Was bedeutet konservativ heute?

Der Konservatismus ist eine der drei modernen politischen Grundpositionen und in Abgrenzung von Liberalismus und Sozialismus entstanden. Konservativen geht es um das Bewahren der bestehenden Ordnung, die insgesamt als gut und bewahrenswert empfunden wird. In gewisser Weise waren die meisten Menschen in der Vormoderne konservativ, ohne sich explizit dafür zu halten, weil sie die bestehende Ordnung für gottgegeben hielten und nicht hinterfragten. In der Aufklärung wurde dagegen alles hinterfragt und kam der Glaube an den Fortschritt auf, nicht nur in technologischer, sondern auch gesellschaftlicher Hinsicht. Konservative sahen und sehen jedoch die Kosten und Risiken des Fortschritts und setzen dagegen auf das Erhalten der sozialen Ordnung, die sich in der Vergangenheit bewährt hat. Was sich als gut erwiesen hat, soll nicht im Streben nach Besserem verschlechtert werden.

Weil sich der Konservatismus am Status quo orientiert, ist er relativ hinsichtlich Ort und Zeit. In alten Monarchien wollten Konservative diese erhalten. In Umbruchszeiten, während Revolutionen und kurz danach können Konservative auch die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands anstreben. Das ist nicht mit Nostalgie für längst vergangene Zeiten zu verwechseln. Der Umsturz einer bereits länger bestehenden Ordnung zu Gunsten einer viel älteren wäre nicht konservativ, sondern selbst wieder revolutionär und utopistisch.

Von daher sind heutige Konservative in Deutschland demokratisch, was die hiesigen Konservativen vor hundert Jahren nicht waren. Die parlamentarische Demokratie, die soziale Marktwirtschaft und das Grundgesetz haben sich zwischenzeitlich bewährt. Rückkehrversuche zur Monarchie oder auch dem realen Sozialismus wären dagegen gefährlich und gerade nicht konservativ. Von daher können Konservative heute durchaus auch liberal sein, müssen es in einem gewissen Umfang zumindest in Deutschland sogar sein, da Staat und Gesellschaft zu großen Teilen seit Jahrzehnten liberal sind.

Konservative sind auch gute Europäer, da dies inzwischen ebenfalls Tradition geworden ist. Interessanter ist die Einstellung zum Euro. Diesen gibt es auch schon ein paar Jahre, doch er hat sich nicht als gut erwiesen. Ohne Krise würden auch und gerade Konservative ihn irgendwann gutheißen und nicht in DM-Nostalgie schwelgen. Da sich der Euro jedoch nicht bewährt hat und auch noch nicht mit seinen Mängeln vollständig etabliert ist, sondern mehr Unordnung als Ordnung schafft, lohnt sich hier ein konservatives Eintreten für den letzten guten und bewährten Zustand, also nationale Währungen in einem Europa der Vaterländer.

39 Gedanken zu „Was bedeutet konservativ heute?

  1. Konservatismus richtet sich nicht zwangsweise an der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart aus, sondern daran, gewachsene Strukturen und Gutes in Gegenwart und Vergangenheit vor politisch motivierten und gesteuerten drastischen Veränderungen mit unklarem Ausgang zu bewahren. Ein gutes Beispiel dafür ist übrigens Kaiser Wilhelm II. Der wollte sich nämlich nicht nur der Arbeitnehmerschaft gegenüber profilieren, er hat auch Bismarck aus dem Amt gejagt und dessen außenpolitische Bemühungen zur Vermeidung militärischer Konflikte zunichte gemacht. Zu nennen sind hier die eher ablehnende Haltung gegenüber Kolonien, das Bündnissystem Bismarcks sowie die preußische Militärdoktrin, dass Kriege an Land gewonnen werden und eine große Flotte daher eher schadet als nützt. Die revolutionären Änderungen des sehr jungen Kaisers haben Deutschland und Europa ins Elend gestürzt, wir hätten gut auf sie verzichten können. Der Nationalsozialismus verstand sich ebenfalls als sozialrevolutionäre, alle Teile der Gesellschaft umgestaltende Bewegung, der die konservativen Kräfte (mit denen ihn der Anti-Marxismus einte) nur als Vehikel gebrauchte.Ein anderer Aspekt ist die sog. 68er-Bewegung, die uns die RAF sowie diverse totalitäre (jeden Punkt des menschlichen Lebens betreffend) Erscheinungen beschert hat. Und natürlich der Sozialismus, der größte Reinfall der Menschheitsgeschichte. Statt den Wohlstand zu erhöhen und der Welt Frieden zu bringen produzierte die „Vergemeinschaftung der Produktionsmittel“ Massenarmut und Leichenberge.

    Der Gegensatz zwischen Liberalismus und Konservatismus ist einer des 19. Jahrhunderts. Damals war der Liberalismus etwas Revolutionäres, das die bestehende Ordnung bedrohte, und damit die Interessen der herrschenden Elite. Zugleich hatte der Liberalismus damals auch sehr nationalistische und „völkische Aspekte“, die sich gegen (natürlich konservative) sub- und teilweise übernationale Herrscherhäuser, insbesondere die Habsburger, richteten. (Das Deutschlandlied ist ganz bewusst auf die Melodie der österreichischen Kaiserhymne gedichtet worden, die die Einheit von diversen Völkern unter einer Krone beschwor.) Heutzutage liegen die beiden oft auf einer Wellenlänge, denn wie der Liberalismus will auch der Konservatismus staatliche Bevormundung und Umerziehungsmaßnahmen zwecks Umgestaltung unserer Lebensweise abwehren. Sich z.B. nicht vorschreiben zu lassen, die Sprache zu verstümmeln („XYZ*_Innen“) trägt liberale und konservative Züge. Das Einende ist dabei stets größer als das Trennende, woran Dissens auf Nebenschauplätzen nicht hinweg täuschen sollte. Dass man gleichzeitig sehr liberal und sehr konservativ sein, zeigt sich in den USA an Ron Paul.

    Was Sie mit „Rückkehrversuch zur Monarchie“ meinen weiß ich jetzt nicht so recht, wohl die Rückkehr zu der Einflussnahme eines nicht gewählten und nur durch seine Geburt qualifizierten Monarchen auf die Regierungsgeschäfte. Den Bundespräsidenten durch einen Monarchen zu ersetzen, wäre in meinen Augen nämlich durchaus von Vorteil. Zunächst einmal würde dadurch der regelmäßig neu anfallende „Ehrensold“ gespart werden. Nun weiß ich zwar nicht, ob man die Bundesversammlung besonders ernst nehmen sollte (in der letzten saßen Frau Springer und Frau Schwartzer), aber dass der Monarch weniger legitimiert wäre, wäre ausdrücklich auch von Vorteil. Er würde sich dann nämlich aller Voraussicht nach in unserem heutigen Staatsaufbau etwas mehr zurücknehmen als Herr Gauck, etwa wie die Queen oder der japanische Kaiser. Der Firlefanz darum, wer Bundespräsident werden soll („jetzt doch mal eine Frau“ usw.) wäre ebenfalls Geschichte. Es wäre aus meiner Sicht also wirtschaftlich und gesellschaftlich besser, einen politikfernen Kaiser zu haben, als einen teuren und lästigen Bundespräsidenten, was eben nichts mit Konservatismus zu tun hat. Eher schon mit meinem Bedürfnis nach Nichteinmischung. (Der Bundespräsident soll sich seinem Selbstverständnis nach „einmischen“, was zuletzt immer krudere und oberlehrerhaftere Blüten trieb; ich komme in meinem Leben gut ohne steuerfinanzierte Belehrungen klar.)

    Freilich ist die Debatte ziemlich sinnlos, der durch die Ewigkeitsgarantie geschützte Artikel 20 des Grundgesetzes schreibt Deutschland als „Bundes-Republik“ vor. Deshalb würde ich mir wünschen, das Staatsoberhaupt ganz abzuschaffen. Da das Volk der Souverän sein soll, ist ein „Ersatzkaiser“mitsamt Schoss gänzlich überflüssig. Die Schweiz hat auch kein Staatsoberhaupt, die Funktion nimmt die dortige Regierung kollektiv war. Falls man doch ein auf das unbedingt Notwendige reduziertes Staatsoberhaupt haben will, dann kann das der jeweilige Bundesratspräsident (= demokratisch legitimiert) übernehmen, was Deutschlands Charakter als Bundesstaat unterstreichen würde. Die Prüfung auf Verfassungsmäßigkeit der Gesetze ist ziemlich sinnlos, wie erfolgreiche Verfassungsbeschwerden nach Inkrafttreten eben dieser Gesetze beweisen, und die Unterschrift ist eine reine und sogar einklagbare Formsache. Wozu also dieses Amt? Ich würde mir eine Debatte darum, auch innerhalb der AfD, wünschen.

    • Gerade weil es Konservativen um gewachsene Strukturen geht, knüpfen sie an Bestehendes an. Alte Traditionen sind ihnen lieber als jüngere, doch sie müssen noch in Kraft oder zumindest in lebhafter Erinnerung sein. Die monarchische Tradition ist in Deutschland abgeschnitten. Wer sollte denn Monarch sein und würden Sie diesem echte Macht zubilligen und nicht nur eine schwächere Repräsentationsfunktion als dem Bundespräsidenten? Auch ein repräsentativer Monarch kostet Geld. Außerdem wird man ihn nicht so leicht wieder los, wenn er einem nicht passt. Die Briten schaffen vielleicht lieber ihre uralte und traditionsreiche Monarchie ab, was heute unblutig gehen dürfte, als King Charles zu ertragen. Eine komplette Abschaffung des Bundespräsidenten nach dessen Schwächung gegenüber dem Reichspräsidenten entspräche eher der jüngeren deutschen Geschichte. Formell als Staatsoberhaupt nachrücken könnte dann der jetzt zweite Mann im Staate, der Bundestagspräsident. Das würde die Legislative gegenüber der Exekutive aufwerten.

