Schotten bleiben Briten

The Economist titelt zum Ausgang des gestrigen Unabhängigkeitsreferendums in Schottland: „Britain survives“, Großbritannien überlebt. Gut 55 % der Schotten (bzw. genauer der in Schottland Abstimmenden) stimmten gegen die Unabhängigkeit Schottlands von Großbritannien, wobei die Abstimmungsbeteiligung mit knapp 85 % sehr hoch war, weil es um so eine wichtige Sache ging bei dieser Sternstunde der Demokratie. Wie ich schon schrieb (siehe ‚Schottland vor der Entscheidung‘ und ‘Kein britisches Pfund für ein unabhängiges Schottland’), befürworte ich nicht nur das Referendum, sondern auch diesen Ausgang desselben. Hoffentlich darf jetzt auch von anderen Völkern in anderen Ländern demokratisch über ihre Unabhängigkeit abgestimmt werden (siehe ‚Demokratisches Sezessionsrecht‘). Die Briten haben gezeigt, was Demokratie bedeutet, und die Schotten haben nicht zuletzt deshalb vernünftig entschieden. Im Übrigen wird sich Großbritannien jetzt ohnehin verändern und föderaler werden. Nicht nur die Schotten sollen mehr Autonomie und eigene Rechte bekommen sowie die Waliser und Nordiren, sondern erstmals auch die Engländer.

9 Gedanken zu „Schotten bleiben Briten

  1. Ob es wirklich eine Sternstunde der Demokratie war? Ist solch ein Referendum für andere Staaten nicht Grund genug, bessere Konditionen für ihre eigene Autonomie und zusätzliche Rechte zu erlangen, so zu sagen als erpresserischer Akt?

    • Wenn es mehrere Völker in einem Staat gibt, müssen diese irgendwie miteinander auskommen. Ist es nicht besser, wenn das auf Freiwilligkeit statt auf Zwang beruht? Um Erpressung geht es da nicht, sondern wer unbedingt gehen will, sollte daran nicht gewaltsam gehindert werden, muss dann aber auch gegebenenfalls die damit verbundenen Nachteile akzeptieren.

      • Autonomie ist nicht zwangsläufig mit Nachteilen verbunden. Bayern könnte sich z.B. jährlich mehr als 4 Mrd. Euro für den Länderfinanzausgleich sparen, wenn es aus der Bundesrepublik Deutschland austritt.

      • Das ist jetzt eine sehr oberflächliche Betrachtung. Neben diesen direkten Zahlungen gibt es viel größere indirekte. Bayern hat da, wie übrigens auch beim Länderfinanzausgleich, Jahrzehnte vom Rest der alten Bundesrepublik profitiert. Noch wichtiger sind die Synergieeffekte eines gemeinsamen Staates und das politische sowie wirtschaftliche Gewicht im Rest Europas und der Welt, auch wenn die gegenwärtige Bundesregierung, übrigens unter starker Beteiligung der CSU, dieses gegenwärtig nicht nur zu unserem Nutzen einsetzt.

      • Herr Dilger, Sie haben recht. Die CSU bestehts zur Zeit aus nichts anderem mehr als aus Fehlleistungen.

        Übrigens Herr Meister, der Urbayer FJS war trotz allem Bayerhuberei immer für Deutschland eingenommen!!!

      • Lieber Herr Meister,

        ich habe etwas für Sie, was Sie vielleicht interessiert. Hier der Aufbau des Stammesherzogtum der Sachsen um das Jahr 1000. Das ist die Stärke des Internets. Man beachte die verlorengegangene Existenz von Ostfalen (es gibt Wiederbelebungsversuche).

        sowie kurz vor dem Zerfall (um 1180):

