Umfrage zur Entwicklung seit 1989

Es gibt eine interessante Umfrage zu ’25 Jahre Mauerfall‘: Systemvergleich Bundesrepublik/DDR“:

53 Prozent der Deutschen sagen, die Wiedervereinigung hat für sie eher Vorteile gebracht. Drei von vier Ostdeutschen sehen das so. Westdeutsche sind skeptischer: Jeder Vierte sieht sogar eher Nachteile.

Wenn wir es rein materiell betrachten, haben fast alle vorherigen DDR-Bürger vom Fall der Mauer und der Wiedervereinigung profitiert, während die meisten Bürger der alten Bundesrepublik Deutschland Einkommensverluste hinnehmen mussten. In den 1990er Jahren war die Wiedervereinigung selbst mit enormen Kosten verbunden, seither ist der Euro, der seinerseits ein illegitimes Kind der Wiedervereinigung ist, eine noch größere Belastung, weshalb die realen Einkommen für viele seit 1989 kaum gestiegen und für manche sogar gesunken sind. Dagegen sind die Realeinkommen für frühere DDR-Bürger explodiert. Selbst Arbeitslose haben mehr als früher in der DDR Beschäftigte, während es den Rentnern in der DDR besonders schlecht ging.

Vor allem die 14- bis 29-jährigen sehen die deutsche Vereinigung sehr positiv. Im Osten sagen 96 Prozent: „Das hat alles in allem für mich eher Vorteile gebracht.“ 66 Prozent der Westdeutschen sehen das genauso.

Das ist lustig, weil es genau genommen keinen der Deutschen gäbe, der 1990 oder später gezeugt wurde, wenn es die Wiedervereinigung nicht gegeben hätte. Das betrifft nicht nur Kinder von Ost-West-Paaren, sondern auch jedes andere Paar wurden hinreichend beeinflusst, so dass nicht dieselbe Samen- auf die gleiche Eizelle getroffen wäre. Doch anderen Individuen, die in einer noch bestehenden DDR geboren worden wären, ginge es materiell und von ihren Freiheiten her tatsächlich weit schlechter als den Kindern der Wiedervereinigung.

In Punkto Vor- und Nachteile der Vereinigung sind die 45- bis 59-jährigen am pessimistischsten: Etwa jeder fünfte Ostdeutsche und mehr als jeder Dritte Westdeutsche sprechen davon, dass Ihnen das historische Ereignis eher Nachteile gebracht hat.

Das ist Jammern auf hohem Niveau. Mein Leben wäre ohne Wiedervereinigung auf jeden Fall anders verlaufen. 1989 studierte ich an der Freien Universität Berlin. Gäbe es noch die Mauer, wäre ich nicht an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert worden und hätte ich mich auch nicht an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald habilitieren können. Auch wäre ich jetzt nicht in der AfD und würde ich nicht diesen Blog schreiben (aber vielleicht einen ganz anderen). Ich hätte meine Frau nicht in Greifswald kennen gelernt, obgleich sie aus der Nähe von Celle stammt, und Fabian wäre jetzt nicht unser Sohn. Persönlich und politisch begrüße ich den Mauerfall und die Wiedervereinigung. Bei letzterer hätte man vieles besser machen können, aber insgesamt war das die richtige Entscheidung und die Idee von SPD (oder zumindest Oskar Lafontaine) und PDS, die DDR als neutralen Staat fortzuführen, wurde zu Recht nicht gewählt.

Nach wie vor fallen die Urteile der Ostdeutschen zu den Stärken der vergangenen DDR beim Gesundheitssystem, bei der sozialen Absicherung, der Gleichberechtigung von Frau und Mann, beim Schutz vor Kriminalität und Verbrechen und beim Schulsystem sehr positiv aus.