      • Sehr geehrte Damen und Herren,
        ich denke ihre Definition des Konservatismus hat eine entscheidende Schwachstelle: der alte Konservatismus hat sich bereit erklärt in der bestehenden Verfassungsordnung mitzuarbeiten – siehe zB die DNVP in der Stabilisierungsphase der Weimarer Republik, der radikale oder neo-Konservatismus hingegen hat die bestehende Ordnung abgelehnt und eine „konservative Revolution“ eingefordert. Mohler hat in den 1950er Jahren versucht die konservativen Bewegungen der Weimarer Republik unter dem Nenner „konservative Revolution“ zusammenzufassen – dies ist ihm nur partiell gelungen, da er unterschiedlichste, zum Teil sich entgegenstehende Flügel, versucht hat unter einem Nenner – dem der „konservativen Revolution“ zusamenzufassen. Entscheidend bleibt, dass der deutsche Konservatismus sowohl in Weimar wie auch in der Bundesrepublik Deutschland nie eine klare, positive, Vorstellung zur parlamentarischen Demokratie und zum Verfassungsstaat entwickelt hat. Die vernunftrepublikanischen Konservativen haben sich nach 1928 von der DNVP abgespalten und sind nach 1945 in erster Linie Mitglied der CDU geworden. Eine genuin konservative Partei hat – aufgrund des Versagens weiter Teile des Konservatismus vor 1933 – wohl keine politische Zukunft in Deutschland. Die Tragik des deutschen Konservatismus liegt im negieren der Warnungen vor Hitler durch die klügeren Konservativen wie Georg Quabbe, Otto Hoetzsch, Walter Lambach etc…die offene Kumpanei mit der revolutionären und zugleich reaktionären Politik der Nationalsozialisten hat aus meiner Sicht die Entwicklung eines liberal-aufgeklärten Konservatismus, wie in Teilen der britischen Tories, unmöglich gemacht! Auch als Sozialdemokrat bedaure ich dies, da ich eine liberal-konservative Partei als politische Bereicherung für die Diskurskultur in Deutschland empfinden würde – eine Organisation wie der AfD mit seinem unverantwortlich demagogisch-populistischen Charakter kann und wird eine ernstzunehmende Partei im Sinne eines aufgeklärten Konservatismus nicht sein!
        Herzliche Grüße aus Bonn,

        Siebo M. H. Janssen

      • Nach dem von mir vorgestellten Verständnis ist „konservative Revolution“ eine contradictio in adjecto. In der Weimarer Republik war jedoch ein Problem, dass die Republik noch neu war und viele der Monarchie nachtrauerten. Nach einem Umbruch können Konservative durchaus reaktionär sein, weil sie zum früheren Zustand zurückkehren wollen, was regelmäßig misslingt. Denn das Bündnis vieler Konservativer mit dem Nationalsozialismus, der alles andere als konservativ war, war ein fataler Fehler. In der Bundesrepublik Deutschland sind dann die meisten Konservativen in die Union gegangen, doch heute sind auch viele in SPD, Linkspartei und selbst den Grünen auf ihre Art konservativ. Wer hingegen wie etliche in der AfD „die Systemfrage“ stellt, ist keineswegs konservativ.

  2. Liberal nennt sich heute fast jeder, sogar die Grünen (wahrscheinlich, weil „tolerant“ schon so abgegriffen ist). Der Begriff konservativ ist nicht so leicht zu okkupieren. Wer sich so bezeichnent, hat sich das meistens gut überlegt.

  3. Lieber Herr Dilger,
    wären Sie nicht eher berufen, einen Text (oder eine Serie) „Was bedeutet liberal heute“ zu schreiben? Und dann einen aufgeklärten Konservativen einzuladen, einen analogen Gastbeitrag beizusteuern. Und dann zu diskutieren, den anderen zu verstehen suchen, die jeweilige Position dadurch zu schärfen und schließlich Möglichkeiten (und Notwendigkeiten) einer Synthese auszuloten. Solche Grundsatzfragen und -diskussionen drohen durch die tagespolitischen und parteipolitischen Zwänge an den Rand gedrängt zu werden, sind aber für Deutschland wichtiger als die Frage, ob die AfD Erfolg hat und wie es mit ihr weitergeht. Warum gibt es nicht neben dem wirtschaftswissenschaftlichen Beirat der AfD (für die drängenden Probleme) auch einen gesellschaftsphilosophischen Beirat, in dem fähige Vertreter aller relevanten Richtungen – von einem Habermas bis zu einem Seubert – die philosophisch und gesellschaftlich grundlegenden, aber verdrängten Fragen diskutieren mit dem Ziel einer neuen Synthese, die den Sozialstaat als äußerlich-brüchigen Kitt unserer Gesellschaft ablöst? Das wäre mal eine Mitwirkung einer Partei an der politischen Willensbildung…

    • Einen entsprechenden Text zu meinem Verständnis von liberal gibt es bereits: ‚Freiheit und Staat aus liberaler Sicht‘. Ich werde das bei Gelegenheit vertiefen und auch noch weitere politische Richtungen skizzieren. Das soll niemanden daran hindern, einen Gastbeitrag zu verfassen oder einen guten externen Beitrag zu verlinken.

      Beides ist wichtig, sowohl die Grundsatzfragen als auch die aktuelle Parteipolitik. In den Beirat einer Partei bekommt man jedoch nur der Partei nahestehende Personen. Die Grundsatzfragen können dagegen parteiübergreifend diskutiert werden, wie auch gute praktische Lösungen oft parteiübergreifend sind. Die starke Abgrenzung der AfD von allen etablierten Parteien ist vielleicht in der Anfangsphase zur Selbstfindung nötig, doch auf längere Sicht muss auch eine Zusammenarbeit mit anderen Parteien möglich sein.

      • Sehr geehrter Herr Dilger,
        natürlich könnte eine liberal-konservative Partei potentiell koalitionsfähig sein – vergleichbar der Linken – allerdings sehe ich diese Koalitionsfähigkeit beim AfD nicht: wer unsere repräsentative Demokratie als „entartet“ bezeichnet, von Flüchtlingen als „sozialer Bodensatz“ spricht und ultra-reaktionäre Personen wie Frau von Storch in seinen Reihen duldet ist nicht diskurs- und koalitionsfähig! Wie geschrieben – mit Ihnen und einer Frau Clemens oder Herrn Himmelreich hätte ich gravierende inhaltliche Differenzen – aber es wäre eine Auseinandersetzung unter überzeugten Demokraten…genau diese Tendenz sehe ich in weiten Teilen des gegenwärtigen AfD nicht…die demokratischen Parteien werden als „Blockparteien“ gebrandmarkt, die EU als „EUdSSR“ bezeichnet und teilweise latent unterschwelliger Rassisimus und Homophobie in die Debatte geworfen! Eine solche Organisation war, ist und wird für mich nicht diskursfähig werden – einzelne Personen wie Sie allerdings durchaus…
        Herzliche Grüße,
        Siebo M. H. Janssen

      • Wie sich die AfD entwickelt, ist noch nicht entschieden. Wenn die FDP noch liberal und wirtschaftskompetent oder die CDU noch halbwegs konservativ wäre, gäbe es die AfD nicht. Sie würde vermutlich auch schnell wieder verschwinden, wenn sich eine der beiden etablierten Parteien zurückbesinnt. Außerdem droht der AfD die große Gefahr, die Sie im Gegensatz zu mir bereits für realisisert halten, dass sie sich nicht liberal-konservativ, sondern rechtspopulistisch entwickelt. In anderen europäischen Ländern sind rechtspopulistische Parteien gerade ziemlich erfolgreich, woraus der falsche Schluss gezogen wird, dass das auch in Deutschland einfach möglich sei, obwohl Dutzende von Klein- und Kleinstparteien das Gegenteil belegen. Am Ende wird Herr Lucke über die Ausrichtung der AfD entscheiden müssen. Momentan schwankt er leider, indem er gelegentlich selbst rechtspopulistische Ressentiments bedient und deren Vertreter stützt, um sich dann wieder ganz harsch davon abzugrenzen.

      • @Siebo M.H. Janssen

        „Nicht diskursfähig“ ist vor allem der, der vor allem bemüht ist, sein eigenes Weltbild zu retten, indem er sich, um einer inhaltlichen Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen, statt mit Andersdenkenden lieber mit den selbstgebastelten Strohmännern beschäftigt. Beliebtes Mittel hierbei: Falschzitate.

      • Wo sehen Sie Falschzitate? Die von Herrn Janssen genannten Begriffe sind von AfDlern wiederholt gebraucht worden, die beiden ersten von Herrn Lucke selbst. Abgesehen davon ist ein echter Diskurs bzw. Dialog besser als ein einseitiger. Die Vertreter anderer Positionen können hier gerne zu Wort kommen. Alle inhaltlichen Beiträge schalte ich frei, auch wenn sie nicht meiner Meinung entsprechen. Inhaltsfreie Beleidigungen etc. moderiere ich allerdings weg.

      • Wo sehen Sie Falschzitate? Die von Herrn Janssen genannten Begriffe sind von AfDlern wiederholt gebraucht worden, die beiden ersten von Herrn Lucke selbst.

        Lucke hat weder die repräsentative Demokratie schlechthin als „entartet“ bezeichnet noch überhaupt „Flüchtlinge“ als „sozialen Bodensatz“. Verwendet hat er die Begriffe, das ist richtig, allerdings jeweils in einem spezifischeren Zusammenhang, und ein erfahrener Politiker hätte sie vermieden, aber daran „Diskursfähigkeit“ festzumachen, halte ich für reichlich überzogen, zumal eine andere Wortwahl nichts an den damit beschriebenen, tatsächlich vorhandenen Problemen ändert.

        Es scheint mir eher so, als verwendeten Leute, die die AfD sowieso von vornherein am liebsten in die rechtsradikale Ecke abschieben würden, solche Fehlgriffe äußerst dankbar (deswegen werden sie auch ständig außerhalb ihres Kontextes wiederholt), weil konkrete programmatische Inhalte ihrer Wunschvorstellung nicht hinreichend gerecht werden.