  2. „Hoffentlich darf jetzt auch von anderen Völkern in anderen Ländern demokratisch über ihre Unabhängigkeit abgestimmt werden“
    Das ist nicht so einfach. Wann ist ein „Volk“ ein „Volk“? Nehmen Sie z.B. London. Das ist spätestens in einigen Jahrzehnten so etwas wie Singapur: Ein boomender, isolierter Stadtstaat mit einer globalen Millionenbevölkerung und Englisch als Verkehrssprache. Dürfte sich dann auch Greater London aus dem UK verabschieden, um Geld zu sparen und die dumme Landbevölkerung los zu werden? Das ist doch eine absurde Idee. Sind die Österreicher ein Volk? Es sind nämlich ethnisch Deutsche, was auch auf zeitgenössischen Karten so eingezeichnet wird; und wenn ja, dann kann man die Bevölkerung NRWs u.U. auch als „Volk“ klassifizieren. Was ist, wenn ein erheblicher Teil der Bevölkerung Kataloniens aus zugezogenen Menschen aus dem Rest Spaniens besteht, aber an irgendwelche Verheißungen glaubend mit „Ja“ stimmt – schließlich geht es v.a. ums Geld? Und da es um Prinzipien geht: Was wäre wenn in einem europäischen Land genügend Migranten aus dem islamischen Kulturkreis, eventuell sich diskriminiert fühlend, unter der Ägide von speziellen Predigern, eventuell finanziert mit saudischem Geld, in eine Stadt ziehen (sagen wir Birmingham) und diese zwecks Errichtung eines Kalifatso.ä. unabhängig machen wollen? Schauen Sie sich die kleine Bevölkerung von anerkannten Staaten wie Luxemburg oder Liechtenstein an.
    Es mutet wohlfeil an, der Aufspaltung von europäischen Staaten das Wort zu reden, nur weil es über Volksabstimmungen geschieht. Staaten sind viel schwerer zu bauen als zu zerstören. Es kann aus meiner Sicht nicht einfach jeder mit einer gewissen regionalen Identität und einem bestimmten Dialekt hingegen, und mithilfe falscher Versprechungen und einer guten Kampagne irreversibel die Aufbauleistung von Jahrhunderten zerdeppern. Wenn Staaten nicht funktionieren (hier könnte man an Belgien denken) oder die tatsächliche Gefahr von Menschenrechtsverletzungen besteht (Ukraine), ist dies etwas anderes. Hohe Hürden sollten aber schon gelten – 50% Beteiligung, 2/3 Mehrheit oder so. Ansonsten stellt sich die Frage, ob Staaten mit großer Fläche und Bevölkerung von mehr las 10 Millionen Menschen dann überhaupt die Jahrhunderte überdauern können oder Launen und Moden zum Opfer fallen. Wenn Sie sich Größe und Bevölkerung Luxemburgs und die historischen Landkarten Deutschlands ansehen, dann könnten sie unser Land problemlos in 50 Länder zerlegen, was sogar eine bequeme Art wäre, die Ewigkeitsgarantie des Grundgesetzes los zu werden. Ja, unwahrscheinlich – aber Prinzipien sollten eben immer gelten.

    Wir können, denke ich, nur froh sein, dass dieser Albtraum vorbei ist. (Eine Abspaltung Schottlands hätte nicht nur zu den von mir schon beschriebenen Konsequenzen geführt, sondern zudem noch die halbe (!) Royal Air Force in Frage gestellt.) Festzuhalten bleibt, dass das alles sehr viel Negatives ans Licht gebracht hat.

    Es ist mir unverständlich, wie derart viele Menschen (über 40% bei hoher Beteiligung) für einen kompletten Sprung ins Unbekannte und unverantwortliche Politik stimmen können, das aber zugleich mit „Hoffnung für ihre Kinder“ begründen können. (Tatsächlich ist die mittlere Altersgruppe die separatistischste.) Das klingt nicht nur nach ultralinkem Geschwätz, das ist es auch. [1] Ein „Ja“ hätte zu einer kolossalen Flucht von Kapital und Unternehmen geführt, es wären eventuell sogar hunderttausende Menschen aus Schottland abgewandert, was auch verständlich wäre. Vergleiche mit Ostdeutschland sind angezeigt. Es ist gut, dass die Vernunft obsiegt hat, aber die große Zahl von Ja-Stimmen lässt einen erschauern. (Interessant, wie wenig wirtschaftliche Argumente die Leute beeindruckt haben, man vergleiche etwa den Diskurs über den Euro oder über einen britischen EU-Austritt.)

    „Im Übrigen wird sich Großbritannien jetzt ohnehin verändern und föderaler werden.“
    Zwar begrüßenswert, in der Form jedoch ein Skandal, was auch viele Briten inklusive Schotten (insbesondere mehr oder weniger betrogene Unionisten) so sehen. Dass die Westminster-Politiker ohne ein Mandat dazu letztlich aufgrund einer einzigen zweifelhaften Umfrage (!) angekündigt haben, praktisch die gesamte Verfassungsordnung bei einem Nein über den Haufen zu werfen, ist so eine Sache für sich. (Kurzer englischsprachiger Artikel: http://blogs.telegraph.co.uk/news/danhodges/100286838/im-calling-it-its-over-no-has-won-the-referendum/ )

    Fremdschämen hervorrufend die Beratungsresistenz, Uninformiertheit und Torheit des deutschen Internetmobs, der trotz seiner ausgedehnten Freizeit offenbar nie gerafft hat dass die SNP eine linksaußen stehende, EU-trunkene Truppe ist, was man für weite Teile des Ja-Lagers sagen kann. In gewisser Weise das Gegenstück zu Schotten, die einer vermeintlichen Herrschaft durch eine kleine Elite in London und Fremdbestimmung ausgerechnet via EU entfliehen wollen, und Ukrainern, die von der EU von Korruption und Souveränitätseingriffen befreit werden wollen – sehr lustig. Ob das Internet die Menschen klüger macht weiß ich nicht, dass es den sozial am Rande Stehenden und Mangelgebildeten nicht repräsentativ und überproportional eine Stimme verleiht dagegen schon. Das sollte man auch als Politiker immer bedenken.