Ich war einige Male in der DDR, als es sie noch gab. Auch der Blick in die Statistiken zeigt, dass hier die Vergangenheit verklärt wird. Die Gleichheit (bzw. Ähnlichkeit der Lebensumstände) war in der DDR größer, aber auf einem insgesamt viel niedrigeren Niveau. Der Gesundheitszustand war schlechter und die Lebenserwartung geringer. Das Niveau der sozialen Absicherung war viel geringer und Frauen durften nicht, sondern mussten arbeiten wie Männer. Die individuelle Kriminalität war geringer, dafür war die staatliche ungleich höher. Das Schulsystem war tatsächlich weniger marode als unser heutiges, doch der Anteil der Abiturienten z. B. viel geringer und deren Auswahl stark politisch motiviert.

36 Gedanken zu „Umfrage zur Entwicklung seit 1989

  1. Bei letzterer hätte man vieles besser machen können, aber insgesamt war das die richtige Entscheidung und die Idee von SPD (oder zumindest Oskar Lafontaine) und PDS, die DDR als neutralen Staat fortzuführen, wurde zu Recht nicht gewählt.

    Es hätte auch schlicht nicht funktioniert, weil dem neuen Staat die Leute davongelaufen wären. „Kommt die DM nicht zu uns, kommen wir zu ihr!“ hieß schon die Parole, und wie auch beim Euro führt auch hier die gemeinsame Währung letztlich politisch zwingend zum Zentralstaat. Was man sich auch an schönen Modellen für den zweiten deutschen Staat ausgedacht hätte, es wäre von den Menschen per Abstimmung zunichte gemacht worden – entweder an der Urne oder mit den Füßen. Es ging in diesem historischen Moment nur so. Und vielleicht muss man auch mal daran erinnern: Schmerzfreier gelang die Umstellung in keinem anderen Staat des früheren Ostblocks. Wenn im deutschen Osten gejammert wird, dann auf einem verdammt hohen Niveau, verglichen mit den ehemaligen Brüderstaaten.

    Auch der Blick in die Statistiken zeigt, dass hier die Vergangenheit verklärt wird.

    Es ist unfassbar, in welchem Maße dies heutzutage zu gelingen scheint. Die alten DDR-Zustände kann sich nur der größte Gleichheitsfanatiker zurückwünschen, der dann wahrscheinlich auch in Nordkorea glücklich würde. Das Land war grau, arm und stank. Und es zerfiel zusehends. Wir in der AfD täten gut daran, uns Ostalgie-Anwandlungen zu widersetzen.

    Komischerweise scheint auch unsere Regierung dieses „Ideal“ wieder anzustreben. Bei der Beschreibung der Zustände der Bundeswehr und unserer Verkehrsinfrastruktur mag sich manch alter „DDR-Hase“ in sehr vertrauter Umgebung fühlen. Und in wichtigen politischen Fragen formiert sich im Bundestag jetzt ein Einheitsblock, der auch an diese alten Tage erinnert.

    Die DDR war eben nicht originell, sondern steht exemplarisch für Staatsversagen. Wenn die Deutschen aus dieser Geschichte nicht lernen, wer dann?

    • „Wenn im deutschen Osten gejammert wird, dann auf einem verdammt hohen Niveau, verglichen mit den ehemaligen Brüderstaaten.“

      Hervorragend auf den Punkt gebracht, Werwohlf!
      Vielen Dank für Ihren Beitrag, der die Realität vor und Entwicklung nach der Wende auch sonst sehr treffend beschreibt.

    • Sehr geehrter Herr „Werwohlf“,

      es stimmt schon, was Sie über die DDR schreiben. Ich kann mich an das Graue und den beißenden Geruch der Braunkohleverbrennungsgase bei Besuchen gut erinnern.

      Das bei manchem die Tendenz zu einer gewissen (zumindest teilweisen) Verklärung der DDR existiert (was wohl nicht zu leugnen ist), muss mit der heutigen Zuständen in Gesamtdeutschland erklärt werden, die letztlich auch mit Anlass der Entstehung der AfD sind und waren, und die auch den Erfolg in den neuen Bundesländern, insbesondere bei ehemaligen PDS-Wählern, mit erklären können.

      Damit meine ich nicht nur den Wegfall der D-Mark, sondern auch andere unangenehme gesellschaftliche Entwicklungen. Themen, die Herr Gauland geschickt aufgegriffen hat.