        Übrigens habe ich mich mit keiner Silbe gegen die Freischaltung von Kommentaren Andersdenkender gewendet – erstens ist das Ihre Sache und zweitens ist das doch der Sinn der Sache bei politischen Blogs, oder? Im Gegenteil: Anderen aus an den Haaren herbeigezogenen Gründen mal eben locker die „Diskursfähigkeit“ abzusprechen, provoziert ja gerade die Retourkutsche. Denn damit betreten wir gefährliches Terrain. Ich verweise nur auf die Übergriffe bei der Bundestagswahl, die man als direkte Folge solcher Art der „Auseinandersetzung“ ansehen kann. Was passiert, wenn Parteien einmal erfolgreich in diese Schublade hineingesteckt wurden, kann man auch am geduldeten bis geförderten Umgang mit nicht verbotenen Rechtsparteien bewundern (Versagung der Rechte auf Demonstrationsfreiheit, Meinungsfreiheit, Vertragsfreiheit, soziale Ächtung von Mitgliedern etc).

    • Sehr geehrter Herr Hartlieb,
      ein kluger und beachtenswerter Gedanke! Ich würde dies für eine interessante intellektuelle Auseinandersetzung halten – jenseits der in jeder Hinsicht hochproblematischen Organisation AfD!
      Herzliche Grüße aus Bonn,

      Siebo M. H. Janssen

  4. Lieber Herr Dilger,
    sicherlich gibt es strukturkonservative Vertreter in SPD/CDU-CSU/FDP/Linken und Grünen und in mancher hinsicht – bei der Verteidigung der Grundrechte oder des Sozialstaats bin auch ich ein Konservativer – im Sinne von Bewahrender…nur wenn Sie schreiben, dass diejenigen wie der AfD die die „Systemfrage“ stellen nicht konservativ sind, was sind diese denn dann? Revolutionär? Reaktionär? Für revolutionär fehlt meiner Ansicht der in Frage stellende Impetus – reaktionär träfe es besser – allerdings haben Reaktionäre mit Denkern wie de Maistre und de Bonald durchaus kluge und scharfsinnige Denker – als Antwort auf die französische Revolution – gehabt. Beim AfD finde ich nur allgemeine Ressentiments und einen Glauben an den demagogischen Populismus der wirkliche Reaktionäre wie de Maistre und de Bonald erschauern liesse…Davon abgesehen, ist doch die entscheidende Frage ob es nach 1933 noch eine berechtigte Idee, Vision von Konservativismus geben kann – ich halte dies aus historischen Gründen für ausgeschlossen – würde aber einem Konservatismus wie ihn Georg Quabbe in seiner 1927 erschienenen Schrift „Tar aRi“ (aus dem Gälischen: „Oh König komme“) skizziert hat durchaus als Bereicherung empfinden: liberal-konservativ, verankert in der Republik, pro-europäisch und für eine Aussöhnung mit Frankreich (im AfD tummeln sich zahlreiche Personen mit antifranzösischen Ressentiments…) und gemäßigt pazifistisch…ein kluger Mann dessen Missachtung durch Hugenberg und Co den Untergang des Konservatismus wesentlich heraufbeschworen hat und eine Neuformierung nach 1945 verhindert hat! Ich finde wir sollten den Konservatismus in Geschichte und Gegenwart einmal in Ruhe diskutieren…ich habe meine Dissertation über diese Frage geschrieben und forsche und lehre auch zu den verschiedenen Spielarten des Konservatismus in Vergangenheit und Gegenwart! Meine e-mail Adresse können Sie dem Eingabeformular entnehmen!

    Herzliche Grüße,

    Siebo M. H. Janssen

    • Sehr geehrter Herr Janssen,

      es ist ja nicht so, dass im Zeitalter des Materialismus und der damit einhergehenden Armut an fundierter Ideologie und Religion nur konservative Strömungen und Parteien darunter leiden würden, sich auszurichten.

      Sämtliche Parteien mit Ausnahme der Die Linke sind ideologisch abgeflacht, auch die SPD. Die SPD definierte sich als demokratische Arbeiterpartei, die sich für die Belange schlecht bezahlter Arbeiter einsetzte und ihr das nötige Gehör verschaffte. Die Wählerschaften aus dem Arbeitermillieu sind vorrangig tariflich gebunden und stehen recht gut materiell versorgt dar. Viele SPD-Wähler haben familiäre Wurzeln aus dem Arbeitermillieu, sind aber selbst schon längst gut versorgte Akademiker. Aus dem Niedriglohnsektor gehen jedoch vor allen Dingen Nichtwähler und viele Ausländer ohne Wahlrecht hervor. Die SPD versucht diese zwar einzubeziehen, aber man kann schlecht behaupten, dass die SPD von Niedriglöhnern getragen würde; zumal die SPD bei der Schaffung dieses Sektors erheblich beigetragen hat und die Kostenlasten der rot-grünen Öko-Initiativen vor allen Dingen Geringverdiener und Familien betreffen. Jeder Öko-Quatsch, von den Abgasnormen über die Feinstaubnormen, EEG bis hin zu den Gebäudesanierungen treffen überproportional die Ärmeren dieser Gesellschaft. Die SPD hat sich von einer Proletarier-Partei in eine Wohlstands-Partei gewandelt und steht ideologisch gesehen inzwischen auch nackt dar. Die Funktionsträger betreiben eigentlich auch nur noch das Spielchen: „Ein bisschen Öko, ein bisschen Sozial und ein bisschen davon, ein bisschen hiervon, pp.“ und das ganze garniert mit viel Rhetorik und pseudo-moralischem Geschwätz.

      Die CDU flachte unter Kohl ab, weil sich der Wertekonservatismus in ein „Weiter so“ wandelte. Es gab ja in der CDU auch verschiedene ideologische Flügel von christlich-konservativ, sozial-konservativ, national-konservativ, pp. Einige Vertreter der Flügel wurden durch Lügen unglaubwürdig ( Blüm und Arbeitnehmerflügel, der lügende Generalsekretär [ Ich komme jetzt leider nicht auf seinen Namen ] ), einige Flügel wurden aufgegeben und die überwiegenden Funktionsträger gehörten schließlich gar keinem Flügel an, sie waren „pragmatisch“.

      Die FDP versucht noch wirtschaftsliberal zu erscheinen, ist aber eine hoffnungslose und offenkundige Lobbyisten-Partei.

      Eine konservativ-liberale Partei wäre keine, weil nicht klar ist, für welche Ideologie sie Partei ergreift. Man muss dem Wähler ja schon sagen, welche Werte bewahrt sein sollen. Auch eine liberale Partei ist nicht frei von Werten, sonst ist so eine Partei beliebig ( beschönigend: pragmatisch ). Auch eine Partei, bzw. deren Fuktionsträger müssen schon klar sagen, wofür sie stehen.

      Die AfD leidet unter der schlechten Parteiführung des Vorstandes. Lucke selbst hat sich auf die Ideologiefreiheit festgelegt, weil Ideologie und Vernunft nicht zusammenpassen würden. Das ist zwar dummes Zeug. Vernunft im wertefreien Raum gibt es nun einmal nicht. Aber so erklärt sich die Sprunghaftigkeit von Lucke, der wohl auch mal für direkte Demokratie steht, jetzt aber nicht einmal liberal sein will. Er wettert gegen alles mögliche, aber irgendwie weiß man nicht, wofür er positiv steht.

      Ich glaube immer noch, dass der große gemeinsame Nenner der Liberalismus in seiner gesamten Breite ist, angefangen von Sozialliberalen, über Wirtschaftsliberalen, über Christliberalen bis hin zu den Nationalliberalen. Liberalismus im Sinne der freiheitlichen Grundordnung, wie sie auch im Grundgesetz elementar definiert, und im Sinne des gelebten Pluralismus, also dem Respekt und Achtung gegenüber anderen Meinungen. Wenn sich also die Mitglieder dazu aufraffen würden, sich nicht wegen unterschiedlicher Meinungen, soweit sich diese eben mit der freiheitlichen Grundordnung vertragen, zu beschimpfen oder zu mobben, sondern die Diskussion suchen und Ergebnisse der Entscheidungen vollumfänglich akzeptieren würden, dann wäre ein großer Schritt nach vorne getan. Die Partei wäre als ideologisch deutlich erkennbare Partei gut aufgestellt.

      MfG Reinhard Wilhelm

      • Eine konservativ-liberale Partei halte ich durchaus für möglich und sinnvoll, weil die Bundesrepublik Deutschland eine erfolgreiche liberale Demokratie ist. Der Konservative will deshalb die vorhandenen liberalen Elemente bewahren, die der Liberale ohnehin anstrebt. Differenzen gibt es höchstens da, wo der Liberale zusätzliche Freiheiten schaffen oder bestehende Unfreiheiten abbauen will.

        Dagegen erscheint mir Ihr Liberalismusverständnis zu weit und unscharf. Wie liberal sind z. B. heute Nationalliberale, wo treten sie für individuelle Freiheit ein? Dass man andere Meinungen respektieren und seriös miteinander diskutieren sollte, gilt doch eigentlich für alle Demokraten über Parteigrenzen hinweg. Dass jedoch ein Teil der AfD-Mitglieder dazu nicht einmal innerhalb der eigenen Partei in der Lage ist, zeigt die Notwendigkeit einer klaren Abgrenzung, auch wenn Sie mich deshalb für verbohrt halten.

