Merkel vs. Nobelpreisträger

Nicht nur ein „Nobelpreisträger geißelt deutsche Euro-Politik“ beim fünften Nobelpreisträgertreffen in Lindau (siehe auch „Nobel economists say policy blunders pushing Europe into depression“). Dabei braucht man keinen Wirtschaftsnobel(gedenk)preis, um die Systemfehler des Euro zu erkennen. Allerdings übersehen die vorgeschlagenen Lösungskonzepte die nationalen Interessen in Europa (weil sie von US-Amerikanern kommen?). Für alle Europäer ist es besser, wenn der Euro endet. Dagegen verschärft die Austeritätspolitik im Süden die Krise und erhöht damit nicht nur die Arbeitslösigkeit, sondern auch die relative Staatsverschuldung, die doch eigentlich damit gerade gesenkt werden soll. Umgekehrt ginge eine Vergemeinschaftung der Schulden zu Lasten Deutschlands, ohne die Wirtschaftskraft anderswo wirklich zu erhöhen.

Bundeskanzlerin Merkel will hingegen den Euro um jeden Preis retten, also sowohl den Süden als auch den Norden ruinieren. Sie lenkt davon mit falschen Vorwürfen ab: „Merkel hält Top-Ökonomen fehlerhafte Prognosen vor“. Bestimmte Sachen, z. B. den nächsten Börsensturz, kann grundsätzlich niemand vorhersagen, während sich die strukturelle Krise des Euroraums durchaus weiter prognostizieren lässt, wenn die Politiker nicht zu einer Kehrtwende bereit sind. Frau Merkel ist das leider nicht, weshalb wir auf echte Staatsmänner hoffen müssen.

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8 Gedanken zu „Merkel vs. Nobelpreisträger

  1. Alexander Dilger,

    ohne auf Details Ihres interessanten Kommentars einzugehen, Fakt ist dass die sogenannten und selbsternannten Experten jegliche Finanz- und Wirtschaftskrisen n i c h t vorhergesehen haben.

    Abgesehen von den permanenten Untergangsphantasien einiger Gurus, und wer nimmt die denn noch ernst ?

    Eines an Ihrem Kommentar verstehe ich nicht, haben Sie ggf. Begriffe verwechsel ?

    “ … Dagegen verschärft die Austeritätspolitik im Süden die Krise und erhöht damit nicht nur die Arbeitslösigkeit, sondern auch die relative Staatsverschuldung, die doch eigentlich damit gerade gesenkt werden soll. “

    Südländer verschärfen Austeritätspolitik ? Verschärfen ? Italien hat doch überhaupt noch nicht mit dem Konsolidieren oder gar Sparen begonnen !

    Schuldenbremse, Reformen ? Fehlanzeige, es bleibt bei Jahrzehnte alten geübten Praxis leerer Ankündigungen, stehen ausschließlich auf dem Papier beruhigen Gläubiger . Gelingt ja auch, siehe EZB, drucken immer neues “ frisches “ Geld für Italien.

    Spanien, Portugal, na gut, aber die Schuldenquote / Höhe ist exorbitant gestiegen.

    Wir verstehen Ihre Intentionen nicht.

    • Es gibt einige seriöse Ökonomen, die durchaus die aktuelle Krise vorhergesehen haben, aber natürlich nicht den genauen Zeitpunkt des Ausbruchs und ihren konkreten Verlauf.

      Insbesondere Griechenland, aber auch Portugal und Spanien haben enorme Einschnitte vorgenommen. Doch die Wirtschaftsleistung ist, nicht zuletzt dadurch, noch stärker eingebrochen, so dass die Schuldenquote gestiegen ist. Ich habe nicht geschrieben, dass die Südländer ihre Austeritätspolitik verschärfen, obwohl auch das zutrifft und zuvor das Geld mit vollen Händen ausgegeben wurde, sondern dass diese Politik die Krise verschärft. Natürlich geht es nicht ohne Reformen, doch prozyklische Einschnitte sind für sich genommen gar keine Reform. Der Euro zwingt aber dazu, wenn Deutschland nicht alle Rechnungen bezahlen will.

  2. Stiglitz plädiert jedoch nicht für eine Auflösung der Euro-Zone. Das sei viel zu teuer. Er sieht eine tiefere Integration und mehr Solidarität als Mittel, um eine Depression abzuwenden. Die Bankenunion müsse schneller und stärker vorangebracht werden. „Die Euro-Zone braucht Euro-Bonds, um sich gemeinsam günstiger finanzieren zu können“, sagte Stiglitz.
    Damit ist alles gesagt.