  2. Lieber Prof. Dilger,

    ab dem zweiten Teil (ab dem Satz mit dem „Jammern auf hohem Niveau“) stimme ich Ihnen 100%ig zu. Zum ersten Teil habe ich jedoch Fragen:

    Damit man von explodierenden Realeinkommen sprechen kann, müßte man sie vergleichen können, aber die damaligen inoffiziellen Umrechnungskurse dürften dafür nicht geeignet sein. Für 100 Ost-Mark hätte man im Westen nichtmal ein Brötchen gekriegt, in der DDR haben die aber ausgereicht, um die Miete für 2 Monate zu bezahlen. Oder 2000 Brötchen zu kaufen … Man liest ja auch oft, daß Menschen in – sagen wir: Georgien – 10 Euro/Monat verdienen würden, weil die Währung nun mal so umgerechnet wird, aber ist das nicht Blödsinn? Von diesen 10 Euro/Monat finanzieren die Leute ihr ganzes Leben!

    Tatsächlich ist es so, daß viele Menschen im Osten früher zB. davon geträumt hatten, mal Urlaub in der Toskana zu machen aber nicht konnten, weil sie nicht über die Grenze durften. Doch seit sie über die Grenzen dürfen, waren sie trotzdem nie dort, weil alleine die Fahrt dorthin mehr kostet, als sie in einem ganzen Jahr sparen können. Explodierende Realeinkommen?

    Ich persönlich halte den materiellen Aspekt für völlig ungeeignet, um Vor- und Nachteile der Wiedervereinigung abzuwägen. Allein schon, daß man von Nachteilen spricht, als wäre es nicht unbedingtes und allerhöchstes Glück, in einem ungeteilten Land zu leben! Würde zB. Ungarn die Folgen des Vertrags von Trianon rückgängig machen und die Slovakei, Galizien, die Bukowina, Siebenbürgen, die Voivodina und was sonst noch alles zu Ungarn gehörte, wiederkriegen können, ich glaube, denen wäre vom obersten Banker bis zum letzten Straßenfeger egal, was es sie persönlich kostet.

    • Bei einer Umrechnung nach Marktkursen ist die Sache völlig klar. Das Umtauschverhältnis sank bis auf auf 1:20. Richtiger ist eine Umrechnung nach Kaufkraftparitäten. Dabei könnte es sogar sein, dass die DDR-Mark vor dem Mauerfall u. a. aus den von Ohnen genannten Gründen eine geringfügig höhere Kaufkraft hatte als die D-Mark (siehe hier). Allerdings waren die nominalen Löhne und vor allem Renten deutlich niedriger. Hinzu kommt, dass die DDR eben keine Marktwirtschaft war und man auch mit viel Geld nicht einfach das Gewünschte kaufen konnte. Die meisten Dinge waren rationiert, selbst auf einen Trabi musste man viele Jahre warten. 1990 wurden dann Millionen Westautos gekauft. Das danach das Geld für große Reisen vielleicht fehlte, ist im Westen nicht wirklich anders. Man kann hier alles kaufen, aber nicht gleichzeitig, sondern muss sich entscheiden.

      Neben dem persönlichen Lebensstandard gibt es natürlich noch andere Aspekte. Nationalismus ist jedoch eine zweischneidige Sache. Was der eine an Gebieten gewinnt, verliert typischerweise ein anderer. Bestenfalls ist das ein Nullsummenspiel, schlimmstenfalls werden kostspielige Kriege geführt. Es ist ein großes Glück bzw. ein unsterbliches Verdienst von Michail Gorbatschow, dass die Wiedervereinigung friedlich erfolgte.

      • Sehr geehrter Herr Dilger,

        einen interessanten Punkt gibt es vielleicht noch, den Sie nicht aufgelistet haben. Da der Großteil der DDR-Bevölkerung gleich arm war (obwohl der Begriff „arm“ m. E. zu hart ist, da die Grundbedürfnisse mehr oder weniger für alle abgedeckt waren), gab es ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl, das nach der Wende mit der Zeit verloren ging, wie ich an meiner eigenen Verwandtschaft in Mitteldeutschland beobachten kann. Von daher hat auch hier ein Angleich an den Westen stattgefunden.