      • Dass die Nationalliberalen für die individuelle Freiheit stehen, ist eigentlich seit der Paulskirchen-Verfassung bekannt. Die Grundrechte im Grundgesetz haben ihre historischen Wurzel in dieser Paulskirchen-Verfassung. Problematischer ist leider, dass etliche Nationaliberale das „liberal“ vergessen haben. Aber das passiert leider überall, dass Ideologen einen Teil ihres Wertekatalogs vergessen, weil es sich als pragmatischer erweist. Deshalb ist aber die Ideologie nicht falsch…

      • Nationalliberal war in Deutschland vor 1871 eine verständliche Position. Man war für individuelle Freiheit und nationale Einheit. Was ist aber die nationale Forderung seither? Heute könnte man es vielleicht wieder als Verteidigung der Nation vor einem Eurosuperstaat interpretieren, aber ist das wirklich gemeint und was war zwischenzeitlich?

      • Zu den Zeiten der Paulskirchenverfassung bestand ein Bedürfnis die kleindeutschen Staaten zu vereinigen und ein souveränes Deutschland zu gründen. Dieser Bereich hat keine Aktualität. Hier ist allerdings durchaus nicht unwesentlich, dass die National-Liberalen in dieser Verfassung sogar vorsahen, die Ländereien, die nichtdeutsch sind, gar nicht in den neuen Staat aufzunehmen. Das war u.a. ein Grund, warum sich diese Verfassung nicht durchsetzen konnte, denn die Monarchie wollte die Macht in Bezug auf diese fremden Gebiete nicht aufgeben. Diese auf Einheit und Freiheit gerichtete Bewegung war also nicht die geistige Wurzel für den nachfolgenden monarchischen Nationalismus unter Kaiser Wilhelm II oder Adolf Hitler.

        Leider sind viele Burschenschaftler, Corps und andere Studentenverbindungen später auf den rein nationalistischen Zug aufgesprungen und haben sich in die europäische Urkatastrophe, dem ersten Weltkrieg, hineinreißen lassen.

        Allerdings haben sich nach dem zweiten Weltkrieg viele Nationalliberalen wieder auf die burschenschaftlichen Wurzeln zurück besonnen. Insbesondere unter den heutigen Burschenschaften finden sich die zwei Ausrichtungen wieder, nämlich die Burschenschaften, die sich nicht nur national gebunden fühlen, sondern eben auch sehr stark gegenüber den liberalen Werten verpflichtet fühlen und wirklich ordentliche Burschenschaften sind. Es gibt leider auch die Burschenschaften, die schon den Eindruck erwecken, dass Sympathien für das Dritte Reich gegeben sind und chauvinistisches Gedankengut gegeben ist.

        In der heutigen Zeit kann nicht mehr das Augenmerk auf eine politische deutsche Einheit liegen. Kein deutsches Volk wird wirklich unterdrückt. Die deutschen Völker sind frei in der Schweiz, Österreich Deutschland und Italien. Kriegs- und Frondienste gibt es nicht mehr. Jeder Deutsche kann seine Kultur leben, wenn er noch eine hat.

        Die Frage ist also, wofür das Nationale im Nationalliberalismus in heutiger Zeit stehen könnte:

        „Als inklusiver Nationalismus wird ein moderater Patriotismus bezeichnet, der auf eine Integration aller Teilgruppen einer Gesellschaft, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung und ihrer kulturellen Identität zielt. Er will sich für die Werte und Symbole seiner Nation einsetzen und billigt dies auch anderen Nationen zu.“ ( Wikipedia )

        Ich würde es allerdings um folgende Punkte ergänzen wollen:

        Das „national“ im „nationalliberalen“ ist ein klares Bekenntnis gegen die lobbyistische Politik und ein klares und unzweideutig formuliertes Bekenntnis zum deutschen Staatsvolk.

        Es gibt ein (staats-)völkisches Interesse, wozu ich ein Interesse am inneren und äußeren Frieden, an der Volksgesundheit und an der Volksbildung zähle.

        Wichtig in dem Zusammenhang ist, dass es nicht um ein rassisch-völkisches Verständnis geht, was ohnehin Unfug wäre, sondern um ein rein staatsbürgerlich-völkisches Verständnis ( also Deckungsgleich zur Definition des „Volkes“ im Grundgesetz zur Art. 20 Abs. 2 S. 1 GG „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ ) geht.

        Die nationalliberale Politik soll das deutsche Staatsvolk in seiner Gesamtheit zum Gegenstand und im Fokus haben. Plakativ formuliert: Die Politik soll um das deutsche Staatsvolk tanzen und nicht um goldene Kälber.

        Ich sehe im Nationalliberalen einen Gegenpool zu der gegenwärtigen Industriepolitik, dem Lobbyismus und der Kommerzialisierung von Allgemeingütern.

        Alles, was in den letzten Jahren an Rettungspaketen, Umweltpaketen, pp. , verabschiedet worden ist, war zu allererst industriepolitisch motiviert. Auch die EU dient zu allererst der Industrie. Sie sichert billige Arbeitkräfte, Investitionssicherheit ( die Ausfallrisiken tragen die Staaten), große Absatzmärkte, direkten Einfluss durch institutionalisierten Lobbyismus. Die Vorzüge wie Reisefreiheit gab es schon in der EG, Städtepartnerschaften. Die Niederlassungsfreiheit ist belanglos im Verhältnis zu den krassen Wohlstandsverlusten, die sich durch die Niedriglöhne, Kriminalität, Staatsabgabenquote und Folgekosten für den Bürger ergeben ( EEG, Fahrzeug-Neuanschaffungskosten wegen EURO-Klassifizierungen oder Feinstaubplaketten, hohe Wasserverbrauchskosten, pp. ). Der Bürger wird immer mehr zum Konsumenten, eine moderne Form des dummen und ungebildeten Untertans, degradiert.

        Im Gegensatz zu den Sozialisten sehe ich die Lösungsansätze nicht in der Umverteilungspolitik. Es darf nicht um das „Haben“ alleine gehen, sondern es muss um ein starkes „Erwerben können“ gehen. Meine Vorstellung von Nationalliberalismus ist daher, Bürger heranzubilden, der aufgrund von Bildung, Gesundheit und Tugenden stark genug und mündig ist, sein Auskommen zu erwirtschaften. Er soll nicht aufgrund von Wohlgefallen des Staates Geld verdienen und erst recht nicht mit mehr oder weniger unnützer oder ungewünschter Tätigkeit, die kaum einer braucht oder will, aber die jeder kraft Gesetz erkaufen muss. Er soll nicht in seinem Wohlstand gefährdet werden, weil der Staat Billionen-Transfers vornimmt, die letztlich nur den Renditeinteressen der globalen Großkapitalisten hinter den Industrien nützen. Der Bürger soll faire Rahmenbedingungen vorfinden, die es ihm ermöglichen, bei vernünftiger und mündiger Lebensführung sein Einkommen und Wohlstand zu erwirtschaften. Die Aufgabe des Staates ist es, sich um solche Rahmenbedingungen zu kümmern.

      • Ihre Vorstellung von Nationalliberalismus halte ich für recht vernünftig, aber eigentlich schon im Liberalismus selbst enthalten, der dem Staat entsprechende Aufgaben zuweist (siehe ‚Freiheit und Staat aus liberaler Sicht‘). Dezidiert national ist daran nichts, zumindest solange der Nationalstaat nicht in Gefahr ist wie jetzt vielleicht durch Träume von einem Eurosuperstaat.

    • Wer in einem halbwegs funktionierenden und bewährten System die Systemfrage stellt (und nicht die Frage nach dem Erhalt des Systems), ist nach meinem Begriffsverständnis definitiv nicht konservativ, sondern entweder reaktionär bis rechtsextrem (bzw. linksextrem) oder ein sogenannter Wutbürger ohne klare Ideologie.

      Nach 1933 ist ein Konservatismus in Bezug auf die deutsche Gesellschaft davor in der Tat wohl ausgeschlossen. Der Nationalsozialismus war auch in dieser Hinsicht total zerstörend. Das schließt aber nicht aus, hinsichtlich der Bundesrepublik Deutschland danach konservativ zu sein, worauf dann die von Ihnen genannten Eigenschaften zutreffen: „liberal-konservativ, verankert in der Republik, pro-europäisch und für eine Aussöhnung mit Frankreich […] und gemäßigt pazifistisch…“

      Wenn Sie Ihre Dissertation darüber geschrieben haben, kennen Sie sich in der Thematik viel besser aus als ich. Im Grunde skizziere ich hier eine Idee von Konservatismus, während echte Konservative weniger Ideengebäude bauen und sich mehr auf konkrete Traditionen und Personen beziehen. Mich interessiert dabei aus naheliegenden Gründen eher der Konservatismus der Gegenwart und ggf. Zukunft als seine lange und oft, aber nicht immer ehrwürdige Geschichte.

