest in unserer gesättigten westlichen Hemisphäre – eher durch genügend selbstbestimmt verfügbare Zeit erreichen lässt).

    Wie sehen Sie das als Wirtschaftswssenschaftler?

    LG
    MM

    • Die Welt geht auch nicht unter, wenn die Wirtschaft schrumpft oder der Euro fortbesteht. Beim Wirtschaftswachstum geht es nicht um die rein materielle Produktion, sondern um wirtschaftliche Werte. Mehr Freizeit hat auch einen Wert (auch wenn dieser bislang im BIP nicht gemessen wird) und man muss sie sich leisten können. Das gilt insbesondere für die immer längere Lebens- bei nicht steigender Arbeitszeit. Hinzu kommt, dass die bestehenden Schulden bei Stagnation oder gar Schrumpfung ein viel größeres Problem darstellen als bei einer wachsenden Wirtschaft. Schließlich gibt es immer noch Milliarden Menschen in absoluter Armut, auch wenn die Globalisierung schon Milliarden Menschen erlaubt hat, aus dieser Armut und echtem Hunger herauszuwachsen. Das wird von den Kritiker von Freihandel und Globalisierung immer unterschlagen, weshalb sie in Wirklichkeit nicht sozial, sondern asozial sind.

      • „Hinzu kommt, dass die bestehenden Schulden bei Stagnation oder gar Schrumpfung ein viel größeres Problem darstellen als bei einer wachsenden Wirtschaft.“
        Es ist also die Verschuldung, die immer mehr „Wachstum“ (und sei es, dass dieses über pure Inflation herbeigerechnet wird) erzwingt.
        Sehen Sie das auch so wie ich?

        „Schließlich gibt es immer noch Milliarden Menschen in absoluter Armut, auch wenn die Globalisierung schon Milliarden Menschen erlaubt hat, aus dieser Armut und echtem Hunger herauszuwachsen.“
        Ja und nein. Sicher sind in den letzten Jahrzehnten viele Menschen der Armut entkommen. Gerade in den Schwellenländern, das ist nicht von der Hand zu weisen. In anderen Regionen, insbesondere in Afrika und Teilen Asiens haben die Globalisierung und die mit ihr einhergehende Ausbeutung ganzer Staaten wegen ihrer Rohstoffvorkommen bis hin zur Kriegen um Öl, Gas, Uran und seltene Erden sehr viele Menschen überhaupt erst in die völlige Verarmung gestürzt und ihre Heimat im Chaos versinken lassen.

  3. „Unklar ist weiterhin, ob Entwicklungsländer tatsächlich einen großen Bedarf an Kapital aus dem Ausland haben oder umgekehrt Exportüberschüsse für ihre Entwicklung benötigen und dadurch auch zu Kapitalexporteuren werden.“

    Wie wird die zweite These denn begründe?. Bei der ersten These ist es klar: Entwicklungsländer brauchen nun mal Kapital, weil sie wenig davon haben und es ist für sie angenehmer den Kapital im Ausland zu besorgen anstatt selber vom ihrem niedrigen Einkommen zu sparen, aber so viel zu sparen, dass sie gar Kapitalexporteure werden – warum sollte das gut (für die Entwicklungsländer) sein?

    • Wenn man nur mit Faktorallokation argumentiert, kann man das nicht begründen. Die vorgetragene Begründung ging über den Transformationsbedarf traditioneller Gesellschaften, die eben keine entwickelten Marktwirtschaften sind. Beziehungen sind dort von überragender Bedeutung (was aus moderner Sicht korrupt erscheint, aber z. B. auch das Geschehen in hiesigen Parteien gut beschreibt). Interne Wirtschaftsentwicklung wird davon gehemmt, doch im Exportsektor nutzen diese Beziehungen nichts, dort muss man durch gute und günstige Produkte überzeugen. Entwicklungshilfe versickert dementsprechend und auch Investitionen sind schwierig, doch durch Exportorientierung können Länder sich entwickeln, wie die Erfahrung zeigt.

      • Das könnte übrigens auch die Begeisterung von Herrn Papapostolou für die EU und Eurozone erklären. An echten Märkten müssten sich die Griechen ernsthaft anstrengen, doch politische Kungeleien sind sie gewohnt.

      • Ach ja, ich habe mich schon gefragt wann jemand hier im Forum die Griechen als „faul“ beschimpft. Gratulation, Herr Dilger! Naja, wir sind ja auch irgendwie selbst schuld denn immerhin sehen wir (falschen) Griechen nicht aus wie die Venus von Milo oder der junge Alexander.

      • Interessant, was Sie da herauslesen. Venus war übrigens eine römische Göttin (Sie hätten besser „Aphrodite von Melos“ geschrieben) und Alexander der Große ein Mazedonier. Was sagen Sie eigentlich dazu, dass Ihre Landsleute den heutigen Mazedoniern nur wegen des Staatsnamens die Aufnahme in EU und NATO verwehren?

      • Was genau habe ich an „echten Märkten müssten sich die Griechen ernsthaft anstrengen“ falsch verstanden?