      • @Chufu:
        Sie meinen, „real existierender Sozialismus“ habe tatsächlich das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt?
        Wie erklären Sie sich dann die Aktivitäten der Stasi-Spitzel bis hinein in die Familien?

      • Guten Tag Herr Meister, das ist keine Meinung, sondern eine beobachtete Tatsache. Allerdings bezieht sich diese Feststellung natürlich nur auf den Großteil der Bevölkerung, der nicht Teil und Unterstützer des Herrschaftssystems war. Wie ich von meinen Verwandten erfuhr, wusste jeder mehr oder weniger, wer z. B. dem SED-Herrschaftssystem zu arbeitete und wer nicht. Wobei Fehleinschätzungen für den Einzelfall nicht auszuschließen waren, wie sicherlich nachher der Blick in die Stasiakte für einige offenbaren musste. Es gab auch einen großen, nicht politischen Lebensbereich in der DDR, auf dem sich mein Kommentar in der Hauptsache bezieht.

      • Die größere Nähe der Menschen hatte aber direkt nichts mit der DDR zu tun, sondern nur indirekt über den geringeren Wohlstand. Das ist ein ganz allgemeines Phänomen, welches sich empirisch überall auf der Welt beobachten und auch theoretisch gut erklären lässt. Wenn die Menschen mehr verdienen, wird ihre Zeit knapper, weil die Opportunitätskosten steigen. Darunter können soziale Beziehungen leiden, doch zugleich entstehen andere Arten von Beziehungen, z. B. auf diesem Blog…

      • Das Phänomen, dass weniger wohlhabende Menschen fröhlicher und glücklicher sind und auch der Zusammenhalt größer ist, lässt sich in der Tat unabhängig vom jeweiligen politischen System in vielen Teilen der Erde beobachten. Wer einmal Afrika oder Lateinamerika bereist hat, wird das bestätigen können.

        Allerdings gibt es in relativ wohlhabenden Ländern auch häufig das Phänomen, dass Armut mit gesellschaftlicher Ausgrenzung einhergeht. Dieses lässt sich gerade in Deutschland und anderen europäischen Staaten, aber beispielsweise auch in den USA insbesondere in urbanen Gegenden sehr gut beobachten.

      • Wir sollten hier zwei Dinge unterscheiden: Nach außen hin fröhliche und lächelnde Menschen müssen nicht unbedingt glücklich sein. Empirisch ist gesichert, dass Menschen in reicheren Ländern glücklicher sind als in ärmeren, wobei der Effekt mit steigendem Pro-Kopf-Einkommen abnimmt. Zweitens ist die relative Einkommensverteilung innerhalb einer Gesellschaft sowohl wichtig als auch endogen. Wer in Deutschland arm ist, ist im Weltmaßstab zwar reich, aber relativ zu seiner Umgebung eben nicht, was weniger glücklich macht. Außerdem ist Armut in unserer Gesellschaft nicht unbedingt selbstverschuldet, aber völlig zufällig verteilt ist sie auch nicht. Wer hier arm ist, hat häufig auch noch ganz andere Probleme, während in einem ärmeren Land auch ganz normale Leute wenig Geld haben.

      • Sie sind mit Ihrer Betrachtung jetzt zwar ein klein wenig mehr in die Tiefe gegangen als ich, aber unterm Strich lässt sich leicht feststellen, dass Geld und materieller Wohlstand keineswegs Garanten für Glück und Zufriedenheit sind. Jedenfalls ab dem Punkt nicht mehr, an dem die elementaren Grundbedürfnisse gesichert sind. Vielmehr bewahrheitet sich mit zunehmendem Lebensalter die alte Binsenweisheit, dass Eigentum verpflichtet bzw. Besitz belastet.

      • Sehr geehrter Herr Dilger,

        ich kann mich noch eine besonderes in den Medien hervorgehobene Analyse erinnern, die einige Jahre zurückliegt, nach der die glücklichsten Menschen in Bangladesch und die unglücklichsten in der Schweiz leben!!!

        Der westliche Konsumismus ist jedenfalls auch nicht die Lösung. Das Lebensglück liegt woanders, die meisten US-Bürger haben es wohl noch nicht kapiert. So recht glücklich scheinen die mir, bei deren Neurosen und Problemen, die die so haben, auch nicht.