      • Lieber Herr Dilger,
        haben Sie Dank für Ihre ausführlichen Antworten! Ich möchte kurz auf einen Punkt eingehen den Sie konkret genannt haben: die gegenwärtige Situation des Konservatismus. Wenn man sich die britischen Tories anschaut, so kann man dort drei wesentliche Strömungen entdecken: die nationalkonservative Richtung die sich stark an die UKIP anlehnt, die mainstream Gruppe um Premierminister Cameron und einen liberalen-pro-europäischen Flügel um Ken Clarke, John Major und Michael Heseltine. Letztere Strömung erscheint mir ein interessanter Ansatzpunkt für eine mögliche ähnliche Partei in Deutschland – wirtschafts- und fiskalpolitisch eher liberal-konservativ, gesellschaftspolitisch eher liberal und außenpolitisch skeptisch gegenüber Interventionen außerhalb der UN (John Major hat zB 2003 im Unterhaus als Abgeordneter gegen den Irakkrieg gestimmt!) und für einen Verbleib Großbritanniens in der EU. In vielen Punkten stimmt der liberalere Flügel der Tories mit den LibDems überein, die sich aber wiederherum deutlich von Labour in der Finanz- und Wirtschaftspolitik unterscheiden! Interessant wäre zu untersuchen ob eine solch konservativ-liberale Partei eine Chance in Deutschland hätte – wie sie richtig geschrieben haben, haben FDP und CDU/CSU eine solche Position in den letzten Jahrzehnten immer mit vertreten – teilweise mit unschönen Auswüchsen – erinnert sei an manche Äußerung F.-J.-Strauss über Andersdenkende oder aber auch Roland Kochs rassistisch motivierte Kampagne gegen die doppelte Staatsangehörigkeit. Alles in allem aber immer im demokratischen politischen Spektrum! Und da fängt das Problem mit dem AfD an – und – ja, Sie haben Recht: ich sehe den AfD sehr skeptisch – anfänglich bin ich von einer one-issue-Partei ausgegangen die allerdings irgendwo zwischen Wolfgang Bosbach und Frank Schäffler steht und somit zwar mE politisch falsche Positionen vertritt, aber sicher kein Anlass wäre sich Sorge zu machen. Die Entwicklung hat leider zu einer Radikalisierung geführt und Lucke spielt sehr bewusst mit diesen Entwicklungen – einerseits weist er sie von sich, gleichzeitig btreibt er aber eine Politik und nimmt Äußerungen vor, die genau diese Entwicklung nach rechts unterstützen…Ich halte die ganze Entwicklung für hoch dramatisch und ich denke die Bewegung von Renner und Pretzelt Richtung Farage und die Aussagen der JA geben die Richtung vor, die die Partei gehen wird! Ich bin mir allerdings fast sicher, dass Altkonservative wie Gauland und Adam einen solchen Weg genauso wenig mitgehen werden wie Sie oder andere gemäßigte Vertreter…Ich wage jetzt mal eine Prognose: In zwei bis drei Jahren sind die Gemäßigten wie auch die Altkonservativen aus der Partei ausgetreten und übrigbleiben wird eine rechtspopulistische Partei die nicht nur gegen EU und Euro wettert, sondern auch gegen Flüchtlinge, Migranten, Moscheen, Homosexuelle und alle anderen die das sogenannte „gesunde Volksempfinden“ gerade in seinem Wutbürgermodus als für Deutschland „verderblich“ entdeckt hat…
        Übrigens wird zur Zeit eine sehr interessante Debatte in der niederländischen Christdemokratie (CDA) über die Zukunft der Partei geführt: christlich-sozial oder konservativ. Die Wurzeln sind ganz eindeutig christlich-sozial, allerdings hat sich seit Ende der 1990er Jahre und vor allem seit ca. 2000 eine deutlich konservative Wende durchgesetzt – Höhepunkt war die unsägliche „gedoogconstructie“ (geduldet) die CDA und VVD mit Wilders eingegangen sind und der dem rechtspopulistischen Nationalismus erstmals in den Niederlanden die Möglichkeit gab von 2010-2012 mitzuregieren. Die Zustimmung des CDA mit ca. 2/3 auf einem Parteitag hat die Partei tief gespalten und viele Vertreter des christlich-sozialen Flügels haben, sehr zu meinem Leidwesen, resigniert und der Partei den Rücken gekehrt. In den letzten Monaten beginnt nun, angestossen vom Wissenschaftlichen Institut des CDA wie auch aus der Parteiführung hinaus eine intensivere Debatte über die Zukunft der Christdemokratie in den Niederlanden und auf europäischer Ebene!
        Was ihre Einschätzung des „Systemumsturzes“ angeht gebe ich Ihnen völlig Recht: eine solche Partei ist reaktionär – was relativ harmlos wäre – oder rechtsradikal (was sehr gefährlich wäre!).

        Herzliche Grüße,

        Siebo M. H. Janssen
        Bonn
        Politikwissenschaftler/Historiker

  5. Pingback: Was bedeutet konservativ heute? | FreieWelt.net

  6. Sehr geehrter Herr Janssen,

    ich glaube, es sind folgende drei neuralgischen Bereiche, die konservativ denkenden Menschen heutzutage Anlass zum Ärger und zur Frustration bieten:

    Geschichte: Das Denken und Argumentieren wird in den Augen der meisten Konservativen zu sehr auf die dunkeln Jahre Deutschlands verengt bzw. davon abhängig gemacht. Ein vom Dritten Reich losgelöstes Interesse für die deutsche, aber auch Teile der abendländischen Kultur-(Geschichte) stößt oft auf Ablehnung.
    Man schaue in die neuen Schulbücher: Hier wird vor allem im Bereich Geschichte/ Kunst/ Literatur „entrümpelt“, wie es abfällig heißt. Identitätsstiftende Inhalte schrumpfen zusammen. Das ist kein Zufall und hat auch nicht nur etwas mit der gewünschten stärkeren Gewichtung der MINT-Fächer zu tun.
    Im Theater geht man so weit, z.B. den Zigeunerbaron mit veränderten Texten zu unterlegen oder einfach aus dem Repertoire zu streichen.

    Patriotismus: Ein natürlicher, gesunder (und evolutiv begründbarer) Patriotismus ist in Deutschland politisch nicht mehr erwünscht. Selbst harmlose Deutschland-Fähnchen werden von unseren Neo-Jakobinern in den Feuilletons als pfui-bah gewertet. Irgendjemand machte sogar den Vorschlag, der deutschen Nationalhymne eine türkische Strophe anzufügen. Inzwischen fühlen sich viele Menschen dazu gedrängt, die eigenen kulturellen und vor die nationalen Wurzeln verkümmern zu lassen, während Migranten selbst dort mit Verständnis begegnet werden soll, wo bestimmte Gepflogenheiten mit unserem Grundgesetz in Konflikt geraten. Während islamische Traditionen oft als kulturelle „Bereicherung“ verbrämt werden, sieht sich ein bekennender Christ sofort am Pranger, wenn er sich weigert, einen Embryo als Zellhaufen zu betrachten. Was man bei einem anderen Kulturkreis stillschweigend durchwinkt, gilt beim eigenen als skandalös. Zwangsbeschneidung, Zwangsverpaarung, Zwangsverhüllung : Unsere Toleranz ist gefordert. Christliches Familienbild: Alter Mief, muss auf jeden Fall bekämpft werden. Sarrazin hat diesen Nerv getroffen . Er ist aber nicht, wie immer behauptet wird, der Urheber rassistischer Empfindungen in der Bevölkerung, sondern die logische Folge einer fehlgeschlagenen Politik, die die Menschen spüren, der sie sich wehrlos ausgeliefert sehen.
    Die AfD wurde nicht mit diesem Thema gegründet, aber es keimte wohl schnell bei vielen Leuten die Hoffnung auf, dass sie auch hier eine Alternative böte. Ich glaube, diese Hoffnung wäre viel schneller wieder vom Tisch gewesen, wenn die Medien ihr nicht ständig neue Nahrung gegeben hätten. Ein geschickter Schachzug, um von dem abzulenken, was die Regierung am wenigsten gebrauchen konnte: Eurokritiker.

    Die 68 angestoßenen Änderungen des gesellschaftlichen Lebens entwickelten sich keineswegs im Konsens mit der bürgerlichen Mehrheit, denn das Kind war damals mit dem Bade ausgeschüttet worden. Die Lehrstellen der entsorgten Werte wurden nicht angemessen gefüllt – Hauptsache, das Althergebrachte kam auf den Müll. Eine Vielzahl gesellschaftlicher Probleme ist in den Augen der Konservativen auf dieses Werte-Vakuum bzw. auf die neue Beliebigkeit zurückzuführen. Hinzu kommt, dass die CDU diesem Denken und den damit verbundenen Befürchtungen und Emotionen keine Heimat mehr bietet. Die Bosbachs der Partei dürfen nur ein bisschen talken, aber nichts bewirken.

    Schön, dass Sie den Vorschlag von Herrn Hartlieb vom 03/04/2014 um 00:42 aufgreifen (der mir sehr entgegenkommt): So könnte man neue, sinnvolle Wege gehen, die es auch ermöglichen, die neue Partei dem Stammtischniveau bzw. Populismus zu entheben. Was jedoch nicht heißen darf, dass man sich, wie es in Berlin und Brüssel üblich ist- im Elfenbeinturm verschanzt. Gute Politik macht bestimmte Stammtischtiraden überflüssig, aber sie ignoriert sie nicht..

    • Sehr geehrte Frau N.,
      ich würde Ihnen gerne umfassend auf Ihren Beitrag antworten – müsste Sie aber bitten mir bis Ende nächster Woche Zeit einzuräumen, da ich mich die nächsten Tage auf einer Konferenz zur Zukunft Europas befinde und dort als Referent auftrete. Ich würde mich freuen wenn wir den Diskurs fortsetzen könnten, da ich wesentliche Punkte doch anders als Sie sehe, ich die Auseinandersetzung über die zukünftige Rolle Deutschlands in Europa und der Welt außerordentlich wichtig finde!
      Mit besten Grüßen aus Bonn,

      Siebo M. H. Janssen

      • Sehr geehrter Herr Janssen,

        herzlichen Dank für die Rückmeldung. Biodeutsch, aber fest mit einem arabischen Clan verbandelt, bin ich absolut nicht in der Weise festgezurrt, wie Sie vermutlich denken:-)
        Im Gegenteil, ich finde es wichtig, dass man ins Gespräch kommt, denn die ziemlich undifferenzierte und meist ausschließlich negativ konnotierte Definition der Begriffe „rechts“ und „konservativ“, die mittlerweile immer selbstverständlicher durch den öffentlichen Raum geistert, bewirkt nichts Gutes. Überhaupt mag ich das alte Schubladendenken nicht, und ich setze meine Hoffnung nach wie vor auf eine Partei, der es erstmalig gelingen könnte, sich davon zu befreien. Deshalb wurmen mich auch die sich gerade ausweitenden Richtungskämpfe, die dem entgegenstehen.

        Ihnen schreiben kann ich allerdings, wenn es nächste Woche nicht geht, erst nach Ostern wieder.