    • Damit ist nicht alles gesagt. Herr Stiglitz ist sicher nicht dumm und vertritt eine kohärente Position, die Sie und ich nicht teilen. Ich vertrete eine andere kohärente Position. Frau Merkel macht hingegen eine inkohärente Politik mit entsprechend fatalen Konsequenzen. Da sich die Widersprüche nicht endlos zudecken lassen, bleibt am Ende doch nur die Wahl zwischen Vergemeinschaftung von allem, nicht nur der Schulden, oder der Auflösung des Euro.

    • Stiglitz denkt und schreibt aus amerikanischer Sicht: natürlich ist es für Amerika besser, wenn Deutschland durch Euro-Bonds die Euro-Zone subventioniert.

      Das ist aber wie in einem Kartell: das größte Kartellmitglied muss für die Sünden der kleineren einspringen. Das geht solange gut, bis für dieses Mitglied die Kosten der Korrekturen den Nutzen aus dem Kartell übersteigen. So brach die OPEC zusammen, nachdem es für Saudi-Arabien nicht mehr lukrativ war, ständig Kapazität aus dem Markt zu nehmen, wenn sich irgend ein Kartellmitglied nicht an die Förderquoten gehalten hatte. Zwar ist der Vergleich OPEC – EU als Kartell nur als Illustration gedacht, die interessante Beobachtung, das das größte Mitglied von solchen Vereinigungen unterdurchschnittlich profitiert scheint mir aber bemerkenswert.

  3. Was die fehlende Vorhersagenfähigkeit der Ökonomen angeht – ich habe neulich bei einem (amerikanischen) Blogger einen sehr guten Vergleich mit Ärzten gelesen – auch Ärzte können weder einen Ausbruch noch den Verlauf einer Krankheit zuverlässig vorhersagen, nichtdestotrotz würde ich, wenn ich krank werde, doch einen Arzt aufsuchen und nicht Frau Merkel 🙂

    P.S

    Ich kann übrigens über mich sagen, dass ich genau die gleiche Position vertrete, wie Stiglitz.

  4. rotflol … Mein alter VWL-Professor ist irgendwo in den 1970ern aus dem Rat der fünf Weisen im Streit ausgeschieden, weil er „keine Lust mehr darauf hatte, immer nur die Vorgaben aus der Politik zu prognostizieren“. Und jetzt kommt unsere Merkel und beschwert sich darüber, dass die Wunschprognosen der Politiker (umnicht zu sagen, Merkels) in die Hose gehen? … rotfrlol …

    Als studierter Marketing-Psychologe bin ich es gewohnt, Märkte zu segmentieren und mindestens Ober-, Mittel- und Unterschicht zu unterscheiden. Dahingehend habe ich mich bereits vor etlichen Monaten bereits beispielsweise in einem Leserbrief an die RP geäußert. Merkels „Austeritätspolitik“ besteht aus massiver Erhöhung der Verwaltungskosten (und damit auch der davon direkten und indirekten weitergehenden Subventionen). Da kann man doch behaupten, dass die Leistung der Verwaltung wertvoller geworden ist und es daher Wachstum gegeben habe. … rotflol … Die Unterschicht und die Mittelschicht zahlen seit Jahren drauf, damit ab dem Bionadesegment, wie ich die untere Oberschicht (vorwiegend die Gesamtheit der Beamten) gerne nenne, wird das Geld gehortet und auch noch der letzte Rest Lebensqualität vernichtet.