      • Der Bericht war ziemlich sicher nicht richtig. Die US-Bürger geben bei Befragungen an, besonders glücklich zu sein, was jedoch auch kulturell bedingt sein könnte. Typischerweise gelten die Skandinavier als am glücklichsten, z. B. hier.

      • Anbei, ein interessanter Ausschnitt aus einer Rede von Schäuble (1996) zur Wiedervereinigung und zu den Ostgebieten wie Schlesien (die er, wie er sagt, damals nicht aufgeben willt!!). Der Mann scheint ja, bzgl. seiner Aussagen, wenn es um Wählerstimmen geht, sehr flexibel zu sein.

        Heute dagegen, will er sogar ganz Deutschland zugunsten der EU aufgeben!!

      • Sehr geehrter Herr Prof. Dilger,

        Herr Gorbatschow hatte damals keine Wahl mehr – die UDSSR war damals konkursreif und er hat noch mit geholfen, das Land bzw. deren Rohstoffe auszuverkaufen – die Oligarchen und die USA haben sich gefreut – Gott sei Dank hat Russland mittlerweile einen verantwortungsvollen Regierungschef, der sich FÜR sein Land einsetzt.

      • Herr Putin setzt sich doch nicht für sein Land oder gar sein Volk ein, sondern nur für sich selbst und seinen Machterhalt. Herr Gorbatschow war hingegen ein tragischer Held, der die Welt verbessert hat und vor allem auch für Deutschland ein Glücksfall war.

    • Lieber Herr Ridelsdorf,

      mit Euren DDR-Mark hättet Ihr Euch auch vor der Wende nicht einmal die Fahrtkosten bis München, geschweige denn bis zum Brenner leisten können, selbst wenn Ihr raus gedurft hättet. Die Toskana wäre für die allermeisten DDR-Bürger also auch vor 1990 ein unerfüllbarer Traum geblieben.

      Außerdem denkt nicht jeder Bürger, dass der Staat in dem er lebt möglichst groß sein muss, um darin glücklich werden zu können. Die Abhängigkeit von Staat und Großkonzernen wird dadurch nämlich auch immer größer.

      Bitte bleiben Sie realistisch!

      Gruß
      Michael Meister

      • Sag ich ja, Herr Meister. Die DDR-Mark war außerhalb der DDR nichts wert, egal wieviel man davon hatte. (Bahnfahrkarten von Ost-Berlin nach München konnte man allerdings schon dafür kaufen, kostete ungefähr das gleiche wie nach Budapest. Es gab ja auch durchgehende Züge.)

        Trotzdem ist die Aussage in Frage zu stellen, daß das Einkommen der Leute explodiert wäre, wenn man, wie Prof. Dilger einräumt, die Kaufkraft zu Grunde legt. Man konnte damals zwar vieles nicht kaufen, obwohl man es hätte bezahlen können, heute dagegen vieles nicht leisten – ich glaube, egal ob im Osten oder Westen – obwohl es käuflich zu erwerben ist.

      • Hallo Herr Riedelsdorf,

        das mit der Kaufkraft sehe ich etwas anders als Sie …

        Fakt ist, dass die reale Kaufkraft der Bürger aus den alten Bundesländern seit der Wende gesunken ist, und der tatsächliche Wohlstand sich somit für den größten Teil der gesamtdeutschen Bevölkerung auf Talfahrt befindet, während die Bürger der neuen Bundesländer in puncto Lebensstandard (jedenfalls soweit sich dieser an den messbaren, also materiellen Errungenschaften orientiert) deutlich zugelegt hat.

        Wie Sie selbst schreiben, konnten die Bürger der DDR mit ihren Ostmark vieles gar nicht kaufen, da es überhaupt kein entsprechendes Angebot gab. Folglich können Sie doch nicht davon ausgehen, dass man es mit Ostmark hätte bezahlen können – die Möglichkeit bestand nämlich überhaupt nicht.