        Beste Grüße

        Gela Noack

  7. Pingback: Illiberale in der AfD | Alexander Dilger

  8. Es ist die Frage, wie ein Diskurs über Konservativismus, geführt werden soll. Die tiefgründige und differenzierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema ist in einer intellektuell hochkarätig besetzten Partei sehr gut möglich und für die Weichenstellung auch notwendig. Sich mit der Geschichte und regionalen Verschiedenheiten der konservativen Geisteshaltung zu beschäftigen ist dabei die eine Sache, hinzuschauen, wie sich die Situation ganz konkret im Alltag der Bürger darstellt, die andere. Letztere gilt es zu analysieren -nüchtern, sachlich, umfassend, ohne Voreingenommenheit, ohne erhobenen Zeigefinger.

    Die etablierten Parteien führen diese Diskussion nicht oder nur in kleinen Zirkeln. Die ehemals konservative Volkspartei CDU hat sich im stetigen Schielen auf Mehrheiten von alten Grundsätzen verabschiedet; sie setzt auf Aerodynamik. Der Berliner Kreis wirkt wie eine Alibiveranstaltung. Weit rechts findet man einige Kleinparteien, die aufgrund ihrer tatsächlich radikalen Ausrichtung jedoch nur von wenigen Bürgern akzeptiert werden.

    Bereits in der Mitte der CDU beginnt eine große Strömung, die sich bis an den linken Rand fortsetzt. Sie setzt sich scharf gegen alles irgendwie Konservative ab. Dabei verschwimmen mehr und mehr die Begrifflichkeiten. Konservativ wird vielfach schlicht mit reaktionär und rechts gleichgesetzt, rechts mit extremem Gedankengut konnotiert. Die relativ junge Vokabel „wertekonservativ“ ist eine der wenigen Möglichkeiten gesellschaftlich akzeptierter Unterscheidbarkeit von der Schmuddelecke des „Strukturkonservativismus“.

    Strukturkonservativismus wird als Weltanschauung definiert, die Herrschaftsstrukturen erhalten und vor Angriffen schützen möchte: die ungleiche Verteilung von Macht, Geist und materiellen Gütern, die Einteilung der Gesellschaft in Klassen mit unterschiedlichen Aufgaben, die Ablehnung fremder Einflüsse und Bewahrung der eigenen Traditionen, die Wahrung der der nationalen Identität, die Wertschätzung der Familie und der Mutterrolle der Frau, die Anerkennung einer göttlichen Ordnung. In Verbindung zum Dritten Reich gesetzt, gewinnt der so definierte Konservativismus ein Bedrohungspotenzial, dem man im öffentlich ausgerufenen Kampf gegen Rechts begegnet, an dessen linkem Rand die Parole „Nie wieder Deutschland“ ausgegeben wird. Aber auch von Seiten der „Neuen Humanisten“ kommen Angriffe. Sie setzen vor allem dort an, wo religiöse Gebote menschlichen Allmachtsphantasien im Weg stehen. Eine wieder andere Gruppe erwuchs der Frauenbewegung: die Gender- bzw. Queer-Ideologen, die auch maßgeblich für die sprachliche political correctness verantwortlich sind.

    Was dabei sowohl von Politikern, als auch von eifernden Journalisten und Soziologen ignoriert wird: Die reale Lebenswelt der Bürger im Deutschland des 21. Jahrhunderts lässt sich mit solch abstrakten, theoretischen und viel zu starren Konstrukten nicht fassen. Zudem fehlt der Blick auf die psychisch-emotionalen Komponenten. Menschen sind keine von der Evolution abgekoppelten Wesen, in denen keinerlei Verhaltensrelikte aus der Stammesgeschichte mehr zu finden sind. Aus diesem Grund lassen sich Menschen auch nicht einfach globalisieren bzw. aus ihrem gewohnten Schutz- und Identifikationsraum reißen. Viele Bürger wehren sich aber auch ganz einfach dagegen, dass man ihnen vorschreibt, wie sie zu denken und zu formulieren haben.

    Man müsste ein dickes Buch schreiben, wenn man das alles einzeln und in den heute beobachtbaren Zusammenhängen aufarbeiten wollte. Ich greife den Punkt, um den sich derzeit besonders viele Diskussionen ranken und der auch Prof. Lucke in den verschiedenen Talkshows immer wieder aufgedrängt wird, heraus: die vermeintlich xenophobe Ausrichtung der AfD, gleichgesetzt mit konservativ = erzkonservativ. Unsinn.

    Die wesentliche Grundfrage ist: Wie stellen wir uns die Zukunft Deutschlands vor? Soll es dieses Land überhaupt noch geben? Hier sticht die AfD damit, dass sie sich einem europäischen Großstaat in den Weg stellt, in ein Wespennest. In der großen Fraktion der Europa-Fans tummeln sich verschiedene Untergruppen, so z.B. die Vertreter der „Nie-wieder-Deutschland-Fraktion“, darunter wiederum europabesoffene Konvertierer, aber auch regelrechte Deutschlandhasser, die aufgrund der hässlichen Geschichte des Landes im letzten Jahrhundert Deutschland von der Landkarte streichen bzw. im Zuge der Europäisierung auflösen wollen. Das geht bei etlichen so weit, dass ihnen alles recht ist, was dabei hilft. Muslime (deren Traditionen teilweise sogar unserem Grundgesetz entgegenstehen, die kaum Frauenrechte kennen und überhaupt vieles anders machen, als sonst von Grün-Links propagiert wird) werden regelrecht instrumentalisiert. Die massenhafte Einwanderung wird gefördert, incl. Doppelpass. Herrn Erdogan werden auf deutschem Boden riesige Wahlkampf-Arenen geboten, seine Funktionären dürfen immer wieder fordern, wo man selbst –im umgekehrten Fall- allenfalls vorsichtig bitten würde. Ich bin so frei und gebe hier einmal das weiter, was mir ein modern (aufgeklärt denkender) arabischer Arzt neulich sagte: „Wir werden von Deutschlandhassern missbraucht! Es geht im Kern nicht um uns, um die Toleranz des Andersartigen, sondern darum, alles Deutsche zu entsorgen. Man gibt uns den Boden, den man selbst nicht mehr durchwurzeln möchte.“ Starker Tobak. Aber wer will ihn hören? Wer hört Buschkowski, Nekla Kelek, Hamed Abdel Samad, Seyran Ates: Man lässt es zu, das sie bedroht werden. Man wimmelt ab. Man will das alles nicht wissen.

    Wer diese Situation kritisiert, macht sich verdächtig. Ich mache mich auch verdächtig, wenn ich mir herausnehme, das Elend eines afrikanischen Flüchtlings, um dessen öl- und gasfreie Heimat sich der Westen herzlich wenig bemüht, anderes zu werten, als die dreisten Forderungen gewisser Ditib-oder Sonstwas- Funktionäre gegenüber der deutschen Politik. Ich finde es richtig, syrischen Familien aufzunehmen und nach Kräften zu unterstützen, aber „Importbräuten“ den Weg ins Land zu erschweren. Ich erlaube es mir als Christin, der selbstverständlichen Toleranz gegenüber einer Türkin, die ihre Kinder nicht in die Kita gibt, das Recht einer deutschen jungen Mutter an die Seite zu stellen, ebenfalls nicht verhöhnt zu werden, wenn sie erst einmal bei ihren Kleinen zu Haue bleiben möchte. Ich finde es unerträglich, dass eine der weltweit besten Verfassungen von deutschen Richtern durch Scharia-kompatible Urteile aufgeweicht wird. Ich koche den Muslimen in meiner Familie selbstverständlich (und lecker) schweinefleischfrei, aber ich möchte mich im eigenen Land nicht verunglimpfen lassen, wenn ich ein Kotelett esse. Ich werde ärgerlich, wenn ich in Duisburg-Hochfeld nach dem Weg zu einem bestimmten Krankenhaus frage, aber niemand mir in meiner Sprache Auskunft geben kann. Ich genieße die schönen Abende bei meinem arabischen Familien-Anhang und betrachte sie als wahre kulturelle Bereicherung, aber ich finde es unerträglich, wenn deutsche St-Martinszüge in Laternenfeste umbenannt werden.

    Meiner Meinung nach hat die Politik in den vergangenen Jahrzehnten auf ganzer Linie versagt. Die einheimische Bevölkerung sieht sich einem großen, immer mehr anwachsendem Strom von Einwanderern mit einer sehr andersartigen Kultur, bei der die Religion in alle Winkel des täglichen Lebens diffundiert, die keiner Aufklärung unterzogen wurde, gegenüber. Den Deutschen wird dabei suggeriert, dass sie selbst schuld seien, wenn es mit der Integration nicht klappt. Eine Willkommenskultur fehle. Umgekehrt wird ihnen eingebleut, dass deutsche Vaterlandsliebe dumpfe Tümelei sei und aus einer rechtsradikalen Gesinnung resultiere. Den Traditionen der einen Gruppe ist mit Toleranz und Respekt zu begegnen, die eigenen sollen sich bereichern lassen oder einfach auflösen. Die Politik misst mit zweierlei Maß – das ist es, was viele Bürger so wütend macht. Gespräche darüber wurden in die Wohnzimmer und an die Stammtische verbannt, öffentlich darüber zu reden, macht sich nicht gut. Die Leute fühlen sich unverstanden und ohnmächtig.

    Somit provoziert die Politik genau das, was sie doch eigentlich verhindern will: eine brodelnde Brühe in einem Kessel, die ein Ventil sucht. Wir können von Glück reden, dass noch keine charismatische (Führer-)Figur aufgetaucht ist!

    Wie soll sich die AfD dem Teil ihrer Anhänger gegenüber verhalten, die das Thema Migration besonders gewichten und nun auf z.B. Herrn Renner setzen? Wie kann sie herausfinden, wo jeweils die Grenze verläuft zwischen dumpfen Ressentiments gegen alles Fremde und berechtigter differenzierter Kritik gegenüber einer oktroyierten Entwicklung, die man durchaus nicht einfach hinzunehmen braucht? Ich glaube, das man hier auf Prof. Lucke vertrauen kann. Er weiß, dass der Weg zu suchen ist, der bereits mit Erfolg in anderen, nicht verdächtigen Staaten (–>Kanada) beschritten wurde. Ein Mehr wäre für mich nicht diskutabel. Ein Weniger aber auch.

