Wirtschaftsnobelpreis für Jean Tirole

Den Wirtschaftsnobelpreis 2014 wird Jean Tirole erhalten (siehe diese Presseerklärung). Er wird für seine Analyse(n) von Marktmacht und Regulierung ausgezeichnet. Er hat Monopole, Oligopole, Kartelle und Fusionen sowie deren Regulierung untersucht und dabei viele frühere Erkenntnisse differenziert mit wichtigen Konsequenzen für Kartellbehörden und -recht. Hervorragend sind seine Lehrbücher „The Theory of Industrial Organization“ und, mit Drew Fudenberg, „Game Theory“. Aktuell forscht der Franzose auch zur Banken- und Staatsschuldenkrise (siehe seine Homepage mit zahlreichen verlinkten Artikeln), was ihn zu einem nicht nur akademisch würdigen, sondern auch politisch wichtigen Preisträger macht, dessen Werk ich sicher in meinem nächsten „Seminar zu ausgewählten Problemen der Betriebswirtschaftslehre: Nobelpreise zu betriebswirtschaftlichen Fragen“ behandeln werde.

9 Gedanken zu „Wirtschaftsnobelpreis für Jean Tirole

  1. Der Wirtschaftsnobelpreis 2014 wurde dieses Jahr an einen echten Forscher verliehen, der bestimmte Wirtschaftsthemen erforscht und dessen Wissenschaftliche Werke ziemlich starken Einfluss in diversen politischen Ministerien erhalten haben und auch großen Einfluss in den EU Behörden erlangt hat. Er ist zwar kein Erfinder aber wohl einer der wenigen Forscher der das Thema Wettbewerb so genau erforscht hat, wie Tiroler. Seine Wissenschaftliche Arbeiten betreffen jeden Konsumenten, weil seine Ausarbeitung sund die Grundlagen vieler Wettbewerbsbehörden in Europa. Zwar ist er meiner Meinung nach ein radikaler Extremkapitalist, er fordert nämlich ein minimal Eingriff in die Marktwirtschaft, wie es nur möglich ist, damit die Wirtschaft nicht gedämpft wird.

  2. Wenn man der Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen glauben darf, soll es die sozialistische Regierung um François Hollande ja als Balsam auf ihrer Seele empfunden haben, dass der diesjährige Wirtschaftsnobelpreis an ihren Landsmann Jean Tirole verliehen wurde, der uns andererseits als Radikalkapitalist dargestellt wird (obwohl er eigentlich ein Freund massiver staatlicher Eingriffe ist).

    Wie geht das zusammen?
    Ist es schon so weit, dass Sozialisten und Hochfinanz „offen und ehrlich“ die Karten auf den Tisch legen und zugeben, was für ein blendend eingespieltes Team sie eigentlich sind?

  3. Ich schätze Ihre Blog-Beiträge sehr.

    Da Sie sich mit Tirole intensiver beschäftigen wollen, erlaube ich mir, Ihnen eine Fragestellung mitzugeben, die übrigens vielleicht auch für die beiden anderen Kommentatoren zum vorliegenden Beitrag von Interesse sein könnte:

    Lebt Tiroles wettbewerbstheortisches Werk, wie Joe Salerno argumentiert, von einem Strohmann-Trugschluss, wobei Abweichungen von den unrealistischen Gleichgewichtsbedingungen der Neoklassik zum Anlass genommen werden, Scheinprobleme mit realpolitischen Maßnahmen zu „heilen“?

    Ich bin sicher, dass Tirole ein sehr qualifizierter Wissenschaftler ist und man ihm mit kruder Schematisierung kaum gerecht wird. Aber der angesprochene Aspekt verdient es vielleicht doch beleuchtet zu werden – wie überhaupt die mutmaßliche Rolle von „Just-So-Stories“ in der modernen Ökonomie.

    Ich würde mich freuen, mehr zu diesem Thema aus Ihrer Feder zu lesen.

    Zu Just-So-Stories (- letzter Abschnitt besonders zu beachten): http://www.arnoldkling.com/blog/paul-krugman-on-the-state-of-macro/

    Zu Salernos Kritik: http://business.financialpost.com/2014/10/15/nota-bene-jean-tirole-wins-nobel-for-a-pseudo-problem/

    • Herr Krugman lobt doch Herrn Tirole dafür, realitätsnäher zu argumentieren, wobei eine völlig theoriefreie Wissenschaft kaum möglich ist. Herr Salerno ist dagegen leider ein Beispiel dafür, dass viele (nicht alle) der heutigen Vertreter der Österreichischen Schule nicht mehr anschlussfähig an die modernen Wirtschaftswissenschaften sind, sondern nur noch ihre alten Meister zitieren. Doch schon Herr Rothbard kritisierte die Spieltheorie nur wegen ihres Namens ohne inhaltliches Verständnis.