        Die Bürger der ehemaligen DDR haben also an realer Kaufkraft deutlich gewonnen und die Bürger der alten Bundesländer haben durch die erheblich gestiegenen Belastungen wie die Einführung des Solidaritätszuschlags, die Einführung einer sogenannten „Ökosteuer“ zur Finanzierung der Ost-Renten, Mehrwertsteuererhöhungen, Explosion der Staatsverschuldung, usw., usf. an realer Kaufkraft verloren.

        Gruß
        Michael Meister

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  4. Drei Kommentare zum Thema:

    1. Einer größten Fehler der DDR war Ihr Dogmatismus, z B. die Eliminierung des Mittelstandes (private Klein- und Mittelbetriebe, Handwerker usw.). Großbetriebe/Konzerne hätte man vielleicht in Staatsbesitz lassen können.

    2. Ein anderer großer Fehler war das fehlende Vertrauen in die eigene Bevölkerung und die damit verbundene Schließung der Grenzen. Viele, anfangs geblendet vom Westfernsehen und Westverwandtschaft, wären wahrscheinlich, nach den ersten Erfahrungen im doch gar nicht so goldenen Westen, wieder in die Heimat zurückgekehrt.

    3. Man sollte vielleicht heute auch mal die Frage stellen, warum der kalte Krieg hat so extrem lange dauern und damit die deutsche Teilung unnötig verlängern und zementieren müssen. Lag es allein an der Sowjetunion? Die 40 Jahre Trennung waren einfach zu lang. Man stelle sich vor, die Wiedervereinigung wäre nach 20 (also 1969) gekommen! Um wie viel einfacher wäre alles eine Generation früher gegangen! Mittlerweile hatten aber beiderseits „Umerziehungsprogramme“ (auch und vor allem im Westen die bis heute fortschreitende Amerikanisierung sämtlicher Lebensbereiche!) gegriffen.

    • Nee, werter Chufu, der größte Fehler der DDR war, dass es sich um eine menschenverachtende Diktatur handelte. Diesen kleinen Fakt scheinst du irgendwo vergessen zu haben.

      Nach einer Ausreise zurückgekehrt wären nur die wenigsten – so wie es auch praktisch niemand aus dem vielleicht nicht goldenen, aber immerhin freien Westen in eine armselige Diktatur zog.

      Das Ende des „Kalten Kriegs“ kam, welch Überraschung, mit dem Anfang der Selbstbestimmung der von der Sowjetunion besetzten Nationen. Als Polen, Ungarn, Tschechen oder Slowaken über ihr eigenes Schicksal bestimmen durften, wären sie am liebsten sofort in NATO und EU eingetreten. Nicht aufgrund irgendeiner Amerikanisierung oder Umerziehung, sondern aufgrund ihrer praktischen Erfahrung mit sowjetischer Herrschaft.

      Ich kann dir, werter Chufu, nur empfehlen, mal ein bisschen in der Welt herumzureisen, damit sich dein Horizont etwas weitet. Die Welt aus den Augen der Menschen (nicht der Regierungen oder Nachrichtenagenturen) anderer Länder zu betrachten, kann ungemein gewinnend sein.

      • Dem stimme ich zu. Ich lebe lieber in einem demokratischen Rechtsstaat als in einer Diktatur, selbst wenn ich dort reicher wäre. Interessanterweise ist man jedoch in liberalen Demokratien nicht nur freier, sondern auch wohlhabender, was kein Zufall ist.

      • @Werwohlf:
        „Nach einer Ausreise zurückgekehrt wären nur die wenigsten – so wie es auch praktisch niemand aus dem vielleicht nicht goldenen, aber immerhin freien Westen in eine armselige Diktatur zog.“

        Polemische Anmerkung hierzu:
        Eine gebürtige Hamburgerin, deren Eltern es vom Westen in die armselige Diktatur zog, ist heute immerhin Bundeskanzlerin der ach so demokratischen Bananenrepublik Deutschland, der die armselige Diktatur 1990 beigetreten ist, ohne dass die Bürger der Bananenrepublik dazu befragt wurden, ob sie das denn überhaupt auch möchten … so viel zu Freiheit und Selbstbestimmung des „freien Westens“.