        Alexander war Hellene und dann Makedone. Was auch kein Widerspruch ist.
        Ich bin Hellene und Thessalier. Venus von Milo ist im populär sprachlichen Gebrauch eingängiger und ein Synonym für die gleiche Statue. Ich wundere mich dass Sie Aphrodite von Melos überhaupt kennen und sich dann nicht über die falsche (ungriechische) Venus empören. Das können Sie doch so gut.

        Mazedonien sollte vollwertig von Griechenland anerkannt werden. Der Namenstreit ist albern. Allerdings sollte Mazedonien sich verkneifen Karten von einem grossmazedonischen Reich mit der Hauptstadt Thessaloniki anzufertigen und damit zu provozieren. Das ist ebenfalls albern. Ich bin übrigens auch für die Aufnahme der Türkei in die EU. Als liberal geprägter Mensch sehe ich immer mehr Chancen als Nachteile. Wie gesagt, als liberal geprägter Mensch. Das muss ja für andere nicht gelten.

      • Sie haben die ganze Argumentation nicht verstanden. Wer bei Verteilungkämpfen erfolgreich sein will, darf nicht faul sein. Nur werden bei solchen Kämpfen keine neuen Werte geschaffen, sondern wird Vorhandenes unter großen Kosten umverteilt.

        Das antike Makedonien war nicht griechisch. Alexander der Große hat allerdings Griechenland erobert und dessen Kultur weit verbreitet. Seine Mutter war Griechin und das Königshaus seines Vaters wurde als griechisch anerkannt, auch wenn die Griechen selbst kaum noch Könige hatten.

        „Als liberal geprägter Mensch sehe ich immer mehr Chancen als Nachteile.“ Was verstehen Sie unter liberal? Wenn Sie tatsächlich „immer“ mehr Chancen sehen, warum sehen Sie dann nicht die Chancen des Euroausstiegs? Immerhin gibt es diese Chancen wirklich, während die versprochenen Chancen des Euro illusionär waren.

      • Ich habe einfach Ihren deutungsarmen Kommentar zitiert und der spricht für sich.

        Ich werde hier keine Diskussion starten und mit Ihnen darüber streiten ob Alexander Grieche war oder nicht. Fakt ist dass der hellenistische Raum sich durch gemeinsame Sprache, Schrift und Kultur definiert(e). Die Makedonen waren sowas wie die Bayern Griechenlands, ein wenig rauer und wilder, aber sie definierten sich selbst als Griechen. Ich empfehle Ihnen Literatur von Hans-Joachim Gehrke oder Alexander Demandt, Althistoriker die auf diesem Themenbereich anerkannte Fachleute sind. Und das es in Griechenland seinerzeit kaum Könige gab, ist komplett falsch (gibt es da noch eine Steigerung von falsch?). Andersrum wird ein Schuh draus. Nur Athen hatte in seiner Hochzeit keinen König. Sparta, Theben, Mykene und alle andere waren über Jahrhunderte ebenso Königshäuser wie Makedonien. Ihr Geschichtsbild hat offenkundig grosse Defizite. Und den Beleg dafür erbringen Sie ständig neu. Aber ich helfe gern aus falls Sie noch Fragen haben.

        Herr Dilger, ich bin (links)liberal aber daraus mache ich kein Dogma. Zuerst gebe ich dem Euro eine Chance. In 10 Jahren sehen wir weiter.

      • Danke, auf Ihre geschichtlichen Lektionen verzichte ich gerne, da Sie erkennbar keine Ahnung haben. Mein Besuch eines humanistischen Gymnasiums ist zwar schon eine Weile her, aber es bleibt doch so manches hängen, weniger von den alten Sprachen als von den Inhalten, die mich schon immer mehr interessiert haben.

        Richtig ist allerdings, dass die antiken Griechen sich über ihre Sprache und Kultur definierten. Warum billigen Sie das den heutigen Nationen nicht zu?

        Den Euro gibt es schon länger als zehn Jahre. Wenn Sie die offenkundigen Fehler jetzt noch nicht erkennen können, werden Sie auch in zehn Jahren nicht hellsichtiger sein. Doch Sie können sich dann gerne noch einmal melden.

    • OK, aber das ist doch nur eine Begründung, warum die Entwicklungsländer sich auf exportorientierte Sektoren ihrer Wirtschaft konzenrieren sollten. Aber wieso müssen dabei Exportüberschüsse entstehen? Sie (die Entwicklungsländer) könnten doch genausogut Kapital importieren, und diesen dann nutzen um eben exportorientiere Sektoren aufzubauen, anstatt dieses mit eigenen Ersparnissen zu finanzieren. Oder entgeht mir da etwas?

      • Ihnen ist der wesentliche Teil der Argumentation entgangen. Kapitalimporte, sei es als Kredit, Eigenkapital oder reiner Transfer, würden sofort von jemandem angeeignet (oder in Verteilungskämpfen vergeudet) und nicht produktiv eingesetzt. Eine hochentwickelte Markt- und Kreditwirtschaft beruht eben doch auf Voraussetzungen, die nicht überall erfüllt sind. Direkter Tausch von Waren gegen harte Devisen setzt hingegen viel weniger Vertrauen voraus. Die Importeure prüfen die Waren und kaufen diese nicht, wenn sie nicht hinreichend gut (und günstig) sind.

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