    Eine schöne Osterwoche
    G.N.

    • Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, deutsches und christliches Brauchtum zu pflegen. Niemand sollte dazu gezwungen werden, doch es wäre zu viel der Rücksichtnahme, wegen Menschen mit anderer Nationalität, Religion oder auch nur Einstellung ganz darauf zu verzichten. Der geeignete Maßstab ist das Grundgesetz. Damit kann man gemäßigte und extreme Muslime differenzieren, aber auch Konservative und Rechtsradikale unterscheiden. Wer die Religionsfreiheit aufheben will, sei es für Christen, vom Glauben abfallende Muslime oder umgekehrt gläubige Muslime, steht definitiv nicht auf dem Boden des Grundgesetzes. Das kann keine für die AfD akzeptable Position sein. Wenn wir nur für die konsequente Anwendung des Grundgesetzes und der auf seiner Grundlage erlassenen Gesetze eintreten, unterscheidet sich die AfD positiv von allen übrigen Parteien, sowohl den etablierten als auch den rechtsradikalen. Bei Herrn Lucke persönlich habe ich keinerlei Zweifel, dass er diese Position teilt. Leider ist sein Kurs innerhalb der AfD etwas erratisch, mal will er Rechtsausleger integrieren und mal will er sie hart ausgrenzen. Vielleicht ist es aber auch nur ein Lernprozess seinerseits. Ich habe jedenfalls gelernt, dass die Integration von Personen, die nicht vollständig hinter dem Grundgesetz stehen, nicht möglich ist. Das gilt vermutlich nicht nur innerhalb der AfD, sondern für ganz Deutschland mit entsprechenden Konsequenzen für den Ausländerzuzug.

      • Konservatismus, egal welche Werte konkret bewahrt werden, ist m.E. Privatsache und als politisches Programm ungeeignet. Als politisches Programm läuft es darauf hinaus, dass man anderen das eigene Wertesystem auf das Auge drückt. Wie will man muslimische Bürger unter ein katholisches oder protestantisches, humanistisches, sozialistisches, liberales oder wertefreies Hut bringen oder jeweils in allen Spielarten umgekehrt ? War Konservatismus in der Nachkriegszeit oder davor noch halbwegs denkbar, Deutschland konservativ zu regieren, weil ganze Regionen und Millieus aufgrund der Macht der Kirchen und Gewerkschaften gleich geprägt waren und die Prägung relativ ähnlich ist. So ist die Sozialisierung heute viel komplexer und unterschiedlicher. Die Millieus haben sich zwischenzeitlich aufgelöst. Im übrigen hat das Grundgesetz die kulturelle Kompetenz auf die Länderebene verlegt, bzw. indirekt über die kommunale Selbstverwaltung auf die Kommunen.

        Eine konservative Partei könnte allenfalls überleben, wenn sich das konservative Element darauf beschränken würde, dass sich Personen mit der gleichen Ideologie zusammenfinden würden, zwecks Gestaltung einer gemeinsamen Politik. Das wäre aber aus verschiedenen Gründen kaum denkbar. Eine konservative Partei hat keine Zukunft.

        Eine konservativ-liberale Partei, die das liberale Element, z.B. die freiheitliche Grundordnung, bewahren will, ist keine konservative Partei, denn die Bewahlung des Liberalen gehört zum Selbstverständnis einer liberalen Partei. Ich halte es auch nicht für klug, die liberale Ausrichtung auf eine spezielle Ausrichtung zu begrenzen, denn der Liberalismus findet in seiner gesamten Breite kaum mehr Zuspruch als von 15 % der Bevölkerung und der Anteil geht aus verschiedenen Gründen weiter zurück.

        Ich persönlich empfehle Konservativen, sich den Liberalen anzuschließen und einfach die eigenen Werte auch politisch zu leben. Erforderlich ist dazu eigentlich nur, dass andere Werte im liberalen Spektrum zu respektieren und die freiheitliche Grundordnung ernst zu nehmen. Insbesondere sind klassische konservative Standpunkte wie Kriminalität oder Immigrant mit Respekt zu den Grundrechten und zur Rechtsstaatlichkeit zu formulieren. Man darf über alles Reden, aber mit dem erkennbaren Respekt gegenüber der freiheitlichen Grundordnung. Dazu gehört dann insbesondere der sachliche Stil und dem erkennbaren Versuch, die Themen umfassend zu behandeln.

        Populismus kann zu schnellen Erfolgen führen. Allerdings geht der Populismus zumeist mit fehlendem Tiefgang und einem Personenkult einher. Populismus ist keine echte Alternative zur ideologisch fundierten Politik.

        Es gibt in der AfD gut erkennbare Strömungen in Richtung Populismus; zumal Lucke dies mit seiner ideologiefreien Politik gerade zu herausfordert. M.E. sollte sich die AfD zur liberalen Partei erklären und den Liberalismus in seiner gesamten Breite mit Pluralismus leben und dazu Strukturen schaffen. Es muss damit einhergehend eine Strategie entwickelt werden, die Bedürfnisse in Bezug auf den Populismus mit einzubinden. Wahrscheinlich wird man den Bedürfnissen schon ganz gut gerecht, wenn die Themen plakativ dargestellt und vorgetragen werden. Die etablierten Parteien haben dazu eigentlich einen sog. Generalsekretär. Die CSU bedient sich allerdings davon abweichend dafür einem Parteivorsitzenden.

      • Viele Leute haben kein Problem damit, anderen Leuten ihre Werte aufs Auge drücken zu wollen. Dies ist sogar mit Demokratie vereinbar und entspricht nur nicht dem Liberalismus, der auf die individuelle Freiheit setzt einschließlich der Freiheit zu anderen Werten und aus eigener Sicht falschen Entscheidungen. Das Problem für eine konservative Partei könnte nur sein, dass es inzwischen zu viele Gruppen mit unterschiedlichen Werten und Traditionen gibt. Beim Ausgleich zwischen diesen hilft dann auch wieder der Liberalismus. Ein Generalsekretär wäre nicht schlecht, aber er löst natürlich nicht alle Probleme und muss vor allem loyal zum Vorsitzenden bzw. zu den Sprechern sein.

  9. http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/clans-in-deutschland-schaffen-sich-ihre-eigene-rechtsprechung-12880637.html

    http://www.faz.net/aktuell/politik/staat-und-recht/empoerung-ueber-urteil-kultureller-rabatt-fuer-ehrenmord-12863670.html

    Was ist nun schlimm? Das, was hier beschrieben wird? Oder die Kritik von Bürgern am Verhalten des Staates? Was bedeutet in solchen Zusammenhängen der Begriff Populismus, wenn ein Politiker sich der kritik anschließt? Vox populi, vox Rindvieh?

    WEIL die Politik die Dinge laufen lässt und zudem ignoriert, dass der demographische Faktor die Probleme verschärfen wird, wächst eine explosive Grundstimmung in Teilen der Bevölkerung. Die Verkaufszahlen gewisser Bücher zeigen dies. Es handelt sich um eine Reaktion auf das, was schief läuft und nicht um typisch deutscher Fremdenfeindlichkeit, wenngleich es diese sicher auch gibt. Doch so zu tun, als sei die halbe Republik rechtsextrem, wie manche Journalisten daraus schließen, ist Blödsinn. Ebensolcher Blödsinn ist die Auslegung des Begriffs „konservativ“ in diesem Sinne.

    Die AfD sollte sich auf die Euro(pa)-Thematik in besonderem Maße konzentrieren, aber sie hat auch die große Chance, einer ungute Entwicklung in der Gesellschaft entgegenzuwirken, indem sie klare, sachliche Formulierungen präsentiert, die nichts schüren, die dumpfe Ressentiments abwehren, die aber auch nichts ängstlich verwässern und weichspülen. Eine zweifelsfreie Ausrichtung am Grundgesetz und den in unserer Verfassung formulierten Grundrechten, die keine Ausnahmen und keine mildernden Umstände aufgrund kultureller bzw. religiöser Traditionen zulässt, sowie eine stärker kontrollierte Einwanderung würden hier den Leitfaden bieten. Einige gute Texte und Statements dazu gibt es ja auch schon. Hier könnten die Liberalen Prof.Lucke massiv bestärken, damit andere Geister keine Chance bekommen….Das auch zum Thema „Liberale in der AfD“.

    • Es zeichnet gute und demokratische Politik aus, die berechtigten Sorgen der Bürger aufzugreifen und vernünftige Lösungen anzubieten, statt diese Sorgen zu ignorieren oder sogar zu tabuisieren. Zugleich sollte man nicht überziehen und negative Stimmungen anheizen. Wenn Gesetze wieder für alle gelten, ist viel gewonnen. Außerdem ist eine bessere Zuwanderungs- und Intergrationspolitik nötig. Die AfD-Beschlüsse weisen da in die richtige Richtung, während die Pöbeleien insbesondere auf Facebook davon ablenken.

  10. Ich möchte noch einen weiteren Aspekt einbringen, der zur viel stärkeren Konkretisierung zwingt:

    Wenn unsere Verfassung jedem Menschen bestimmte Grundrechte verleiht, dann ist die Einwanderungs- und Integrationspolitik dort in der Bredouille, wo die Gewährung von Religionsfreiheit Widersprüche provoziert. Das führt zur Frage des Umgangs mit dem Islam als einer Religion, die in der Auslegung auch vieler in Deutschland lebender Traditionalisten und Aufklärungsverweigerer zumindest punktuell mit unseren Gesetzen nicht konform ist. Hier zu entscheiden ist oft eine Gratwanderung, und ich meine, dass sich die etablierten Parteien zu oft wegducken oder in wenig hilfreiche Floskeln („Der Islam gehört zu Deutschland“) flüchten, statt sich den ohne Zweifel existierenden und sich keineswegs einfach mit dem Doppelpass verlierenden Problemen zu stellen. Ein möglicher Lösungsweg, der vielleicht von der AfD eingeschlagen werden könnte, wäre dort zu suchen, wo man die Muslime ins Boot holen kann, die selbst unter den Bedrängnissen ihrer Religion leiden und sich durch die Verbände nicht vertreten fühlen.