        In Bayern braut sich diesbezüglich übrigens gerade etwas zusammen:

        http://freiheit-fuer-bayern.de/volksbegehrenstext

      • Es gibt immer Ideologen, die die Unfreiheit bevorzugen. Dass unsere Kanzlerin aus solch einem Elternhaus kommt, sollte uns allerdings schon zu denken geben.

        Die Wiedervereinigung war tatsächlich im Grundgesetz angelegt und in beiden Teilen Deutschlands war kaum jemand dagegen.

      • Eine gebürtige Hamburgerin, deren Eltern es vom Westen in die armselige Diktatur zog, ist heute immerhin Bundeskanzlerin

        Der Fall ist mir bekannt. Überhaupt sind fast alle diese Fälle bekannt (anderes Beispiel: Wolf Biermann), was nicht gerade für ihre Häufigkeit spricht.

        Die Bürger der Bundesrepublik mussten zum Beitritt der neuen Bundesländer übrigens nicht erst befragt werden. Nur eine Bananenrepublik hätte das Grundgesetz ignorieren dürfen.

        so viel zu Freiheit und Selbstbestimmung des “freien Westens”.

        Es gibt Aussagen, die sich mit ihrer Verbreitung selbst widerlegen…

      • Guten Tag Her „Werwo(h)lf“, es gibt eben nicht nur Schwarz und Weiß. Wenn ich das eine kritisiere, muss ich nicht automatisch das andere gut finden. Die USA ist nicht (und war nie) der Vertreter des reinen Guten, wie auch die Sowjetunion nicht alles Schlechte der Welt repräsentierte. Klar ist, dass man in den USA die Bedrohung durch die Sowjetunion instrumentalisiert und auch ein gutes Stück übertrieben hat. Natürlich bleibt deshalb, die SU eine abzulehnende Diktatur. Anderseits muss ich aber auch nicht die US-Kultur gut finden.

        Zu den beiden anderen Punkten: Ich habe mal mit zwei Beispielen versucht, eine Sichtweise aufzubauen, was die DDR-Führung vielleicht besser hätte machen können, um Druck im Lande abzubauen. Einen gewissen Spielraum gab es auch im sozialistischen Lager, man denke an Ungarn! Nur typisch deutsch, musste die DDR-Führung fast noch ideologisch geradliniger als der „große Bruder“ vorgehen.

        Ich bitte Sie, vom „du“ abzusehen. Und bitte machen sich keine Gedanken über potenzielle Reisedefizite. Ich komme da schon zu recht. Danke!

      • Na ja – immerhin hat der Bayerische Landtag das Grundgesetz 1949 als zu zentralistisch abgelehnt. Schon vor 65 Jahren hat der bayerische Landtag die Gefahr vorhergesehen, dass Bayern zur unmün­digen Provinz degra­diert wird, die dem Bundeshaushalt lediglich als Finanz­quelle die­nen darf. Wenn man sich die heutigen Verhältnisse ansieht, war das eine sehr weitsichtige Entscheidung.

      • Die USA ist nicht (und war nie) der Vertreter des reinen Guten, wie auch die Sowjetunion nicht alles Schlechte der Welt repräsentierte.

        Mag sein, spielt aber keine Rolle im wirklichen Leben. Da kommt es auf die Unterschiede an und wie man sie bewertet. Im einen Land gibt es Demokratie und individuelle Freiheit, im anderen gab es eine Diktatur und einen totalitären Staat.

        Klar ist, dass man in den USA die Bedrohung durch die Sowjetunion instrumentalisiert und auch ein gutes Stück übertrieben hat.

        Den Eindruck habe ich nicht.

        Natürlich bleibt deshalb, die SU eine abzulehnende Diktatur. Anderseits muss ich aber auch nicht die US-Kultur gut finden.

        Was für eine seltsame Gegenüberstellung… Nein, niemand muss die Kultur der USA gut finden. Aber zumindest einige Teile davon sind offensichtlich für viele Menschen attraktiv. Und dass die Menschen sich so frei entscheiden können, ist doch eine gute Sache.