    Zweifelhaft auch ein bestimmter deutscher EU-Abgeordneter aus NRW, welcher – stets zu einer gewissen „Kindsköpfigkeit“ aufgelegt – via Facebook verbreitete, er verfolgte das alles amüsiert und gelassen. Dafür mag sprechen, dass man ohnehin nichts machen konnte, dagegen ganz sicher die Bedeutung Großbritanniens und eines etwaigen Präzedenzfalls, vor allem aber die fürstlichen Abgeordnetendiäten, die ich nicht fürs Grinsen und Unbekümmertsein mitfinanziere. Man hätte für den Job eine etwas umsichtigere Besetzung haben können. Hätte.

    Überhaupt fragwürdig, wie manche Leute einerseits klar unionistischen Parteien wie den Tories und der UKIP zuprosten und dann bei der ersten sich bietenden Gelegenheit mit leuchteten Augen eine existenzielle Gefährdung der Heimat dieser Menschen, die ganz sicher keine Freunde eine allmächtigen EU sind, bejubeln. Das mit der „deutschen Treue“ müssen die selbsterklärten „Patrioten“ mit regelrecht germanophoben politischen Zielen dann noch mal üben.

    Eine ganz üble Figur hat (nichts Neues) auch der schlecht unterrichtete, europhile Deutschlandfunk gemacht, der die mit Rassismus, Vandalismus, Gewalt und Einschüchterung, vor allem aber Fanatismus (nicht Argumenten) arbeitende Unabhängigkeitskampagne bei jeder sich bietenden Gelegenheit und unter Gebrauch stereotypischer Klischees als zivilisiert und höflich pries. Dass die ‚Welt‘ Sympathie für Herrn Salmond anklingen ließ und ihn als Mann des Volkes bezeichnete überrascht nicht, schließlich findet die Zeitung auch die ebenfalls das eigene Volk belügende und Misswirtschaft betreibende Angela Merkel gut, da muss man konsequent sein.

    Es ist übrigens völlig falsch, irgendwelche Parallelen zu einer „Unabhängigkeit“ vom rein intergouvermentalen Euro und der EU zu ziehen, wie das einige Schlaumeier meinen. Dafür gibt es gute, sachliche Argumente, nicht einen Mischmasch aus vorgeschobenen Prinzipien, es „irgendwie im Gefühl haben“ und einem tumben, fähnchenwedelnden, übersteigerten Nationalismus, der anders als ein selbstbewusster Patriotismus primär auf Minderwertigkeitskomplexen und Megalomanie beruht (wie Europhilie). In jedem Fall hat das Unterminieren eines staatlichen „Wirs“ durch äußere (EU) und innere Faktoren (etwa das Verschleudern der Staatsbürgerschaft) fatale und destabilisierende Faktoren. Wie das mal ein Vertreter der Schweizer SVP im deutschen Fernsehen gesagt hat: Der Staat löst sich auf wie ein Stück Zucker. Und das will ich deswegen nicht, weil Staaten keine Unternehmen, Fanclubs und Folklore-Verbände, sondern Rechtsordnungen sind.

    [1] Limmy, the popular Glaswegian comedian, offers an interesting insight into how many left-of-centre people in the West of Scotland feel. „I could blame the papers and the Westminster parties for all the scare stories and lies [!], but it’s up to individuals to no be fooled. It’s a fucking [sic] shame, but there ye go. Some people are saying Westminster cannae ignore the 45% Yes. Aye they can. What we gonnae dae? Nothing. I had this image of us standing side by side with all these other nations of Europe [!], governed not by the elite but by ourselves [hahaha]. Gone. What we want is a fairer society, where people urnae utterly fucked [sic]. An independent Scotland hopefully would have achieved that.“

    • Bitte verwechseln Sie mich nicht mit Herrn Meister oder gar solchen Libertären, die jedem Individuum die territoriale Abspaltung mit seinem kleinen Privatgrundstück ermöglichen wollen. Man spaltet ein Land nicht einfach aus Jux und Tollerei – was die Schotten vernünftigerweise auch nicht getan haben. Trotzdem (oder gerade deswegen) war das Referendum gut. Immerhin hat die mit Abstand stärkste Partei in Schottland lange auf dieses Referendum hingearbeitet (und jetzt hat Herr Salmond hingeworfen, was doch auch ein schöner Nebeneffekt ist). Die Schotten sind auch keine irgendwie zusammengewürfelte Gruppe, sondern ein eigenes und stolzes Volk, obwohl sie in den letzten 307 Jahren auch Briten waren und viele sich primär britisch fühlen. Wenn umgekehrt die Mehrheit eines Volkes gehen will, warum wollen Sie das dann gewaltsam verhindern? Ein Staat ist für seine Bürger da und nicht umgekehrt.

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