      • Danke, Herr Professor Dilger, für Ihre anregende Antwort.

        Die dogmatische Verknöcherung der Österreichischen Schule (seitens vieler gerade ihrer umtriebigsten Vertreter) empfinde ich als ein großes Ärgernis. Die intellektuelle Fahrlässigkeit etwa von Rothbard ist nicht selten atemberaubend.

        Entre nous: Krugman traue ich kaum mehr über den Weg als Rothbard. Aber ich will mich nicht zu sehr aufspielen mit den Noten, die ich diesen Herren gebe.

        Die Hypothese, um die es mir vor allem geht, dass nämlich die neoklassische Gleichgewichtstheorie eine schlechte Statthaltergröße für die reale Wirtschaft ist und Verbesserungsvorschläge, die sich an diesem Maßstab orientieren, fragwürdig sind, ist freilich keine rein „österreichische“ Errungenschaft – schon garnicht eine des Herrn Salerno, wie sie zurecht erwähnen; man findet sie auch bei zum Teil sehr inspirierenden Post-Keynesianern, wie etwa Steve Keen. Alles in allem ein lohnendes Paradigma für eine systematische intellektuelle Herausforderung, wie ich finde.

      • Die Neoklassik war (wie auch die Österreichische Schule) ein echter Erkenntnisfortschritt gegenüber er Klassik und dem Marxismus. Die Idee des Grenznutzens löste die alten Vorstellungen vom Wert einschließlich der Arbeitswertlehre ab und es konnte die Effizienz von perfekten Märkten bewiesen werden. Die genauere Betrachtung von Marktunvollkommenheiten einschießlich der spieltheoretischen Betrachtung von Oligopolen war wiederum ein Fortschritt gegenüber der Neoklassik (und der Österreichischen Schule). Herr Krugman würde ich hier einordnen, während Jean Tirole im Grunde noch eine Runde weiter ist und diese Modelle stark verbessert und der Realität angenähert hat.

  4. Ihre Synopsis in 12 Zeilen ist vortrefflich; herzlichen Dank dafür.

    Es spricht gegen mich, Sie gewisser Vereinfachungen in diesen nur 12 Zeilen zu zeihen. Deshalb sehen Sie mir die Eitelkeit oder den Eifer nach zu erwähnen, dass

    ich die Stärken-und-Schwächen Verteilung unter den Schulen weniger linear sehe,

    die alten (besonders die Klassik) den Modernen m.E. in Vielem voraus sind, und

    vor allem was das Marktversagen-Paradigma angeht, zeitgenössische Ökonomen zum Teil in habitueller Weise die schrecklichsten Sünden begehen.

    Und all diese Nachteile scheinen mir in sehr engem Zusammenhang zu stehen mit der weiter oben angerissenen Kritik an der Gleichgewichtstheorie.

    Kommen Sie gut in den neuen Tag. Danke für den anregenden Dialog.

    • Die Klassiker waren breiter aufgestellt. Insbesondere „Der Wohlstand der Nationen“ von Adam Smith ist immer noch sehr lesenswert und enthält viele bis heute richtige und wichtige Erkenntnisse. Trotzdem gab es zwischenzeitlich ein paar neue Ideen, die alte Probleme tatsächlich gelöst haben.

      Mir ist bis jetzt nicht klar, welche „Kritik an der Gleichgewichtstheorie“ Sie haben. Normalerweise kommt der Einwand, dass reale Märkte nicht perfekt seien, was stimmt, aber weniger die Theorie als ihren Anwendungsbereich betrifft. Zugleich kritisieren Sie jedoch das „Marktversagen-Paradigma“, welches eine Folge der ersten Kritik ist. Wenn Märkte nicht perfekt sind, muss man ihre Imperfektheiten untersuchen. Dabei ist zugleich mögliches Staatsversagen zu berücksichtigen, was Herr Tirole auf vorbildliche Weise tut (er zeigt nicht nur die Möglichkeiten, sondern auch Grenzen von Regulierung auf).

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