        Einen gewissen Spielraum gab es auch im sozialistischen Lager, man denke an Ungarn! Nur typisch deutsch, musste die DDR-Führung fast noch ideologisch geradliniger als der “große Bruder” vorgehen.

        Die minimalen Erleichterungen, die Ungarn seinen Bewohnern erlaubte, hätten bei der DDR nichts geändert Der Unterschied lag nicht in irgendetwas „typisch Deutschem“, sondern schlicht und einfach darin, dass DDR-„Bürger“ nicht ins Ausland gehen mussten, um ihrem Regime zu entfliehen und zudem noch leichten Zugang zu authentischen westlichen Informationen in ihrer Sprache hatten. Man kann auch nicht gerade sagen, dass die westdeutschen Medien ein verzerrtes Bild westdeutscher Wirklichkeit vermittelten. Schon damals pflegten die Journalisten des ÖRR sich eher dem linken Lager zugehörig und lieferten diverse „kritische“ Berichte, die dann nur allzu gerne von Karl-Eduard wieder aufgegriffen wurden. Aber das war es ja gerade: Eben durch das, was man im Westen selbst als schlecht kritisierte, wurde deutlich, was dort alles gut war.

        Ich bitte Sie, vom “du” abzusehen.

        Eins, das ich am freien Netz gut finde, ist, dass man dort auch Pseudonyme verwenden kann. Davon mache ich ja selbst Gebrauch. Aber wer sich dieser Errungenschaften des frühen Internet bedient, muss auch damit leben, in derselben Tradition geduzt zu werden. There is no such thing as a free lunch.

      • Na ja – immerhin hat der Bayerische Landtag das Grundgesetz 1949 als zu zentralistisch abgelehnt.

        Und dieses alte Grundgesetz war sogar noch wesentlich föderalistischer als das heutige… Allerdings erwächst aus der Ablehnung natürlich nicht das Recht auf Nichtanwendung, wenn man dem Klub dann doch beitritt.

      • @Werwohlf:
        „Allerdings erwächst aus der Ablehnung natürlich nicht das Recht auf Nichtanwendung, wenn man dem Klub dann doch beitritt.“

        Sie verkennen, dass der FREISTAAT BAYERN sich bereits 1946 eine eigene Verfassung gegeben hat. Diese entsprechend abzuändern ist das Ziel des Volksbegehrens „Freiheit für Bayern“. Die Einleitung des Antragstextes des Volksbegehrens lautet wie folgt:

        „Art. 178 der Bayerischen Verfassung bestimmt, dass der Beitritt Bayerns zur Bundes­republik „auf einem freiwilligen Zusam­menschluss der deutschen Staaten beruht, deren staats­rechtli­ches Eigenleben zu sichern ist.“

        Dieses politische Eigenleben Bay­erns wird durch die zentralistische Bundes­politik immer stärker gefährdet. Das Bayern im europäi­sierten Deutschland hat mit dem Bayern der Bayerischen Verfassung nicht mehr viel ge­mein.

        Im Europa der großen Nationalstaaten wird Bayerns Stimme zwangsläufig untergehen, der Bestand Bay­erns als Staat an sich ist in Gefahr. Um die Staatlichkeit Bayerns inner­halb Europas auch in Zukunft zu sichern, ist die Separa­tion Bayerns unerlässlich.

        Der von uns vorgelegte Gesetzentwurf eröff­net die Möglichkeit zum Aus­tritt Bayerns aus der Bundes­republik Deutschland. Dafür ist eine Änderung der Baye­rischen Verfassung notwendig, neben der Verankerung eines Artikels über den Austritt aus der Bundesrepublik müssen auch die Bezüge zu Deutschland daraus entfernt werden.“

  5. Guten Abend Herr Dilger,

    ich danke Ihnen für die Darstellung Ihrer privaten Beziehungen zur ehemaligen DDR. Das ist sehr interessant. Ihre Schilderung der Verhältnisse dort ist zutreffend.

    Es macht auch etwas Hoffnung, vom hohen Anteil in der jungen Generation zu lesen, für die deutsche Einheit eine positive Sache ist und die auch gar nicht mehr wissen, was die Teilung bedeutete (was auch in gewissen Sinn ein Verlust sein kann).

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