    Es geht mir hier aber nicht um die Eindampfung aller kulturellen Eigenheiten. Ich bin allgemein ein Gegner jeder erzwungenen Gleichmacherei; das erfolgreiche Rezept der Evolution heißt Varietätenreichtum und nicht Einfältigkeit bzw. Einfalt. Das gilt für die genetische Evolution wie auch für die kulturelle, welche den Homo sapiens in besonderer Weise auszeichnet. Doch nicht alle Varietäten sind untereinander kompatibel, wenn sie im selben Raum aufeinandertreffen. Dieses Problem wird bei uns gerade deutlich. Die abendländisch-aufgeklärte Lebensweise (selbst wenn sie noch viele Merkmale ihres christlichen Ursprungs trägt) unterscheidet sich in ganz wesentlichen Punkten vom Islam, der gerade bei vielen zu uns kommenden Muslimen sehr traditionell gelebt wird. Das zu leugnen ist töricht.

    Wie hat man sich die weitere Entwicklung also vorzustellen? Soll jeweils die Mehrheit entscheiden? Dann muss man den demographische Faktor zur Kenntnis nehmen und seine wachsende Einflussnahme akzeptieren. Oder soll man jetzt schon – mit dem Hinweis auf die gesetzlich verankerte Freiheitlichkeit- ganz einfach Paralellgesellschaften zulassen, die, wie es manche Richter sehen, auch juristisch unterschiedlich zu behandeln sind? Oder soll man kategorisch sagen, kulturelle Eigenheiten können sich in verschiedenen geographischen Räumen selbstverständlich unbeschränkt ausleben; grundsätzlich jedoch haben sich Einwanderer an die Gepflogenheiten des Aufnahmelandes anzupassen – was in manchen Punkten Integration, in manchen aber auch Assimilation (sofern sie wirklich an deutschem Leben teilhaben wollen) bedeutet. Hier ist die aktuelle Politik viel zu schwammig und viel zu feige. Das beklagen übrigens auch diejenigen Einwanderer, die Deutschland tatsächlich als ihre neue Heimat betrachten möchten. Auf sie könnte die AfD auch als Unterstützer und Wähler zählen, wenn sie es richtig anstellt.

    Die Steuerung der Diskussion des Themas Einwanderung , das europaweit immer mehr an Bedeutung gewinnt, möchte ich deshalb auf keinen Fall Leuten überlassen, die selbst von tief sitzenden Ressentiments beherrscht werden. Die Gefahr, dass solche Leute die AfD für ihre Zwecke nutzen und damit der Partei die Chance nehmen, den Versäumnissen der Altparteien und gutmenschlichen Denkfehlern sinnvoll zu begegnen, ist durchaus gegeben. Jeder, der das auch so sieht, sollte also mithelfen, die AfD in der Spur zu halten. Daher auch meine langen Sermone hier.

    Aber nochmal: Das Hauptthema, wo sich ja auch die fachliche Kompetenz ballt (allerdings nicht gerade bei mir), ist die Euro-Politik.

  11. Letzter Teil:

    Ein weiteres Thema, dass mit konservativer Geisteshaltung verknüpft wird, ist die Familie.
    Sie wird heute gern als Produkt strukturkonservativen, reaktionären, fundamental religiösen Denkens betrachtet, wohingegen die Konstrukte der Gender- und Queerbewegung, die in Reinkultur sogar die Existenz eines genetisch verankerten Geschlechts leugnet, mit Befreiung und Fortschritt gleichgesetzt werden.( Allerdings legt man den Grad des Kritikwürdigen auch hier wieder unterschiedlich fest: Bei Vertretern des islamischen Kulturkreises ist man nachsichtiger, als wenn ein Christ, womöglich gar Katholik, sich zur herkömmlichen Familie bekennt. Ich finde das unredlich.)

    Man sollte sich davon frei machen, nur gut und richtig zu finden, was dem hierzulande wehenden Zeitgeist entspricht. Man sollte die Diskussion so facettenreich führen, wie sie es erfordert: Das heißt: Weder die biologischen Wurzeln des Menschen, noch die kulturellen Verschiedenheiten (auch über die Zeiten hinweg betrachtet), noch ideologische Motive für die heute angesagte Befreiung aus den herkömmlichen Strukturen sind dabei zu tabuisieren.
    Ich möchte darauf verzichten, tausend Studien an Land zu ziehen, die die eine oder die andere Sichtweise untermauern. Studien zu diesem Thema sind zu leicht manipulierbar, um als valide Grundlage herhalten zu können. Da behauptet heute der Soziologe A heute, kleine Kinder bräuchten nicht unbedingt einen Vater, Kinderpsychologe B schreibt morgen genau das Gegenteil. Soziologe A sagt, dass Kinder von homosexuellen Paaren keine Nachteile hätten, Kinderpsychologe B sagt, dass zu einer solchen Aussage die notwendigen Daten fehlten. Soziologe A sagt, Säuglinge würden in einer gut betreuten Kindertagesstätte nichts vermissen, Kinderpsychologe B warnt vor den Folgen einer früher Trennung von Mutter und Kind. Jeder Diskussionspartner wird sich also auf einen ihm genehmen Fachmann berufen können, was in der Sache nicht weiter hilft. Also bitte keine Studienschlacht.

    Fragen wir uns daher lieber: Wem dient welche Sicht der Dinge? Wer verfolgt welche Interessen?

    Ich beschränke mich im Folgenden auf den Kern meiner Ansicht der Sache, andere Betrachtungsweisen können ihre jeweiligen Vertreter sicher besser präsentieren.

    Menschen sind keine Sonderwesen, die keinerlei stammesgeschichtliche Wurzeln besitzen. Diese Aussage müsste mich hundertprozentig mit jedem Atheisten oder Liberalisten verbinden. Zweite Aussage: Menschen sind in der Lage, instinktiv angelegte Verhaltensmuster mit Hilfe ihres Verstandes zu kontrollieren. Auch okay? Gut. Dritte Aussage: Der menschliche Verstand ist nicht unfehlbar. Er unterliegt einem Geflecht von Erziehung, Traditionen, Erfahrungen, äußeren Einflüssen, ermöglicht aber auch eigenständige Gedanken und neue Wege.

    MEIN Verstand sagt mir Folgendes: Die kulturelle Evolution des Homo sapiens hat die genetische Evolution mit Riesenschritten überholt. Das führt leicht zur Annahme, man könne das Wirken der Gene vernachlässigen. Eine zweifelsfreie, messbare Wirkung der Gene sind jedoch bestimmte Hormon- und Transmitter-Coctails, wie auch die ontogenetische Entwicklung des Menschen in verschiedenen Stadien. Ein Menschenbaby ist auf intensive Pflege angewiesen, es bedarf unverbrüchlicher, von Liebe und körperlicher Nähe getragender Bindungen, um sich zu einer stabilen Persönlichkeit entwickeln zu können. Auch Menschenmütter haben deshalb von der Natur eine bestimmte physiologische Ausstattung bekommen, die die erforderliche Bindung an den Nachwuchs im Normalfall garantieren.
    Aus diesem schlichten (schlicht ist nicht immer auch schlecht) Grund halte ich es für unverantwortlich, wenn man Frauen den Floh ins Ohr setzt, die Erzieherinnen in Kindertagesstätten könnten zwölf Säuglinge oder Kleinkinder gleichermaßen innig lieben. Ich halte es für unverantwortlich, Müttern zu suggerieren, die Erziehung ihrer Kinder müsse professionalisiert und fremdbestimmt erfolgen. Ich halte es für unverantwortlich, Müttern die Erziehung der eigenen Kinder als minderwertig („Heimchen am Herd“) zu verkaufen. Ich halte es für unverantwortlich, Müttern die Zeit und die Ruhe zu nehmen, die sie in den ersten Lebensjahren ihres Kindes brauchen – für sich und für ihr Kind. Ich halte es für unverantwortlich, den Hort der Familie mit allen möglichen Diffamierungen zu zerstören.

    Wenn Mütter aus freien Stücken oder notgedrungen ihre Kinder frühzeitig abgeben, ist das ihre Sache und hat respektiert zu werden, aber regelrecht darauf zu drängen und überhaupt die Bedeutung stabiler familiärer Beziehungen zu marginalisieren, ist in meinen Augen fatal!

    Weit darüber hinaus reichen die Fragen, die die Gender- und Queer-Ideologen in den Raum gestellt und auch gleich beantwortet haben. Was soll man dazu sagen? Vielleicht das: Die Natur lässt vieles zu und produziert auch Spinner. Aber sie selbst sitzt am längeren Hebel. Sie wird nicht auf ihre Regeln und Erfolgsrezepte (ein Zusammenspiel aus bewahrend, also konservativ, und erneuernd) verzichten, bloß weil sich die „Krone der Schöpfung“ in ihrem Gehirn gerade etwas anderes zusammenphantasiert. Sie wird es höchstens zulassen, dass manche Populationen aussterben und andere, reproduktionsfreudigere und- brutpflegekompetentere nachrücken. Erneuerung im Sinne der Aufhebung der Sexualität ist wohl nicht zu erwarten, die Mechanismen der Arterhaltung sind doch ziemlich konservativ;-)

    Insofern kommt mir die bisherige Linie der AfD sehr entgegen.

  12. Pingback: Lucke “will alle echten Liberalen für uns gewinnen” | Alexander Dilger

  13. Pingback: Die drei Grundströmungen in der AfD | Alexander Dilger

  14. Pingback: Grundgesetz bewahren vs. System zerstören | Alexander Dilger

  15. Pingback: Parteien räumten konservative Positionen | Alexander Dilger

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.