    Wo liegt der Tag des deutschen Steuerzahlers jetzt? Mit allen Zwangs- und Nebenabgaben zuletzt irgendwo tief im September. Mutti steigert die Kosten, verschleppt dringene Ausgaben (waren allein so 300 verschleppte Milliarden und damit eine Art nicht ausgewiesener Schulden, im Bereich Gebäude und Straßensanierung – die zu echtem Wachstum unterhalb des Bionadesegments führen könnten) und feiert sich, weil die Deppen im Ausland die Verwaltungskosten gesenkt und damit Minuswachstum eingefahren haben als „Lokomotive Europas“, aber auch keine Impuse gesetzt haben. Da die Lebensqualität in Deutschland (beispielsweise laut Brüsseler Studien) so ziemlich die schlechteste in Europa ist (abgesehen von den vom Austeritätskrieg bereits quasi dem Boden gleichgemachten Griechenland und Portugal) und ich diese Zusammenhänge seit Beginn der Merkel-Krise predige, muss ich aber leider zur Kenntnis nehmen, dass das intitutionalisierte Peter-Prinzip und damit die institutionalisierte Inkompetenz (siehe auch jüngst wieder die international als äußerst abschreckendes Beispiel gehandelte Lachnummer der Energiewende, die jetzt immerhin mal wieder offen kritisiert wurde. Klar,dass die „Peters“ ob ihrer Inkomeptenz wieder jammern und nach ausreden suchen. … rotflol … Bei Merkels institutionalisiertem Peter-Prinzip fallen die Minister halt wie die Schießbudenfiguren auf der Kirmes … rotflol …)

    Wie wäre es übrigens, die Stern-Erhebung zur Zusammensetzung der Wählerschaft stärker publik zu machen, um damit die von C?U verbreitetn Merkel-Märchen auch hier ad absurdum zu führen?

    Ach so: 2011 sollte es ein Referendum über den Euro in Griechenland geben. Das fand bekanntermaßen nicht statt. Völkerrechtlich eher fragwürdig gab es da direkt und (gerüchteweise auch indirekt) massiv Druck Dritter. Merkel soll im Umfeld zusammengefaltet worden sein, weil die USA(!) den Euro um jeden Preis retten wollte. Es wurde halt befürchtet, der Euro-Kurs würde beim Griechenland-Ausstieg zusammenbrechen. (EU-Waren preiswert, Dollar-Waren teuer, USA-Wirtschaft bricht weg.) Betrachtet man die jetzigen Aussagen der US-Ökonomen, denen diese Geschichte besser bekannt sein dürfte, handelt es sich bei den jetzigen Äußerungen um eine Kehrtwende und eine recht deutliche Kritik an der Politik des amerikanischen Präsidenten. Wann bekomme ich meinen Nobelpreis für „Die revolutionäre Anwendung des Konzepts der Marktsegmentierung auf Konzepte der Einkommensverteilung und die sich daraus ergebenden Implikationen für die Wachstumspolitik und die Lebensqualität“?

    Heh, Profs, da fliegt alles, weil traditionelle wirtschaftspolitische Instrumente bei geradezu „planwirtschaftlicher“ Staatsquote (wegen fehlendem oder viel zu kleinem) Multiplikatoreffekt wirkungslos sind und bleiben müssen (siehe Zinspolitik, die einer Enteignung der privaten Vorsorge gleichkommt …). Und damit bin ich wieder am Anfang. Merkels Planwirtschaft 2.0 passt nicht zu den Wunschprognosen, aber die Profs, die die gewünschten Prognosen im Auftrag der Bundesregierung verfassen, sind schuld. …rotflol… Was für eine absurde und jämmerliche Schmierenkomödie.

  5. Herrn Dilgers Kommentar ist völlig korrekt:

    a) Auch wenn Ökonomen (und auch niemand anders) die Konjunktur nicht voraussagen können [sie tun es trotzdem, weil es genug Kunden gibt, die sehr gut dafür bezahlen], so können sie doch Probleme der Wirtschaftsordnung, wie etwas die verfehlte Ordnung der Währungsunion sehr gut und sehr richtig erkennen.

    b) Im Prinzip gibt es zwei in sich konsistente Lösungen der Eurokrise: „Ganz rein“ oder „ganz raus“. „Ganz rein“ bedeutet: Vergemeinschaftung aller Schulden, zentrale europäische Lohnpolitik, zentrale europäische Finanzpolitik, zentrale Brüsseler Wirtschaftspolitik, langfristige innereuropäsiche Transfers, zur Abrundung evtl. innereuropäische Handelshemmnisse oder Euro-Konvertibilitätsverbote (wie jetzt mit Zypern). „Ganz raus“ bedeutet: Beenden der Währungsunion.
    Frau Merkel will die Mitte: wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Das kann nicht gutgehen und geht nicht gut; wir haben jetzt 6 Jahre Eurostagnation mit riesigen sozialen Kosten im Süden und hohen (noch nicht realisierten) Kosten für Deutschland, ohne dass die Krise irgendwie gelöst ist. – „Ganz raus“ ist die richtige Lösung.

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